Heiner Thorborg

Unternehmensführung Der CEO von 2040: Weiblich, technik-begeistert und umweltbewusst

Heiner Thorborg
Von Heiner Thorborg
Von Heiner Thorborg
Im Jahr 2040 wird jeder dritte neu ernannte CEO eine Frau sein, so die Prognose einer weltweiten Unternehmensberatung. Viele Zukunftsforscher und Leadership-Gurus glauben zudem: Frauen werden den neuen Ansprüchen an Führung besser gerecht als Männer.
Blick in die Zukunft: Weibliche Chefs gelten als flexibler, interessierter an ihren Mitstreitern und eher willig, ihnen zuzuhören und sie zum Querdenken anzuregen. Sie sind angeblich inspirierender und haben einen höheren ethischen Anspruch an das eigene Tun als Männer.

Blick in die Zukunft: Weibliche Chefs gelten als flexibler, interessierter an ihren Mitstreitern und eher willig, ihnen zuzuhören und sie zum Querdenken anzuregen. Sie sind angeblich inspirierender und haben einen höheren ethischen Anspruch an das eigene Tun als Männer.

Foto: Corbis

Vor hundert Jahren trafen bei Business Meetings in New York, London oder Düsseldorf Zigarre schmauchende CEOs mit goldenen Uhrketten überm Bauch zusammen, um zu überlegen, was der Weltkrieg für ihr Geschäft bedeutet, ob die Regierung Kinderarbeit wirklich bald verbietet und wie man in den Werkshallen Elektrizität noch wirksamer einsetzen könnte. Auch wurde in Kreisen der reichen Gründerväter heftig darüber diskutiert, dass Henry Ford in seinen Fabriken einen vergleichsweise großzügigen Mindestlohn eingeführt hatte und seine Leute nach acht Stunden am Band nach Hause schickte.

1964 waren die Protagonisten solcher Treffen nicht mehr Patriarchen, sondern weitgehend angestellte Manager, doch noch immer waren sie alle weiß und männlich: Sie bewunderten neue Erfindungen wie das Faxgerät, den Bankautomaten sowie den Ölboom in Saudi Arabien. Beklagenswert fanden sie dagegen die Versuche der Regierungen, Märkte zu regulieren, Konsumentenrechte und Umweltschutz durchzusetzen. Vor allem aber ging es in den Gesprächen um den wachsenden Hunger der Menschen nach Komfort und Unterhaltung, den Haushaltsgeräte, Fertiggerichte, Einwegware, Massentourismus und Freizeitparks befriedigen sollten.

2014 bei einem Treffen des World Economic Forum sieht die Welt schon bunter aus. Nun sind auch Führungskräfte aus China, Indien und Lateinamerika dabei und auch einige Frauen, jedoch in so geringer Zahl, dass sie auffallen. Auch die Themen sind andere. Diskutiert werden die Allmacht des Finanzsystems, die Gefahren der Staatsverschuldung, die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm auch in den Industriegesellschaften sowie der Klimawandel - und natürlich die Frage, was das alles für das Wohl und Wehe eines modernen Unternehmens bedeuten könnte.

Doch wie geht es weiter? Wie wird eine Versammlung von CEOs in 2040 aussehen? Die Beratung "Strategy&", vormals bekannt als Booz & Company, die sich schon seit Jahren mit dem Wesen des CEOs beschäftigt, wagt eine Prognose: Der Topmanager der Zukunft ist weiblich und technologisch hoch kompetent. Sie wird eng mit einem Chief Strategy Officer zusammen arbeiten und ihren Personalchef - ihren Chief Human Resources Officer - wesentlich ernster nehmen als CEOs heute ihre HR-Experten.

Die Erfolgsfaktoren der Zukunft

An der Prognose, dass 2040 knapp jeder dritte neu ernannte CEO eine Frau sein wird, könnte was dran sein. In der westlichen Welt sind heute schon über die Hälfte der Studenten weiblich, selbst in den Business Schools beträgt der weibliche Anteil 40 Prozent.

Doch Präsenz ist nicht alles. Die Führungskräfte von morgen werden sich mit einer Welt auseinandersetzen müssen, in der es auf andere Fähigkeiten ankommt als die, die heute CEOs erfolgreich machen. Die US-Zeitschrift Fast Company hat Managementdenker und Zukunftsforscher befragt, was die Erfolgsfaktoren der Zukunft sein werden und diese haben einige Trends identifiziert. In ihren Augen spielt Geschlecht als Erfolgsfaktor durchaus eine Rolle.

Die entwickelte Welt sieht sich großem demographischem Wandel ausgesetzt. Einfach 50 Prozent des Talentmarktes zu ignorieren, wird zunehmend unmöglich. Von der europäischen Niederlassung der US-Frauenlobbyorganisation Catalyst ist gar zu hören, dass ein Drittel der CEOs in einer weltweiten Befragung angab, dass ihr Unternehmen nicht so innovativ ist wie es sein könnte, weil es ihm an Nachwuchskräften mangle.

Werden Frauen den neuen Ansprüchen besser gerecht als Männer?

Nicht nur das Lebensalter, sondern auch die Pensionsgrenzen werden immer höher und künftig werden oft vier, ja sogar fünf Generationen mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Erwartungen gleichzeitig nebeneinander arbeiten.

Heute ist es machbar und auch wünschenswert, Talente aus aller Welt einzustellen. Divers besetzte Teams aus aller Welt können rund um die Uhr zusammenarbeiten. Der soziale Druck auf die Unternehmen, sich Umwelt und Mitarbeitern gegenüber verantwortungsvoll zu verhalten, war noch nie höher - geht irgendetwas schief, weiß es über soziale Medien sofort die ganze Welt.

Diese Veränderungen ziehen auch veränderte Ansprüche an das Führungsverhalten nach sich - und es gibt genug Leadership-Gurus, die meinen, dass Frauen den neuen Ansprüchen besser gerecht werden als Männer. Grob generalisierend lässt sich sagen: Sie sind flexibler, interessierter an ihren Mitstreitern und eher willig, ihnen auch zuzuhören und sie zum Querdenken anzuregen. Sie sind inspirierender und sie haben einen höheren ethischen Anspruch an das eigene Tun als Männer.

Fast Company zitiert sogar eine Befragung, in der die Teilnehmer 14 Führungsqualitäten nach ihrer Wichtigkeit bewerten und definieren sollten, welches Geschlecht die jeweilige Eigenschaft wohl eher mitbringt. In zehn der Kategorien lagen die Frauen vorne, darunter in den vier erst genannten: In der offenen und transparenten Kommunikation, beim Führen durch gutes Vorbild, beim Zugeben können von Fehlern und darin, in anderen das Beste zum Vorschein zu bringen.

Wie die Karriere der Vorstandsvorsitzenden von 2040 aussehen wird

Wenn ich den Karriereweg einer Vorstandsvorsitzenden von 2040 - nennen wir sie Jiang - beschreiben sollte, würde der etwa so aussehen: Jiang war schon in der Schule und an der Uni eine Anführerin und unternehmerisch begabt. Sie war Klassen- oder Schulsprecherin, Chefin des Basketballteams oder Fotografieclubs. Sie liebt die Natur und hat schon als Kind die Fahrdienste der Mütter zur Schule zu koordinieren zu versucht, um Verkehr und Abgase zu reduzieren.

Sie war früh im Ausland, als Studentin oder für eine Wohltätigkeitseinrichtung, und verbrachte einige Zeit in einer Kultur, die völlig anders ist als Jiangs eigene. Sie spricht Englisch so gut wie ihre Muttersprache und eine weitere Fremdsprache verhandlungssicher. Sie liebt Technik und hat schon früh gejobbt, um sich immer die neuesten Gadgets leisten zu können. Aus dieser Begeisterung heraus nahm Jiang regelmäßig an Wissenschaftswettbewerben für Kids teil oder hat selber schon Apps entwickelt. Möglicherweise gründete sie schon als Gymnasiastin ein kleines Geschäft oder ein Umweltschutzprojekt.

Als Chefin überzeugen, nicht Befehle erteilen

Nach einem Abschluss als Ingenieurin oder Naturwissenschaftlerin hat sie im Ausland einen MBA gemacht, ursprünglich mit dem Ziel, für eine NGO zu arbeiten, in die Entwicklungshilfe zu gehen oder selber ein Unternehmen zu gründen. Dann jedoch hat sie die Personalchefin einer großen Strategieberatung überzeugt, sich der Firma anzuschließen. Nach ein paar Jahren hat Jiang beim Kunden einen CEO so beeindruckt, dass der sie ins operative Geschäft eines globalen Automobilherstellers holte...

Kurz: Jiang versteht Unternehmertum, fremde Kulturen, Strategie und dass ein Betrieb nicht im luftleeren Raum operiert, sondern immer auch als Teil einer Gesellschaft funktionieren muss. Sie mag Menschen und kann sie motivieren, sie interessiert sich von klein auf für technische Trends und weiß diese zum eigenen Wohl und im Dienst ihrer Organisation zu nutzen. Konstantes Weiterlernen ist ihr ein Hobby, keine Pflicht, Arbeit macht ihr Spaß. Als Chefin will Jiang überzeugen, nicht Befehle erteilen, Statusgesten sind ihr fremd. Sie ist deutlich kooperativer, fröhlicher und umweltbewusster als je ein Chef vor ihr - und ihre Teams lieben sie dafür.

Vielleicht allerdings kommt es auch ganz anders. Wichtig für künftige Chefinnen jedoch scheint mir, sich wie Jiang früh aus der eignen Komfortzone heraus zu begeben, zu lernen, sich auf Fremdes einzulassen, Erfahrungen auf vielen verschiedenen Feldern zu sammeln, technische Veränderungen willkommen zu heißen und die eigenen Überzeugungen immer wieder neu auf ihre Tragfähigkeit hin abzuklopfen. Dann kann die Zukunft ruhig kommen.