Samstag, 25. Mai 2019

Boulevardblatt am Ende Twitter tötete die "Abendzeitung"

Twitter: Für Star-Nachrichten braucht man keine Boulevardzeitung mehr

Mit Twitter kann sich jeder seine Star-Nachrichten selbst zusammenstellen - und braucht daher keine Boulevardzeitung mehr. Leider. Denn der Filter des Boulevardjournalismus hat Vorteile.

Seitdem gestern die Münchner "Abendzeitung" Insolvenz anmeldete, überschlagen sich die klugen Analysen der Kollegen über die Gründe: Dass sie kein Konzept mehr hatte, dass sie zu sehr eingekeilt war zwischen TZ und Bild, dass sie zu wenig mit der SZ kooperierte, dass die Verleger zu wenig Mut hatten und zu viel Spardruck ausübten. Daran wird viel Wahres sein. Ein Mitverantwortlicher fehlt allerdings bislang in den Kommentaren: Twitter.

Nehmen wir nur mal den vergangenen Sonntag. Es ist Oscar-Verleihung, die Moderatorin Ellen Degeneres zückt ihr Smartphone und macht ein Gruppenbild mit Stars. Dann tweetet sie es - man ist ja jung und modern - in die Welt. Wenige Stunden später haben es mehr als drei Millionen Menschen mit dem Kurzdienst weitergeleitet, so viele wie kein anderes.

Nun hat das Foto nicht gerade einen hohen Newswert. Dass die Stars Brad Pitt, Kevin Spacey, Jennifer Lawrence oder auch Julia Roberts sich im selben Raum befinden, wussten bereits die Millionen Zuschauer der Preisverleihung. Auch sieht man die Schauspieler nicht bei einer ungewöhnlichen oder lustigen Begebenheit. Sie alle zeigen sich so, wie sie gesehen werden wolllen: lächelnd, gut aussehend, vorbereitet, kontrolliert. Das Bild ist eine doppelte Inszenierung. Die Darsteller haben sich auf diesen Abend voller Aufnahmen stundenlang vorbereitet, beim Friseur, Visagisten, Schneider, damit sie sich von ihrer besten Seite öffentlich vor den Kameras zeigen können, beim Abend der Stars wie ihrer Abbildenden. Sie wissen, wie sie sich zu positionieren und wie sie zu posieren haben. Das taten sie bereits vor der Show auf dem Roten Teppich, das taten sie die ganze Zeit bereits im Saal, in dem Dutzende Kameras verteilt sind. Sie sind zu diesem Abend gekommen, damit die Welt sie wahrnimmt.

Und nun tun sie so, als sei das Foto ein authentischer, spontaner Moment. Und die Twitter-Community nimmt es ihnen ab.

Vor Twitter und Facebook wäre solch ein Bild auch verbreitet worden, allerdings durch Mittler: die Boulevardzeitungen. Sie hätten die interessantesten Fotos des Oscar-Abends ausgesucht, ein paar mit Glamourfaktor, ein paar voller Peinlichkeiten. Und anders als People-Magazine bringen Boulevardzeitungen sie nicht nur relativ aktuell am nächsten Tag, sondern vor allem garniert mit bewundernden, ironischen, gehässige, spielerischen Bildzuschriften. Boulevard, das ist schließlich Unterhaltung durch Verkürzung und Zuspitzung.

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