Umstrittenes Marketing von Exporo und Co. Wie digitale Drücker Kleinanleger in riskante Investments locken

Wohn- und Geschäftshäuser in der Hamburger HafenCity: Auf der Suche nach renditestarken Anlagen schaut so mancher nicht mehr so genau hin, wohinein er da eigentlich investiert

Wohn- und Geschäftshäuser in der Hamburger HafenCity: Auf der Suche nach renditestarken Anlagen schaut so mancher nicht mehr so genau hin, wohinein er da eigentlich investiert

Foto: Christian Charisius/dpa

Das Geschäftsprinzip war so einfach wie betrügerisch. Immer wieder verkauften die Angeklagten im hessischen Marburg eine ganze Reihe von Immobilien hin und her - für immer höhere Preise. Und erschwindelten sich so dicke Kredite, mit denen sie sich teure Autos und einen exklusiven Lebensstil finanzierten. Als die Blase platzte, waren Hunderte Kleinanleger, die ihr Geld über die Crowdinvesting-Plattform Exporo angelegt hatten, die Gelackmeierten - auf der Suche nach einer auskömmlichen Rendite mit vermeintlich sicheren Immobilien.

Dass sie ihr Geld jemals wieder sehen werden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Denn was die mehreren Hundert Privatanleger da über die Crowdinvesting-Plattform kauften, war kein "Betongold", sondern ein nachrangiges Darlehen eines Geldinstituts, das die Crowindinvesting-Plattform in kleine Tranchen gestückelt an hunderte Kleinanleger weitergegeben hatte. Für die Anleger bedeutet das, dass sie erst Geld sehen, wenn alle erstrangigen Gläubiger ihr Geld bekommen haben.

Die Mär vom Betongold, das eigentlich keines ist

Exporo warnt seine Anleger deshalb auch pflichtgemäß auf seiner Seite, dass der Einstieg bei seinen Projekten "mit erheblichen Risiken verbunden" ist und "zum vollständigen Verlust des eingesetzten Vermögens führen" kann. Bei seinen Werbespots auf Youtube musste Exporo seine Warnhinweise in der Vergangenheit aber nachbessern.

Eine Warnung, von der sich jedoch immer weniger Anleger abschrecken lassen. Locken bei den Investments auf den sogenannten Crowdinvesting- oder Crowdlending-Plattformen doch Zinsen von 5 bis zu 7,5 Prozent - eine Rendite, die vielen im Vergleich zu konventionelleren Anlageformen lukrativ erscheint.

Entsprechend stark ist die Begeisterung für das sogenannte Crowdinvesting, bei dem sich viele Kleinanleger für eine Finanzierung zusammentun, in den vergangenen Monaten gestiegen. Flossen laut der Branchen-Plattform crowdfunding.de 2017 noch knapp 130 Millionen Euro über den Schwarm in Immobilienprojekte, waren es 2018 bereits mehr als 210 Millionen Euro und 140 Projekte allein in Deutschland. Im Jahr 2019 waren es alleine im ersten Halbjahr schon mehr als 155 Millionen Euro. Und "so wie es aktuell aussieht, wächst der Markt weiter deutlich", sagt Michael Harms, der für die Branchenseite Crowdinvest den Markt beobachtet.

Vermeintliches Betongold als Ersatz für Tagesgeld

Besonders kurzlaufende Investments sind aktuell sehr begehrt - und werden den Plattformen zum Teil regelrecht aus den Händen gerissen, berichtet ein Branchenkenner: "Da gehen sechsstellige Investments innerhalb von zwei Minuten weg."

Anbieter, die solche Kredite digital an Kleinstanleger vermitteln, sind in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Neben dem deutschen Marktführer Exporo haben auch traditionelle Finanzinstitute das lukrative Geschäft mit dem Schwarm entdeckt. So ist die Commerzbank über eine Tochter an dem Crowdinvesting-Portal Bergfürst beteiligt. Und auch unter dem Immobilien-Label Engel & Völkers existiert mittlerweile ein Crowdinvesting-Geschäft.

Damit sich für die zahlreichen Projekte genügend Finanziers finden, setzen die Anbieter oft auf einen nicht unumstrittenen Marketingmix, bei dem sogenannte Mikro- oder Nano-InfIuencer eine große Rolle spielen: Blogger, Youtuber mit meist nur einigen hundert Followern, die oft über eine Vielzahl sozialer Netzwerke von Instagram bis Twitter für ihre kleine Fangemeinden über Investments berichten - und damit Geld verdienen.

Sie rühren für die Crowdfunding-Anbieter die Werbetrommel und verdienen unter anderem über sogenannte Affiliate-Links daran, wenn diese dann bei den Plattformen investieren. Dabei können die Anbieter nachvollziehen, über wen der Kunde zu ihnen gekommen ist,

Bezahlmodelle gibt es viele: von Einmalzahlungen für Neukunden bis zu prozentualen Beteiligungen bei Erst- und Folgeinvestments. Um Vertragsabschlüsse für potenzielle Neukunden besonders attraktiv zu machen, gibt es zudem oft sogenannte Boni oder Cashbacks: Geld, das nach dem Investment direkt zurückkommt. Mal 100 Euro, mal 50 - keine Riesenbeträge.

Aber Kleinvieh macht auch Mist. Und damit das mit der Weiterempfehlung der Kundschaft möglichst effizient läuft, liefern manche Plattformen die mit Kaufempfehlungen zugepflasterten Newsletter-Entwürfe für die Blogger gleich mit. Und manchmal gibt es für Blogger, die andere Blogger werben, die dann ihrerseits wieder Kunden locken, auch noch die ein oder andere monetäre oder Meilen-Belohnung obendrauf.

Kleinstanlegerwerbung über "provisionsbasierte Drückerjobs

"Das sind letztlich provisionsbasierte Drückerjobs", fasst der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Crowdsourcing Verbands, Michael Gebert, die Entwicklung zusammen, die er seit rund zwei Jahren verstärkt beobachtet.

Für die Plattformen und die Finanzblogger ist die Vertriebsstruktur, die als günstige Alternative zu teurer Suchmaschinen-Werbung entstand, eine Win-Win-Situation. Die Blogger machen Kasse und die Crowdfunding-Plattformen kommen günstig an neue Kunden.

Und sie bewegen sich in einem Umfeld, dem viele Nutzer noch Vertrauen und Authentizität zusprechen - und in dem die Reaktionsraten deutlich höher liegen als sie sich durch klassische Werbeträger oder Internet-Promis erzielen ließen.

Dass viele der Blogger, die da im Internet über ihre erfolgreichen Immobilieninvestments prahlen und zum Teil auch so tun, als hätten sie besondere Einblicke in die Materie, gar nicht durchblicken, wofür sie da die Werbetrommel rühren, stört dabei weder die Anbieter noch die willfährigen Vertriebler. Schließlich, so häufig das Argument, sei es ja nur eine Privatmeinung, die sie äußern. Und die sei weder justiziabel noch falle sie unter das Wertpapierhandelsgesetz.

Sind die Kunden einmal auf der Plattform, halten diese teilweise weitere Psychotricks bereit, die an Mechanismen erinnern, wie sie beim Homeshopping oder auf dem Fischmarkt angewendet werden: Mal gibt's als Beigabe noch ein paar Tausend Lufthansa-Meilen obendrauf, ein Balken zeigt an, dass es nur noch wenige verbliebene Investmentslots gibt, dann suggerieren diverse gekaufte Siegel den Kunden Sicherheit - auch wenn der Prüfinhalt mit den Investments überhaupt nichts zu tun hat.

Möglicherweise verstößt nichts davon gegen Gesetze. Aber den Investoren sollte klar sein, dass es letztlich ihre Rendite ist, von der die Provisionen, die Boni, die Kosten für die Meilen und die Siegel abgehen, und dass hinter den Zinsen, von denen sie oft nur einen Bruchteil bekommen, ein entsprechendes Risiko steht.

Und dass sie, wenn ihnen gar nicht so genau klar ist, in was sie da investieren - wie in Marburg - Gefahr laufen, den Ferrari windiger Immobilienjongleure zu finanzieren.

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