Boulevardblatt am Ende Twitter tötete die "Abendzeitung"

Mit Twitter kann sich jeder seine Star-Nachrichten selbst zusammenstellen - und braucht daher keine Boulevardzeitung mehr. Leider. Denn der Filter des Boulevardjournalismus hat Vorteile.
Von Falk Heunemann
Twitter: Für Star-Nachrichten braucht man keine Boulevardzeitung mehr

Twitter: Für Star-Nachrichten braucht man keine Boulevardzeitung mehr

Foto: KACPER PEMPEL/ REUTERS

Seitdem gestern die Münchner "Abendzeitung" Insolvenz anmeldete, überschlagen sich die klugen Analysen der Kollegen über die Gründe: Dass sie kein Konzept mehr hatte, dass sie zu sehr eingekeilt war zwischen TZ und Bild, dass sie zu wenig mit der SZ kooperierte, dass die Verleger zu wenig Mut hatten und zu viel Spardruck ausübten. Daran wird viel Wahres sein. Ein Mitverantwortlicher fehlt allerdings bislang in den Kommentaren: Twitter.

Nehmen wir nur mal den vergangenen Sonntag. Es ist Oscar-Verleihung, die Moderatorin Ellen Degeneres zückt ihr Smartphone und macht ein Gruppenbild mit Stars. Dann tweetet sie es - man ist ja jung und modern - in die Welt. Wenige Stunden später haben es mehr als drei Millionen Menschen mit dem Kurzdienst weitergeleitet, so viele wie kein anderes.

Nun hat das Foto nicht gerade einen hohen Newswert. Dass die Stars Brad Pitt, Kevin Spacey, Jennifer Lawrence oder auch Julia Roberts sich im selben Raum befinden, wussten bereits die Millionen Zuschauer der Preisverleihung. Auch sieht man die Schauspieler nicht bei einer ungewöhnlichen oder lustigen Begebenheit. Sie alle zeigen sich so, wie sie gesehen werden wolllen: lächelnd, gut aussehend, vorbereitet, kontrolliert. Das Bild ist eine doppelte Inszenierung. Die Darsteller haben sich auf diesen Abend voller Aufnahmen stundenlang vorbereitet, beim Friseur, Visagisten, Schneider, damit sie sich von ihrer besten Seite öffentlich vor den Kameras zeigen können, beim Abend der Stars wie ihrer Abbildenden. Sie wissen, wie sie sich zu positionieren und wie sie zu posieren haben. Das taten sie bereits vor der Show auf dem Roten Teppich, das taten sie die ganze Zeit bereits im Saal, in dem Dutzende Kameras verteilt sind. Sie sind zu diesem Abend gekommen, damit die Welt sie wahrnimmt.

Und nun tun sie so, als sei das Foto ein authentischer, spontaner Moment. Und die Twitter-Community nimmt es ihnen ab.

Vor Twitter und Facebook wäre solch ein Bild auch verbreitet worden, allerdings durch Mittler: die Boulevardzeitungen. Sie hätten die interessantesten Fotos des Oscar-Abends ausgesucht, ein paar mit Glamourfaktor, ein paar voller Peinlichkeiten. Und anders als People-Magazine bringen Boulevardzeitungen sie nicht nur relativ aktuell am nächsten Tag, sondern vor allem garniert mit bewundernden, ironischen, gehässige, spielerischen Bildzuschriften. Boulevard, das ist schließlich Unterhaltung durch Verkürzung und Zuspitzung.

Warum ein Filter fehlt

Seit Facebook, und mehr noch seit Twitter haben diese Mittler für viele ihre Existenzberechtigung verloren. Nun kann man sich schließlich selbst direkt in den Twitterfeed der Stars einklinken, ironische, gehässige, spielerische 140-Zeichen-Kommentare dazu lesen oder selbst verfassen. Und das auch nicht erst am nächsten Tag, sondern sofort.

Den Stars und Prominenten kommt das gelegen. Boulevardzeitungen, deren Fotoauswahl und deren Schlagzeilen können sie, bei aller gegenseitiger Abhängigkeit, nicht kontrollieren. Ihren Twitterfeed dagegen schon. So können sie sich ihren Fans ungefiltert darstellen. Oder vielmehr so gefiltert, wie sie es gern hätten.

Es ist ein großes - wenn auch gern gepflegtes - Missverständnis der Netzanhänger, bei Twitter handele sich sich um ein Medium, mit dem man unterdrückte, übersehene oder unterschätzte Nachrichten miteinander austauscht. Die meisten Follower haben Popstars: Justin Bieber, Barack Obama, Lady Gaga, Taylor Swift, Rihanna und Justin Timberlake haben die meisten Follower. Katy Perry auf Platz Eins kommt auf über 50 Millionen. In der Top 50 gibt es nur ein journalistisch seriöses Angebot: CNN Breaking News. Der Rest sind Filmstars, Pop-Sternchen, It-Girls, Rapper, Moderatoren, Weltfußballer - der typische Boulevardinhalt eben.

Zugleich ist nur ein Bruchteil der Twitternutzer selbst als Schreiber aktiv. Der Netzökonom (netzoekonom.de) hat etwa aufgeschrieben, dass in Deutschland 1,4 Millionen Nutzer Beiträge verfassen, bei gut neun Millionen Twitter-Lesern. Weltweit sind von den 920 Millionen Registrierten nur 41 Millionen täglich aktiv, zitiert er eine Analyse von Peerreach - das sind nicht mal 5 Prozent. Jeder Vierte - rund 200 Millionen - liest immerhin seine Tweets Timeline regelmäßig.

Netzökonom Holger Schmidt glaubt, das sei ein Problem für Twitter, schließlich hieße das ja, dass die Nutzer ihm nicht treu blieben. Tatsächlich offenbart es den wahren Charakter des Dienstes. Er bietet die direkte, personalisierte Boulevardzeitung, in der Stars sich ungestört an ihre Fans wenden können und die es schlicht konsumieren. Eine Boulevardzeitung, die quasi live ist, kostenlos und in der keine Inhalte stehen, die man nicht lesen will - andere Stars etwa, oder Sport, Politik, Wirtschaft.

Wer braucht da noch herkömmliche Boulevardzeitungen wie die Abendzeitung? Oder die Bild? Das Springer-Blatt hat in den vergangenen 10 Jahren ihre Auflage fast halbiert. Anderen geht es nicht besser: Die Hamburger Morgenpost verliert pro Jahr fast regelmäßig 5 Prozent der Auflage, die Münchner TZ büßte in zwei Jahren jeden zehnten Kioskkäufer ein, der Kölner Express verliert sogar noch deutlicher - in zwei Jahren 16 Prozent Minus im Einzelverkauf, laut IVW. Bei seriösen Zeitungen sind die Verluste nicht einmal halb so hoch.

Wer jung ist und ein Smartphone hat, braucht eben keine Boulevardzeitung mehr. Die macht er sich selbst. Zumal das - anders als seriöse Nachrichten - keiner Recherche bedarf. Die Infos kommen ja kostenlos, automatisch und direkt von den Stars selbst.

Dabei täte ein Filter da durchaus gut. Einer, der Stars nicht nur deshalb publiziert, weil sie selbst es gerade wollen. Einer, der auch Infos und Bilder teilt, die dem Stars nicht recht sind. Und einer, der dies mit anderen Infos mischt, die man sonst nicht mitbekäme. Und sie ebenso unterhaltsam aufbereitet. All das fehlt heute.

Die Journalisten der Abendzeitung sollen das in ihren besten Zeiten gekonnt haben.

Diesen Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung des Debattier-Portals opinion club  .

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