Montag, 23. September 2019

Eidgenossen Die Schweiz gegen den Rest der Welt

Schweizer Fahne auf dem Brienzer See: Globalisierung, neue Technologien, Demographie und der Fall des Bankgeheimnisses sorgen für Ängste

Bundespräsident Gauck besucht ein zerrissenes Land: Das Veto gegen die Personenfreizügigkeit war die bislang letzte trotzige Reaktion der Schweiz gegen den Rest der Welt. Nirgendwo prallen Widersprüche so aufeinander wie in dem kleinen Land im Herzen Europas. Eine Bestandsaufnahme.

Zum Beispiel Johann Schneider-Ammann. Genau achtzehn Mal nahm der Wirtschaftsminister während seiner Rede gegen die Abzocker-Initiative das schöne deutsche Wort "Anstand" in den Mund. Anständig wolle man durchs Leben gehen und Vorbild sein, doch "die maßlose Gier" sei unanständig. 16 Monate später kommt heraus, dass der liberale Politiker aus dem Berner Oberland vor seiner Regierungszeit Briefkastenfirmen in Luxemburg und Jersey unterhalten und sogar geleitet hat, von 263 Millionen Schweizer Franken ist die Rede.

Oder Thomas Minder. Mit gewohnter Leidenschaft unterstützte der parteilose Ständerat die erfolgreiche Initiative der rechtskonservativen SVP gegen die "Masseneinwanderung". Kurz vor dem Urnengang wurde bekannt, dass Minders expandierende Schaffhauser Kosmetik-Firma Trybol AG auf mehreren Stellenportalen in Süddeutschland nach Fachkräften sucht.

Widersprüchlichkeiten sorgen auch anderswo auf der Welt für Irritationen. Doch nirgendwo prallen sie so gnadenlos aufeinander wie in diesem kleinen Land im Herzen Europas mit seinen Traditionen und Prinzipien.

Gräben ziehen sich quer durchs Land

Die Gräben ziehen sich quer durchs ganze Land, und der Rösti-Graben, jener helvetische Weißwurst-Äquator, der in etwa identisch ist mit dem Verlauf des 126 Kilometer langen Flüsschens Saane in der Region Fribourg, ist nurKlassifizierung dessen, was dieses Multi-Kulti-Land mittlerweile sonst noch alles zu bieten hat: Deutsch-Schweiz gegen Romandie, Stadt gegen Land, Anti-EU gegen Pro-EU, "Anständige" gegen "Abzocker".

Und so, als sei das alles noch immer nicht genug, setzen die Unentwegten noch eines drauf: Im Thurgauischen zum Beispiel fordern sie die Berücksichtigung des Dialekts im öffentlichen Raum. Dann soll die Stadt Weinfelden eben "Wiinfelden" heißen.

Die sprachliche Abschottung gegenüber dem vermeintlich mächtigen Nachbarn aus dem Norden ist eines der Probleme, über das nur widerwillig gesprochen wird. Sie resultiert - wie ähnliche Reflexe vergleichbar "kleinerer" Länder auch - aus einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex.

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