Sonntag, 15. Dezember 2019

Silicon Valley Lieber Fashion-Week als TechCrunch Disrupt

Calvin-Klein-Show auf der Fashion Week: Im Gegensatz zur Tech-Szene aus dem Valley gaukelt mir keines der Models auf dem Laufsteg vor, dass es unbedingt diesen neuen Fummel in Größe XXXS mit mir teilen will

Die Mode-Welt hat die New York Fashion Week, um die Trends der nächsten Saison zu zeigen. Im Silicon Valley heißt das Ganze TechCrunch Disrupt: Ein Wettbewerb für Gründer und ein Schaulaufen der Tech-Celebrities. Der diesjährige Gewinner entlarvt die Hybris, die derzeit das Valley regiert.

Auch 2014 war die Veranstaltung in San Francisco wieder Magnet für die Szene. Auf der Bühne sprachen Granden wie Peter Thiel, der erste Facebook-Investor, in der Jury saß unter anderem Marissa Mayer, Yahoo-Chefin mit Hang zur glamourösen Inszenierung und selbst Investorin im Valley.

Am Freitag Abend dann fiel die Entscheidung: Der Gewinner des diesjährigen Wettbewerbs heißt - Alfred. Das hört sich nicht nur wie ein antiquierter Name für einen Butler an, es ist auch eine direkte Anspielung darauf.

Denn Alfred, ein Bostoner Startup, ist eine App, mit der sich Dienstleistungen der so genannten Sharing Economy in einer App abonnieren und organisieren lassen. Die Wäsche muss gewaschen und wieder abgeholt werden? Das Haus geputzt und die Einkäufe erledigt werden? Dafür gibt es jetzt einen Alfred!

Die Nutzer teilen nichts mehr - sie verteilen nur billige Arbeitskraft

Mag sein, dass Alfred demnächst als "das neue Uber, Airbnb oder bald größer als Facebook" gefeiert wird - darunter macht es im Valley derzeit ohnehin keiner mehr. Doch die Wahl der Jury - außer Mayer saßen darin viele andere namhafte Investoren der besten Wagnisfonds und auch ein Google-Vertreter - ist entlarvend für die Hybris, die derzeit das Valley regiert.

Schon der Name ist eine Zumutung, denn hinter den vielen "Alfreds" stecken immer noch echte Menschen, die darauf angewiesen sind, für andere zu putzen, zu kochen und ihren Müll wegzuräumen. Mit Sharing-Economy hat das alles nichts zu tun, denn die Nutzer teilen überhaupt nichts mit denen, deren Dienste sie beanspruchen - sie verteilen nur untereinander deren billige Arbeitskraft.

Die Juroren jubeln eine App hoch, die nur ihre Bedürfnisse befriedigt

Und die Juroren und die Tech-Szene jubeln hier eine App hoch, die einfach nur ihre eigenen Bedürfnisse befriedigt. Es ist eine Luxus-Lösung, wie gemacht für vom Luxus verwöhnte Millionäre und gut verdienende Tech-Angestellte aus dem boomenden Valley, die vor lauter 40-Stunden-Hackathons ohnehin nicht mehr an der realen Welt teilhaben, geschweige denn mal das Bad putzen. Mit großen technologischen Durchbrüchen wie einst der erste Personal Computer von Apple hat das alles nichts mehr zu tun.

Solange das so bleibt, schaue ich mir in Zukunft wieder lieber die Fashion-Week an. Dort gaukelt mir wenigsten keines der Models auf dem Laufsteg vor, dass es unbedingt diesen neuen, teuren, heißen Fummel in Größe XXXS mit mir teilen will.

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