"The Innovator´s Dilemma" Angriff auf das wichtigste Management-Mantra des 21. Jahrhunderts

Mit "The Innovator´s Dilemma" hat Clayton Christensen die Bibel des Silicon Valley geschrieben: Wer nicht radikal innovativ ist, geht unter. Facebook oder Amazon sind so zu Konzernen geworden. Nun zerlegt eine Professorin das Werk. Die US-Wirtschaft diskutiert - und zieht dabei auch das deutsche Modell in die Debatte hinein.
"Move fast and break things" - Mark Zuckerbergs Slogan für die frühen Tage von Facebook soll mittlerweile einer etwas moderateren Strategie gewichen sein

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Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Hamburg - Vernichtender kann die Kritik an einem Wissenschaftler kaum sein: "Christensens Quellen sind oft zweifelhaft und seine Logik ist fragwürdig", schreibt Jill Lepore. Seine Forschung erfülle kein Kriterium guter wissenschaftlicher Praxis. "Es handelt sich um eine Geschichtstheorie, die auf einer tiefgehenden Angst vor dem finanziellen Kollaps, einer apokalyptischen Furcht vor weltweiter Verwüstung und auf klapprigen Beweisen fußt", so Lepore. Kurz: Schrott.

Der Streit, den die Harvard-Historikerin mit einem Artikel im "New Yorker"  entfacht hat, ließe sich als akademische Debatte abtun, als schnödes Geplänkel um Qualitätskriterien in der Wissenschaft - ginge es nicht um das wichtigste Management-Mantra des 21. Jahrhunderts, das seit rund einem Jahrzehnt die Diskussionen in den Tech-Firmen des Silicon Valley genauso beherrscht wie die Vorstandsdebatten in großen Traditionskonzernen. Denn Clayton Christensen beleuchtet in seinen Büchern die Frage, was Unternehmen erfolgreich macht.

Seine These: Firmen haben Erfolg, wenn sie "disruptive" Produkte entwickeln, die bestehende Märkte zerstören und neue Märkte öffnen. Große Unternehmen scheiterten dagegen, wenn sie sich zu stark auf die Weiterentwicklung bestehender Produkte und weniger auf die Entwicklung radikal-neuer Innovationen konzentrierten. In Werken wie "The Innovator´s Dilemma" nutzt Christensen verschiedene wirtschaftshistorische Beispiele, um seine Thesen zu untermauern.

Schlampig gearbeitet?

Genau diese Beispiele zerpflückt Lepore nun. Nicht nur, dass Christensen ausschließlich Beispiele verwende, die seine Theorie augenscheinlich stützten - selbst diese Fälle verfingen nicht. Unternehmen wie der Festplattenhersteller Seagate, der in Christensens Schilderung der Branche eigentlich als Verlierer auftritt, sei auch heute noch erfolgreich im Geschäft. Ähnliches gelte für das von ihm als falsche Entscheidung abgestempelte iPhone von Apple  .

Die Anwendbarkeit seiner Überlegungen sei fernerhin dadurch bereits untergraben, dass der "Disruptive Growth Fund", der auf Basis von Christensens Überlegungen am Aktienmarkt aktiv war, während des Niedergangs des Nasdaq noch wesentlich schlechter abgeschnitten als der Leitindex.

Alles in allem sei "The Inventor's Dilemma" maximal eine Theorie dazu, warum Unternehmen scheiterten, mehr nicht: "Sie gibt einen sehr schlechten Propheten ab."

Christensen schlägt zurück

Der Urheber der Werke will das nicht auf sich sitzen lassen. In "Business Week"  schlägt Christensen zurück: Lepore selbst arbeite wissenschaftlich unsauber. In späteren Büchern habe er alle Punkte, die sie gegen ihn anführe, selbst ausführlich behandelt. Anscheinend habe die Professorin nur eins seiner Bücher gelesen und habe dann naiverweise angenommen, ihn anklagen zu können: "Ich bin einfach fassungslos, dass ein ehrlicher Wissenschaftler überhaupt so vorgeht wie sie."

Mit dem Fonds habe er zudem wenig zu tun gehabt, in Amerika sei ihm ohnehin nicht erlaubt, als Berater für konkrete Investmententscheidungen aufzutreten. Er habe lediglich den ausführenden Banker bei der Gründung eines neuen Unternehmens beraten.

Deutschland als Gegenbeispiel - erfolgreich auch ohne Revolutionen

Der Streit polarisiert: Einige Beobachter, darunter Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, begrüßen Lepores Ausführungen, weil sie den Hype um radikale Innovationen eindämmten; andere halten den Angriff für fehlplatziert. Vor allem im Silicon Valley scheint man nicht sonderlich erfreut: "Warum hat noch niemand einen Roboter erfunden, der Anti-Technologie-Essays für Ostküsten-Literaturmagazine schreibt?", twitterte Risikokapitalgeber Marc Andreessen.

Aus derlei genervten Reaktionen könne man ableiten, warum Christensens Ideen von der Notwendigkeit radikaler Innovativität im Valley so gut ankämen, meint Krugman: "Sie glamourisieren die Wirtschaft, sie lassen Nerds als mutige Helden erscheinen."

Das beste Beispiel gegen Christensens Ansichten kommt für den Nobelpreisträger aus Europa. "Was ist die bemerkenswerteste Export-Erfolgsgeschichte der Welt?", fragt Krugman in seinem Blog . "Natürlich ist es Deutschland." Trotz hoher Arbeitskosten sei die Bundesrepublik konstant ein "Exportkraftwerk". Wie das? "Nicht, indem revolutionär neue Produkte auf den Markt geworfen werden, sondern, indem qualitativ sehr hochwertige Produkte für Leute produziert werden, die dafür auch gern Premiumpreise bezahlen."