Absturz eines Neue-Markt-Stars So wurde Aixtron zum China-Schnäppchen

Wafer von Aixtron: Hoch geflogen, tief gestürzt

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Es ist schon reichlich selbstbewusst, wie die Führungsriege von Aixtron ihr eigenes Scheitern kommentiert. "Mit dem FGC haben wir einen Partner gefunden, der uns einen lokalen Marktzugang bietet und damit unsere Geschäftsziele in Asien unterstützt", gab Aufsichtsratschef Kim Schindelhauer am Montag zu Protokoll. "Vorstand und Aufsichtsrat begrüßen das Angebot", sagte Vorstandschef Martin Goetzeler. "Es kommt zur richtigen Zeit."

So eben noch rechtzeitig, hätte er auch sagen können. Geradezu herbeigesehnt hat das Aixtron-Management zuletzt den Zugriff von außen. Erst im März hatte sich das Unternehmen, das aus einer Ausgründung der RWTH Aachen hervorgegangen ist, selbst zum Verkauf gestellt. Dabei könnte sich das am Montag kommunizierte Übernahmeangebot des Fujian Grand Chip Investmentfonds (FGC) aus China als der Schlussakt im Drama um die einstige Neue-Markt-Ikone erweisen, auch wenn es so natürlich nicht rüberkommen soll.

Zumindest die Eigenständigkeit hat Aixtron in den vergangenen Jahren verspielt, das ist nun endgültig klar. Zu lange schon schreibt das Unternehmen Verluste, zu lange schon fehlt Anlegern die Phantasie, was aus dem LED- und Halbleiter-Ausrüster in Zukunft eigentlich werden soll.

Investoren mussten in den vergangenen Jahren einen extremen Kursrutsch hinnehmen. Noch Anfang 2011 notierte die Aktie bei 31 Euro. Bis zum Februar dieses Jahres rauschte das Papier um 90 Prozent in die Tiefe. Erst die Aussicht auf einen Käufer päppelte das Papier wieder ein wenig auf. Das Sechs-Euro-Angebot von FGC taxiert Aixtrons Wert auf gerade noch 670 Millionen Euro.

Absturz im Jahr 2012

Auch operativ regiert bei Aixtron das Prinzip Hoffnung. Im ersten Quartal rutschte das Unternehmen tiefer in die roten Zahlen. Der Ebit-Verlust weitete sich um 67 Prozent auf 14,7 Millionen Euro aus. Auch die Erlöse brachen ein - um fast die Hälfte auf gerade noch 21,4 Millionen Euro.

Gut Wetter machte Vorstandschef Goetzeler zuletzt hingegen bei neuen Aufträgen. Bei diesen gab es seinen Angaben zufolge einen Zuwachs um 42 Prozent auf 44,4 Millionen Euro.

Vier Verlustjahre in Folge, vage Perspektive

Ist eine solch vage Perspektive attraktiv für normale Investoren? Nur wenn sie nervenstark sind, schrieb "Börse Online" vor drei Wochen. Am attraktivsten sei an Aixtron noch die Aussicht auf eine Übernahme.

Aixtrons Absturz beschleunigte sich im Jahr 2012, als der Umsatz sich mehr als halbierte und das Unternehmen tief in die roten Zahlen rutschte. Auf einen Betriebsverlust 2012 in Höhe von 132 Millionen Euro folgten drei weitere Verlustjahre. Zwar reduzierte sich der Verlust in 2015 auf 26 Millionen Euro, doch auch die Umsätze waren kontinuierlich gefallen: Lagen sie 2011 noch über 600 Millionen Euro, fielen sie inzwischen unter die Marke von 200 Millionen Euro. Bei sinkenden Marktanteilen muss Aixtron dennoch hohe Kosten für Forschung und Entwicklung schultern, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Aixtron leidet seit Jahren unter dem Preisdruck der zumeist asiatischen Konkurrenz. Zuletzt hatte der Großkunde San'nan aus China einen Auftrag kräftig zusammengestrichen, die Aktie von Aixtron fiel daraufhin zeitweise unter die Marke von drei Euro.

Potenzieller Käufer versucht Angst vor Stellenstreichungen zu nehmen

Aixtron erwirtschaftet rund 60 Prozent seines Umsatzes in Asien, die USA (22 Prozent) und Europa (18 Prozent) spielen nur eine Nebenrolle. Ein verbesserter Marktzugang in China, den sich Aixtron von der Übernahme durch Fujian Grand Chip erhofft, soll so auch die wichtigste Säule des Geschäfts stärken.

Der potenzielle Käufer versucht wie üblich, die Angst vor Stellenstreichungen zu nehmen. Die Aixtron-Belegschaft soll keine Angst vor Stellenstreichungen haben, im Gegenteil: "Nachhaltiges Wachstum wird zu einem Ausbau der Belegschaft bei Aixtron führen", sagte der chinesische Geschäftsmann Zhengdong Liu, dem der FGC-Fonds mehrheitlich gehört. Hinter FGC stehe außerdem als Geldgeber der mit rund 20 Milliarden US-Dollar ausgestattete Halbleiter-Staatsfonds Sino IC, hieß es aus Industriekreisen.

Der Firmensitz von Aixtron solle im nordrhein-westfälischen Herzogenrath bleiben. Auch der Vorstand bleibe im Fall einer geglückten Übernahme im Amt, so Liu.

Alles easy also für Aixtron? Nur wenn der Plan wirklich aufgeht, den chinesischen Markt künftig von Deutschland aus zu erobern. Und eben nicht nach ein paar Jahren Maschinen und Know-How in die Volksrepublik zu transferieren.

Analysten halten Gegenangebot und Bieterkampf um Aixtron für unwahrscheinlich

Analyst Tim Wunderlich von der Privatbank Hauck & Aufhäuser meinte, dass Aixtron mit den Chinesen im Rücken besser dastehen dürfte als wenn das Unternehmen weiter alleine agiert. Eine neue Muttergesellschaft aus dem riesigen Reich dürfte den Rheinländern helfen, ihren Marktanteil im chinesischen LED-Geschäft wieder zu erhöhen. Und dieses Wachstumspotenzial reflektiere das aktuelle Angebot von FGC.

Ein Bieterkampf um Aixtron und damit ein weiterer Kurssprung erscheint derweil eher unwahrscheinlich. Dies spiegelt sich allein schon im Kurs wider, der deutlich unter der Offerte von 6 Euro notiert. Nach Auffassung von Wunderlich erwarten die Anleger kein Gegenangebot des wichtigsten Aixtron-Konkurrenten Veeco, da beide Unternehmen dann quasi ein Monopol hätten. Einen solchen Zusammenschluss würden die Kartellwächter wohl nicht akzeptieren.

Ohne große Auflagen hingegen dürften Aufsichtsbehörden in China, Südkorea und Deutschland eine Übernahmen von Aixtron durch FGC durchwinken, schrieb Analyst Tammy Qiu von Berenberg Research.

Abgesehen von den kartellrechtlichen Fragen müssen mindestens 60 Prozent der Aixtron-Anleger das Angebot annehmen, damit die Übernahme zustande kommt. Die Angebotsfrist kann voraussichtlich im Juli beginnen, damit das Geschäft im laufenden Jahr abgeschlossen werden kann.

mit Material von dpa
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