Samstag, 20. April 2019

Finanzaufsicht Allianz muss Notfallplan vorlegen

Schärfere Regeln in Sicht: Die Allianz wird als systemrelevanter Versicherer mit schärferer Aufsicht und höheren Kapitalanforderungen rechnen müssen

Wie wickelt man die Allianz ab, ohne dass dies andere Finanzkonzerne in die Tiefe reißt? Der Versicherungsriese muss jetzt einen Notfallplan vorlegen. Denn internationale Aufseher halten die Allianz und acht weitere Versicherer für systemrelevant.

Frankfurt am Main - Die Allianz gehört zu den neun Versicherungskonzernen, die nach Auffassung ihrer Aufsichtsbehörden gefährlich für das weltweite Finanzsystem werden könnten. Der Finanzstabilitätsrat (FSB) der G20-Staaten legte jetzt eine erste Liste von systemrelevanten Versicherern (G-SII) vor, die mit Auflagen gebändigt werden sollen.

Die Assekuranzkonzerne müssen als erstes damit rechnen, dass die Aufseher ihnen strengere Eigenkapitalvorschriften machen als bisher. Die Allianz zählt demnach zu den systemrelevanten Versicherern, gilt allerdings schon als gut kapitalisiert. Der Konzern hatte damit gerechnet, in die Gruppe der G-SII aufgenommen zu werden.

Die Liste fiel unerwartet kurz aus. Zum Vergleich: Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hält 28 Kreditinstitute für systemrelevant. Allerdings war lange umstritten, ob Versicherer überhaupt in eine solche Lage kommen könnten. Den Aufsehern ist weniger die Größe ihres angestammten Geschäfts ein Dorn im Auge, sondern Aktivitäten, die sie anfällig machen für Krisen an den Finanzmärkten.

In den Jahren seit der Finanzkrise übernehmen Versicherer immer mehr Aufgaben, die traditionell Sache der - heute geschwächten - Banken waren. Sie vergeben Kredite, halten und handeln Derivate. Aber auch komplexe Produkte wie bestimmte fondsgebundene Lebensversicherungen machen sie stärker von den Kapitalmärkten abhängig.

Auf der Liste stehen neben der Allianz Börsen-Chart zeigen die US-amerikanischen Versicherer AIG Börsen-Chart zeigen, MetLife und Prudential Financial , die italienische Generali Börsen-Chart zeigen, die britischen Versicherer Aviva Börsen-Chart zeigen und Prudential Börsen-Chart zeigen, die französische Axa Börsen-Chart zeigen sowie die chinesische Ping An. Die Liste soll künftig jedes Jahr im November aktualisiert werden. Ob auch Rückversicherungskonzerne wie die Münchener Rück oder Swiss Re systemrelevant sein können, will der FSB erst in einem Jahr entscheiden.

Der US-Versicherungsriese AIG war schon 2008 zum spektakulärsten Opfer der Finanzkrise neben der US-Investmentbank Lehman Brothers geworden - nicht wegen des Versicherungsgeschäfts, sondern wegen seiner Eskapaden an den Finanzmärkten.

Vor allem der Grad der Vernetztheit ist relevant

Die internationale Vereinigung der Versicherungsaufseher (IAIS) hatte zuvor die Kriterien für die Systemrelevanz und die Maßnahmen vorgestellt, die den betroffenen Konzernen auferlegt werden sollen. Der FSB handelt im Auftrag der wichtigsten 20 Industrie- und Schwellenländer (G20), deren Finanzminister sich am Wochenende in Moskau treffen.

Mit einer umfassenderen Aufsicht und einem dickeren Polster an Eigenkapital wollen sie verhindern, dass die Versicherer in einer Schieflage gefährlich für das ganze Finanzsystem werden können. Zudem sollen sich die Konzerne - wie die großen Banken auch - nicht mehr sicher sein können, dass sie in einer prekären Situation vom Staat aufgefangen werden. Dieses Bewusstsein hatte vor der Finanzkrise falsche Anreize gesetzt, die Branche war zu große Risiken eingegangen.

Anders als bei den Banken komme es bei den Versicherern nicht auf die absolute Größe an, sondern um die Vernetztheit im Finanzsystem, erklärte die IAIS. Bei den großen Rückversicherern gehe es vor allem um die Frage, wie leicht jeder einzelne von ihnen ersetzbar ist und wie man sie überhaupt zähmen kann.

Auflagen zu systemrelevanten Banken unterscheiden sich kaum

Die Auflagen für systemrelevante Versicherer unterscheiden sich dagegen kaum von denen für große Banken: Sie sollen enger von den Aufsichtsbehörden beobachtet werden und Pläne vorlegen, wie sie im Notfall abzuwickeln wären, ohne andere Teile der Finanzbranche in Mitleidenschaft zu ziehen. Als Sofortmaßnahme sollen sie eine Mindesteigenkapitalausstattung vorweisen, damit sie in einer Krise nicht so schnell umfallen. Später sollen sich die Kapitalzuschläge nur auf das Nichtversicherungsgeschäft beziehen - doch dafür braucht es erst einheitliche Standards.

Deshalb will die IAIS im Oktober weltweit geltende Kapital- und Aufsichtsregeln für die Versicherer entwickeln. Für Banken waren sie bereits 2010 beschlossen worden. Die stärker am Risiko ausgerichteten "Solvency II"-Vorschriften für die Versicherer, um die in Brüssel noch heftig gerungen wird, gelten nur für die EU. Sie sollen spätestens 2017 in Kraft treten.

rei/rtr

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