Donnerstag, 23. Mai 2019

Amazon-CEO Jeff Wilke im Exklusiv-Interview "Wir platzieren ständig neue Wetten"

Inside Amazon: So arbeitet es sich bei Amazon
Nick Pironio / manager magazin

Amazon-CEO Jeff Wilke über das Erfolgsgeheimnis des weltgrößten Online-Händlers und seine Rolle als Kronprinz von Jeff Bezos.

Das Interview ist Teil eines langen Gesprächs, das manager magazin für den Inside-Report über den innovativsten Konzern der Welt mit Amazon-CEO Jeff Wilke geführt hat. Der Chemie-Ingenieur Wilke ist Absolvent der Elite-Universitäten Princeton und MIT und verantwortet das Handelsgeschäft des Online-Giganten Amazon. Er ist seit 1999 bei Amazon. Im April vergangenen Jahres beförderte Gründer Jeff Bezos Wilke und Andrew Jassy, der die Cloud-Sparte AWS aufgebaut hat, zu CEO's. Intern gilt Wilke seit Jahren als Kronprinz.

manager-magazin.de: Herr Wilke, kaum ein Unternehmen wird gleichermaßen so gefürchtet und bewundert wie Amazon. Wie erklären Sie sich das?

Jeff Wilke: Unsere Art, ein Unternehmen zu führen ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Wer sich allerdings etwas von uns abschauen will, sollte sich anschauen, wie wir Fehler ermutigen und Experimente fördern. Amazon ist ein großartiger Platz, um zu scheitern. Je erfolgreicher ein Unternehmen wird, desto größer ist die Gefahr, dass es selbstzufrieden wird. Viele verlieren irgendwann den Anschluss und müssen dann alles auf eine vermeintlich große Idee setzen. Wir platzieren ständig neue Wetten, damit uns das nicht passiert.

mm.de: Bekannteste Flops sind Ihr Amazon Fire-Smartphone und die Vorläufer des heute so erfolgreichen Marktplatz-Modells: die ebay-Kopie Auctions und z-shops. Was war Ihr bisher persönlich größter Fehler?

Wilke: Als Jeff Bezos dem Top-Management seine Pläne vorstellte, mit dem Kindle das Buch zu digitalisieren, hielt ich das für keine gute Idee. Wir hatten bis dahin nur Software entwickelt und von Hardware keine Ahnung. Ich fürchtete, dass die Entwicklung des Kindle schwieriger und teurer werden würde, als dies die Planungen vorsahen. Jeff hat jedoch an die Idee geglaubt - und es hat sich gezeigt, dass er richtig lag.

mm.de: Trotzdem genießen Sie höchste Anerkennung und gelten als Kronprinz von Jeff Bezos. Seit einem Jahr sind Sie gemeinsam mit ihm und Andrew Jassy CEO. Wann übernehmen Sie das Ruder?

Wilke: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Ich liebe meinen Job. Jeff ist eine Inspiration für dieses Unternehmen und wird ihm noch lange erhalten bleiben.

mm.de: Funktioniert Amazon überhaupt ohne seinen Gründer?

Wilke: Unser Erfolgsfaktor ist unsere Unternehmenskultur und die ist nicht von einer Person abhängig. Seit Gründung gelten die Prinzipien: totale Obsession für den Kunden, erfinde und vereinfache sowie der Leitgedanke, alle Mitarbeiter als Aktionäre am Wachstum zu beteiligen und damit zu Mitunternehmern zu machen. 2001 haben wir uns schließlich hingesetzt und die Führungsprinzipien auf den heutigen Katalog erweitert. Derzeit sind es 14 und wir verbringen eine Menge Zeit damit, sie ständig zu überprüfen und sicherzustellen, dass sie gelebt werden.

mm.de: Viele Unternehmen haben sich einer Vision verschrieben und Grundpeiler einer Kultur geschaffen. Doch oft ist davon im Alltag wenig zu spüren. Was machen Sie anders?

Wilke: Unsere Prinzipien sind weit mehr als ein Poster an der Wand. Sie finden Einfluss in unsere Sprache, wir benutzen sie, um Feedback zu geben, einfach immer und überall.

mm.de: Wie evaluiert denn ein Unternehmen den Erfolg seiner Mitarbeiter, das lieber in die Zukunft investiert als seine Anleger mit üppigen Dividenden zu beglücken?

Wilke: Langfristig zu denken ist sehr schwierig, wenn man an Quartalsergebnissen gemessen wird. Jeff hat unsere Strategie aber mit seinem ersten Brief an die Aktionäre von 1997 klargemacht. Diesen Brief legen wir seither jedem Geschäftsbericht bei. Unsere Mitarbeiter konzentrieren sich auf die Inputs - die Dinge, die sie beeinflussen können - wie den Ausbau des Sortiments, die Verfügbarkeit der Waren und die Pünktlichkeit der Zustellung. Daran werden sie auch gemessen. Der Kunde steht immer im Fokus, und unser Job ist es, seine Erwartungen zu übertreffen.

mm.de: Sie basteln an fliegenden Warenhäusern, aus denen Drohnen ausschwirren bis hin zu autonom fahrenden LKW. Ihnen ist nichts zu abgedreht?

Wilke: Die Idee für die superschnelle Paketzustellung PrimeNow entstand beispielsweise in einem Meeting meines Teams. Wir haben einfach über die Möglichkeit diskutiert, Pakete innerhalb einer Stunde zuzustellen. Im Laufe der Diskussionen meldet sich meine technische Beraterin Stephenie Landry mit dem Wunsch, das Projekt umzusetzen und formulierte eine interne Pressemitteilung. Dieser Ansatz hilft uns, uns zu vergewissern, dass eine Idee einen echten neuen Nutzen für unsere Kunden schafft. Erst wenn wir davon überzeugt sind, beginnen wir damit, eine Lösung für die Herausforderungen zu suchen.

Das ging im Falle von PrimeNow extrem schnell. Zwar haben Sie das interne Ziel von 90 Tagen für die Umsetzung verfehlt, den neuen Service aber während des Weihnachtsgeschäfts in 111 Tagen auf die Beine gestellt. Wenn wir von etwas begeistert sind, wollen wir auch loslegen. Und ab und zu schadet es nicht, sich seiner eigenen Schnelligkeit zu versichern.

Amazons Mission: Lesen Sie hier den mm-Inside-Report über den innovativsten Konzern der Welt

mm.de: Amazon ist mit seinen 23 Jahren längst kein Start-up mehr. Ist die wachsende Größe nicht Ihre härteste Herausforderung?

Wilke: Natürlich ist das eine Herausforderung, aber wir haben neben unserer Kultur Mechanismen entwickelt, damit umzugehen. Sobald Einheiten wie das Cloud-Geschäft groß genug sind, sorgen wir dafür, dass sie völlig autonom geführt werden. Jede Sparte soll von einem Manager geführt werden, der jeden Morgen aufsteht und nur daran denkt, seinen Aufgabenbereich zum Erfolg zu führen. Auf diese Weise können wir schon noch eine ganze Weile wachsen.

mm.de: Derzeit suchen Sie neben dem eigenen Handelsgeschäft, dem Marktplatz und dem Cloud-Geschäft nach einer vierten Konzernsparte. Sind Sie schon fündig geworden?

Wilke: Es gibt eine Reihe von Optionen. Die künstliche Intelligenz Alexa wächst etwa rasant, aber auch Prime Video entwickelt sich erfolgreich. Wir haben gerade drei Oscars gewonnen. Und das war nur der Anfang. Eine abschließende Antwort kann ich Ihnen aber heute noch nicht geben, auch wenn es wahrscheinlich ist, dass Sie das Produkt oder den Service längst kennen, da wir meist fünf bis sieben Jahre benötigen, um einem Geschäftsfeld zum Durchbruch zu verhelfen.

mm.de: Sie haben mit dem Schuhhändler Zappos oder dem Roboterhersteller Kiva auch immer wieder Unternehmen zugekauft. Auch Neuentwicklungen wie Alexa oder die Videokonferenz-Software Chime beruhen auf Akquisitionen. Sie brauchen also auch Kreativität von außen.

Wilke: Wir kaufen immer wieder Unternehmen zu, wenn wir dadurch hochqualifizierte Mitarbeiter gewinnen oder Knowhow erwerben können. Die wesentlichen Entwicklungen wie der Marktplatz oder das Cloud-Geschäft sind jedoch von unseren eigenen Leuten entwickelt worden.

mm.de: US-Präsident Donald Trump hat Amazon im Wahlkampf ein Kartellrechtsproblem bescheinigt. Macht Ihnen das Sorgen?

Wilke: Wir haben bereits unter drei verschiedenen Präsidenten erfolgreich gearbeitet und werden dies auch in Zukunft tun. Für uns gibt es nur eine Gefahr...

mm.de: ...und die lautet?

Wilke: Dass wir den Kundenfokus verlieren und anfangen, uns zu viel mit dem Wettbewerb zu beschäftigen oder gar beginnen, über die Größe unserer Büros und unseren Titel zu diskutieren. Um das zu verhindern, beschwören wir immer wieder unser Philosophie: Es ist immer noch Tag 1, wir stehen immer noch ganz am Anfang. Wir wollen wie ein Start-up arbeiten.

mm.de: Tag 2 ist also nicht die Fortsetzung des Schöpfungsaktes, sondern der Beginn des Niedergangs?

Wilke: Möglicherweise.

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