Infrastruktur als Börsen-Sedativ So bringen Anleger Ruhe in ihr Aktiendepot

Lange ging es an der Börse nicht mehr so unruhig zu, wie zurzeit. Wohl dem, der Papiere im Depot hat, die nicht jede Börsenschwankung mitmachen - das gilt zum Beispiel für Infrastrukturwerte.
Ein Bild der Ruhe: Hochspannungsmasten können auch bei Aktionären für Entspannung sorgen.

Ein Bild der Ruhe: Hochspannungsmasten können auch bei Aktionären für Entspannung sorgen.

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Ein Minus von lediglich knapp einem Prozent im Aktiendepot, in einem Monat, in dem beispielsweise der europäische Aktienindex EuroStoxx 50  oder auch der hiesige Leitindex Dax  um jeweils etwa 7 Prozent einbrachen, das hätten wohl viele Investoren gerne erreicht. Fondsmanagerin Susanne Linhardt vom Investmenthaus Bantleon ist dies im turbulenten Oktober dieses Jahres gelungen - mit ihrem auf europäische Infrastrukturtitel ausgerichteten Fonds.

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Die Performance passt ins Bild: Infrastrukturaktien gelten als solide, wenig volatil und in der Regel kaum von konjunkturellen Schwankungen abhängig. Das hat zwar den Nachteil, dass die Kurse dieser Papiere dem Markt in Zeiten starken Aufschwungs mitunter hinterherhinken. Geht es an der Börse abwärts, so fallen die Verluste aber oft eben auch nicht so drastisch aus.

Hintergrund sind die Umstände, unter denen Unternehmen im Infrastruktursektor tätig sind, also in Bereichen, die die Grundlagen einer Wirtschaft bilden und als Basis für deren Wachstum dienen, wie Straßenbau, Strom- und sonstige Versorgung, Transportwesen sowie mittlerweile verstärkt auch die volkswirtschaftliche IT-Ausstattung. Typisch sind bei diesen Firmen häufig monopolistische Marktstellungen und sehr langlaufende Verträge sowie zum Großteil eine mehr oder weniger verlässliche staatliche Regulierung.

All dies zusammen führt für die Unternehmen sowie für deren Investoren zu vergleichsweise stabilen Cashflows - sowie nicht selten zu relativ stetigen Aktienkursverläufen.

Investitionsbedarf schafft Kursfantasie

Hinzu kommt noch: Weltweit gilt ein Großteil der Infrastruktur in vielen Ländern als rückständig oder marode, weshalb hohe Investitionen vielerorts überfällig zu sein scheinen. US-Präsident Donald Trump etwa hatte das Thema neben anderen in den Fokus seines Wahlkampfes gerückt und Milliardeninvestitionen versprochen. Auch dies kann Aktienkursen künftig gut tun.

"Betrachtet man den Aufholbedarf der Bundesrepublik in diversen Verkehrsprojekten und der Netzabdeckung in der Telekommunikation, so ist es gut vorstellbar, dass zukünftig von der Politik mehr staatliche Förderungen und Anreize kommen, die dem Infrastruktursektor Auftrieb geben sollten", meint Michael Thaler, Vorstand der TOP Vermögen AG, München. "Sie stellen also eine sinnvolle Beimischung dar."

Soweit der Blick aus der Vogelperspektive. Wer genau hinschaut, erkennt indes rasch, dass schon die Definition dessen, was als Infrastrukturaktie gilt, ein mitunter kniffliges Unterfangen sein kann. Manche Firmen bewegen sich bestenfalls am Rande des denkbaren Spektrums oder sind - wie zum Beispiel der Mischkonzern Siemens  - nur mit einem Teil ihrer Aktivitäten in diesem Genre tätig. Zudem verlaufen die Geschäfte der Unternehmen, die sich dem Infrastruktursektor zurechnen, keineswegs alle gleichermaßen unabhängig von der Konjunktur.

Worauf bei Infrastrukturaktien zu achten ist

Fondsmanagerin Linhardt etwa konzentriert sich auf den Bereich der Basis-Infrastruktur, also jene Branchen und Unternehmen, die im engsten Sinne die Grundlagen der Volkswirtschaft bereitstellen, und zwar in den Sparten Versorger, Telekom sowie Transport. Dort seien die erwünschten Eigenschaften des Infrastruktursektors - lange Planungssicherheit, verlässliche Regulierung, stabile Cashflows - am stärksten ausgeprägt, so Linhardt gegenüber manager-magazin.de. Im Portfolio hat sie beispielsweise die spanische Telekom-Infrastruktur-Firma Cellnex sowie das Papier von Terna, einem Unternehmen, das praktisch über ein Monopol bei Hochspannungsnetzen in Italien verfügt, so Linhardt.

Ohnehin beschränkt sich Linhardt auf Firmen aus Europa. "Diese Unternehmen können wir schon allein aufgrund der räumlichen Nähe besser beurteilen", sagt sie. "Dennoch ist unser Portfolio indirekt global ausgerichtet, denn unsere Zielunternehmen sind in der Regel in aller Welt aktiv."

Auch Frank Wieser, Chef der Düsseldorfer Vermögensverwaltung PMP, hält Infrastrukturaktien derzeit zumindest für eine gute Depotbeimischung, wie er gegenüber manager-magazin.de sagt. "Es stellt sich bei solchen Projekten nicht die Frage nach Brexit, Italien oder Handelskrieg", so Wieser. "Solche Projekte haben einen ganz anderen Zyklus und hängen schlichtweg davon ab, ob die Bevölkerung sie braucht oder nicht."

Zudem nennt der Investmentprofi noch ein weiteres Plus: Die Dividenden-Ausschüttungen der Unternehmen seien besser kalkulierbar als bei anderen Aktien - und sie lägen meistens über dem allgemeinen Durchschnitt.

Eine Einschränkung macht allerdings auch Wieser: Bei der Planungssicherheit, die Infrastrukturunternehmen der Theorie zufolge auszeichnet, gibt es in der Praxis mitunter Einschränkungen. "Externe Faktoren können die Performance erheblich beeinflussen", sagt der Investmentprofi. "Änderungen bei den Zinsen und politische Entscheidungen haben erheblichen Einfluss."

Was Wieser anspricht, mussten insbesondere Investoren am hiesigen Aktienmarkt schmerzlich erfahren: Nach der Katastrophe von Fukushima vor einigen Jahren machte die Bundesregierung bekanntlich eine drastische Kehrtwende bei ihrer Energiepolitik. Unter dem Schlagwort "Energiewende" beschloss sie das Ende der Atomkraftnutzung hierzulande. Ein gesellschaftlich zweifellos sinnvolles Vorhaben - zahlreiche Anleger an der Börse wurden aber kalt erwischt: Mit der Entscheidung brachte Berlin die Kernkraftwerksbetreiber Eon  und RWE  in ziemliche Not - und ließ deren Aktienkurse schlagartig einbrechen.

Und noch eins sollten Anleger, die jetzt auf Infrastrukturaktien schauen, nicht vergessen: Die Turbulenzen an der Börse dauern bereits einige Zeit an - ist es nicht vielleicht schon zu spät, jetzt noch umzusatteln? "Ob es nach den bisherigen Kursstürzen noch richtig ist, in Infrastrukturaktien zu investieren, wage ich zu bezweifeln", sagt etwa Uwe Eilers, Geschäftsführer der Frankfurter Vermögen. Vor solch einem Rückgang wäre es richtig gewesen, in dem Segment positioniert zu sein, so Eilers. Jetzt gelte es jedoch eher, die "ausgebombten Titel" auszuwählen.

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