Weltmacht China Ein Volk macht mobil

In keinem Land der Welt spielt das Internet eine so bedeutende Rolle wie in China. Chinas Internetriesen Baidu, Renren und Alibaba verfolgen das Modell der "second generation innovation" - und lassen damit die US-Konkurrenz alt aussehen.
Smartphone-Nutzer in China: Alle Augen auf den Bildschirm

Smartphone-Nutzer in China: Alle Augen auf den Bildschirm

Foto: Corbis

Peking - Vergangene Woche saß ich in Peking in einem Restaurant der Kette South Beauty. Ich war alleine und hatte deshalb Zeit, die anderen Gäste zu beobachten. Unter ihnen waren einige Paare. Was mir auffiel: Sie sprachen nicht miteinander. Jeder schaute nur auf sein Smartphone. Nur gelegentlich blickten sie auf, um mit den Stäbchen ein paar Happen der scharfen Sichuan-Kost zu sich zu nehmen.

In der Metro auf dem Weg zurück ins Hotel dasselbe Bild: Fast alle meine Mitfahrer - ob sitzend oder stehend - stierten auf ihre Mobiltelefone. Und auf der Straße begegneten mir jede Menge Autisten, die ihre Augen starr auf ihren mobilen Alleskönner richteten und ihre Mitmenschen keines Blickes würdigten, was manchmal zu unvermeidlichen Kollisionen führte.

Kein Volk ist so mobil und Internet-affin und wie die Chinesen. Höchstens die benachbarten (Süd-)Koreaner können da noch mithalten. 564 Millionen Chinesen hatten Ende 2012 Zugang zum Internet. Bereits knapp 200 Millionen Chinesen erledigen ihre Bankgeschäfte online. Der E-Commerce boomt wie in keinem anderen Land der Welt. Waren im Wert von 210 Millliarden Dollar wurden im Jahr 2012 von Chinesen im Internet bestellt.

Das Land hat bereits große, dominierende Internetfirmen, von denen viele an den Börsen in Hongkong oder auch New York gelistet sind. Manche im Westen erklären ihren Erfolg damit, dass diese Online-Giganten einfach nur ihre westlichen Vorbilder kopieren. Das ist freilich zu kurz gedacht.

Wie Baidu Google verdrängte

Gerade bei den Internetfirmen kann man sehr gut das chinesische Innovationsmodell studieren. "China ist Meister in der second-generation Innovation", analysiert Dan Breznitz, Professor an der amerikanischen Georgia University of Technology, in seinem Buch Run of the Red Queen, in dem er den Innovationspfad Chinas beschreibt. Die Chinesen marschieren nicht vorweg, sondern studieren sehr genau, was die vor ihnen gemacht haben. Dann machen sie es nach und verbessern es.

Ein gutes Beispiel für diese Strategie sei - schreibt Breznitz - das Internetunternehmen Baidu. Die chinesische Suchmaschine wurde 2000 gegründet. Vorbild war natürlich Google  . Längst dominiert Baidu in China, Google zog sich frustriert aus dem Markt zurück.

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Fotostrecke: Chinas Web-Riese Alibaba

Foto: Vincent Yu/ AP

Baidu ist kein Einzelfall. Fast alle führenden chinesischen Internetunternehmen waren anfangs ein Abklatsch ihrer amerikanischen Vorbilder. Weibo kopierte den Mikroblogger Twitter, Tencent den Instant Messenger Service ICQ, Youku das Viceoportal Youtube, Renren das soziale Netzwerk Facebook  , WeChat (Weixin) den Messenger WhatsApp, und Alibaba den Online-Verkäufer Ebay.

Der unaufhaltsame Aufstieg von Alibaba

Doch alle diese Imitatoren haben sich längst weiterentwickelt und sind zum Teil besser als die Originale.

So ist Alibaba inzwischen einer der führenden E-Commerce-Konzerne der Welt, der auch in Europa schon über sieben Millionen registrierte Kunden hat. Alibaba bietet fast alles an: B2B, C2C (mit seiner Marke Taobao) und das Bezahlsystem Alipay gleich dazu.

Über fünf Prozent des chinesischen Einzelhandels wird bereits über Alibaba abgewickelt. Für ausländische Marken - wie zum Beispiel Adidas  , GAP oder Samsung  - ist dies ein interessanter Absatzkanal. Online erreichen sie vor allem Kunden in den kleineren Städten, wo sie noch keine Geschäfte haben und auch nie welche haben werden.

Shopper in diesen sogenannten low-tier cities - das ergab eine Umfrage von Taobao - kaufen häufiger via Internet ein als ihr Landsleute in Peking, Shanghai oder anderen Metropolen. Bestellt wird dabei immer häufiger per Smartphone und nicht per PC. China hat da eine Vorreiterrolle: Während im Westen nur 30 Prozent der Online-Käufe per Handy getätigt werden, sind es in China nach einer Untersuchung von PricewaterhouseCoopers bereits 62 Prozent.

Social Media viel wichtiger als TV-Werbung

Und noch etwas ist in China anders: Vor einem Online-Kauf informieren sich die Chinesen über das Produkt sehr intensiv in den sozialen Netzwerken, sei es bei Weibo, Qzone, Renren oder Penyou. Diese Social Media spielen bei der Kaufentscheidung eine viel wichtigere Rolle als im Westen.

Vor allem die jüngere Generation läßt sich nicht mehr von TV-Werbung beeinflußen, sondern von dem, wie sich eine Marke in den Social Media präsentiert, und wie dort über sie diskutiert wird. Für die Unternehmen bedeutet dies, dass sie in den sozialen Netzwerken mit einem guten Auftritt präsent sein müssen.

Und sie müssen dort sehr genau die Diskussion über ihre Produkte verfolgen. Denn es kann passieren, dass diese plötzlich - berechtigt oder nicht - in die Kritik geraten, die sich innerhalb kürzester Zeit im Netz verbreitet.

Diese negative Erfahrung musste die amerikanische Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken (KFC) erfahren. Im Internet verbreitete sich Ende vergangenen Jahres der Vorwurf, dass KFC mit Antibiotika gefütterte Hühner verwende. Der Umsatz brach drastisch ein. Und bis heute hat der Hähnchen-Verkäufer an diesem Problem zu knabbern.

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