Powell's City of Books in Portland Wie Amerikas größte Buchhandlung Amazon trotzt

Powell's City of Books in Portland: Der Umsatz steigt - trotz Amazon

Powell's City of Books in Portland: Der Umsatz steigt - trotz Amazon

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Ein Buchladen, so groß wie ein ganzer Straßenblock: Willkommen bei "Powell's City of Books" in Portland, US-Bundesstaat Oregon. In dem Geschäft stehen gut 200.000 Bücher auf 6300 Quadratmetern, 200 Mitarbeiter versorgen bis zu 8000 Kunden am Tag. Der Eigenwerbung zufolge ist Powell's die größte unabhängige Buchhandlung der Welt.

Miriam Sontz, die CEO, führt durch die Gänge, eine kleine Frau mit Brille und kurzen grauen Haaren. Die Bücher sind hier "enzyklopädisch" geordnet, sagt Sontz. Unter "Charles Dickens" finden sich neue und gebrauchte Ausgaben von "Hard Times" und "Oliver Twist" genauso wie Sekundärliteratur dazu. Kleine Papierkärtchen am Regal, handgeschrieben von Mitarbeitern ("Eine beeindruckende Prosa!"), sollen die Aufmerksamkeit auf besondere Bücher lenken.

"Wir sind anders", sagt Sontz. Und deshalb wahrscheinlich noch am Leben.

Powell's, das fünf Filialen in Oregon betreibt, gilt über die USA hinaus aus Branchenphänomen. Das Familienunternehmen hat dem mächtigen Konkurrenten Amazon  nicht nur die Stirn geboten, sondern seinen Umsatz trotz des Wettbewerbs aus dem Internet nach eigenen Angaben sogar auf über 50 Millionen US-Dollar im Jahr steigern können. Laut Sontz wuchs Powell's in den letzten fünf Jahren jeweils einstellig - gegen den Trend.

Wie Michael Powell Jeff Bezos abblitzen ließ

Beinahe wäre es anders gekommen. 1996 bat ein gewisser Jeff Bezos Sontz und ihren damaligen Boss, Miteigentürmer Michael Powell, um ein Treffen. Bezos, der mit seiner Website Amazon.com gerade erst ins Buchgeschäft eingestiegen war, wollte Powell's als Exklusivlieferanten für gebrauchte Bücher gewinnen.

Amazon verkaufte bis dahin nur neue Exemplare. Er rechnete vor, dass dank der Partnerschaft schon bald dreistellige Millionenumsätze möglich wären. Bezos war zu dieser Zeit erst zwei Jahre am Markt und wollte es mit "Barnes & Noble" aufnehmen, der größten Buchhandelskette des Landes. Powell's betrieb damals bereits einen Onlineshop und hatte viel Erfahrung mit dem Antiquariatsgeschäft.

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Powell's Bookshop: Die Amazon-Trutzburg

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Doch Sontz und Powell lehnten ab. Sie fürchteten, als namenloses Lagerhaus eines Start-ups zu enden, das ursprünglich unter der Domain relentless.com ("unerbittlich.com") online gehen wollte. Die Marke "Powell's" wäre für Amazon-Kunden nach dem Deal nicht sichtbar gewesen. "Bezos wollte uns konsumieren", sagt Sontz, "wir hätten unsere Unabhängigkeit verloren".

Es ist rückblickend schwer zu sagen, ob diese Entscheidung geschäftlich ein Fehler war. Powell's wäre als Partner von Bezos wohl deutlich schneller gewachsen.

Buchgeschäft ist emotional, persönlich - und nur begrenzt digitalisierbar

Sontz scheint das aber auch nicht so wichtig sein. Sie arbeitet seit 33 Jahren bei Powell's, der Laden ist ihr Leben. Für sie ist das Buchgeschäft emotional, persönlich - und nur begrenzt digitalisierbar. Sontz schwärmt von der Freude, ein Buch anzufassen, es zu riechen und darin zu blättern. Sie sagt: "Der Tsunami, der die Musikindustrie in die Knie zwang, ist deshalb an uns vorübergegangen. Wer streichelt schon eine CD?"

Sontz muss wahrscheinlich so reden, aber wer die vielen jungen Kunden in ihrem Laden sieht, wie sie durch die Gänge streifen, lesen und bezahlen, kann ihren Optimismus verstehen.

Bei Powell's gibt es ein Café zum Reden und Lesen, im Laden treten jährlich gut 300 Autoren auf. Das Geschäft gilt als die populärste Touristenattraktion der Stadt, die Einwohner sind stolz darauf. Was in Städten wie Los Angeles undenkbar wäre, gehört in der Hipster-Hochburg Portland zum alternativen Selbstverständnis.

Buchhandlung und Kulturzentrum - dagegen wirkt "Amazon Books" steril

Es ist diese Mischung aus Buchhandlung, Antiquariat und Kulturzentrum, die einen Großteil von Powell's Erfolg erklärt. Im Internet finden sich begeisterte Berichte von Besuchern, die sich lesen, als hätte es Amazon, Hörbücher und eBook-Reader nie gegeben. Vielmehr bieten sie die Antipode, die Powell's in seiner Nische erst recht gedeihen lässt.

Zweieinhalb Autostunden weiter nördlich, im Universitätsbezirk von Seattle, öffnete im November 2015 ein kleiner Buchladen. Die internationale Presse berichtete, das Ereignis schien einer Revolution gleichzukommen. Der Online-König Bezos wagte sich mit "Amazon Books" zum ersten Mal in das konventionelle Offline-Geschäft. Ein Experiment, das bei Gelingen auf bis zu 400 Läden ausgeweitet werden soll. Buchhändler weltweit fürchteten um ihre verbliebenen Umsätze.

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Inside Amazon: So arbeitet es sich bei Amazon

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Der Laden ist hübsch, aber ein wenig steril. Das Licht ist gedimmt, der Boden aus Holz, Sessel und Lederbänke laden zum Verweilen ein. Unter den Bücherstapeln ist jeweils eine schwarze Plastikkarte angebracht. Darauf: Die persönliche Kurzrezension eines Amazon.com-Kunden und die Sammelbewertung. 4,2 Sterne von 5, wie im Onlineshop, bloß auf Papier. Miriam Sontz erinnert dieses Konzept an Powell's handgeschriebene Mitarbeiterempfehlungen.

Im vergangenen Herbst eröffnete Amazon  die dritte Filiale - ausgerechnet in Portland. Für Bezos ("Deine Marge ist meine Chance") ist es wahrscheinlich der ultimative Test für die Großexpansion.

Dieser Text ist Teil der Recherche zum großen Inside-Report über Amazon, den innovativsten Konzern der Welt, den Sie in der aktuellen Ausgabe von manager magazin lesen.

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