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London: Wo die Hedgefonds hausen

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Börsenfieber Wie gefährlich sind ETF?

In der Finanzindustrie verschärft sich der Kampf um die Anleger. Während Hedgefonds sich immer schwerer tun, Kunden zu begeistern, ziehen Exchange-Traded-Funds die Abermilliarden nur so an. Doch je größer die ETF werden, desto größer auch die Risiken - auch für das Vertrauen der Anleger.
Von Arne Gottschalck

London - Regentropfen tippen blechern auf Autodächer, auf die Land Rover und BMW. Grau in allen Schattierungen. Es tropft von den Baustellenabdeckungen, von den Regenschirmen der wenigen Passanten. Trotzdem strahlt der Berkeley Square im Londoner Edelstadtteil Mayfair Ruhe und Eleganz aus. Hier sollen Verlierer arbeiten?

Legt man aktuelle Einschätzungen zugrunde, ist genau das der Fall. Denn seit Jahren tobt der Kampf um die Gelder der Kunden. Und Hedgefonds scheinen ihn zu verlieren, Exchange-Traded-Funds (ETF) ihn zu gewinnen. Und wenn der Internationale Währungsfonds (IMF) und die Bank of England (BoE) recht haben, könnte genau das die Weltbörsen in Turbulenzen stürzen. Denn milliardenschwere Exchange-Traded-Funds (ETF) könnten die Finanzmärkte destabilisieren. Doch von Anfang an.

Schon immer prägten Zahlen die Finanzindustrie. Andere Sektoren sonnten sich in neuen Werkstoffen oder eleganten Designentwürfen - der Finanzindustrie blieb notgedrungen nichts anderes übrig, als allein die Zahl aufs Podest zu heben. Und so wurde alles gemessen, alles vermessen, alles in Zahlen gekleidet.

Wessen Produkte erwirtschaften die höchsten Wertzuwächse, wer verdient am meisten - und wer sammelt am meisten Geld bei Kunden ein? Hedgefonds hatten sich dabei in einer lukrativen Nische eingerichtet. Vom Vertrauen ihrer Kunden ließ es sich trefflich leben. Vor allem dank der Bereitschaft ihrer Investoren, die 2/20-Rechnung zu zahlen. 2 Prozent Verwaltungsgebühr zuzüglich 20 Prozent Performance-Gebühr. Damit ließ es sich trefflich leben, unter anderem am Berkeley Square, wo so viele Hedgefonds residieren wie sonst nirgends in Europa. Heißt es zumindest. Denn das Geschäft der Hedgefonds ist verschwiegen. So verschwiegen, dass auf den Dächern am Berkeley Square keine Reklame blinkt, wie sie an Firmensitzen sonst üblich ist. Stattdessen findet sich im besten Fall hinter den in Messing gravierten Firmennamen auf dem Klingelschild der Zusatz "Capital". Im besten Fall.

Das Wachstum der "Billigheimer"

Doch dieses stille Idyl könnte zerfließen wie der Regen auf den Fenstern des Bentley-Schauraumes am Berkeley Square. Denn ETF nehmen immer größere Anteile des Marktes für sich ein.

Einen "Rekord-April" vermeldete die Industrie jüngst. Über 30 Milliarden Dollar, rund 22 Milliarden Euro, flossen ihr allein im April weltweit zu. Während aktive Investmentfonds das Phänomen noch aus der Position des Volumensriesen beobachten, sehen sich Hedgefonds damit in diesem Jahr in Sachen verwaltete Gelder erstmals überholt, zeigen Berechnungen von S&P Dow Jones Indices  .

Tatsächlich sind die Zeiten vorbei, in denen ein unerfahrener Fondsmanager ein Büro eröffnen, einen Hedgefonds mit opaker Strategie gründen - und sich über satte Kundenzuströme freuen konnte. Regulierung und wählerische Kunden machten dem ein Ende. Das Vertrauen gehört den ETF.

Doch was bedeutet díese Entwicklung - mehr ETF, weniger Hedgefonds - für die Anlagewelt? Treibt es etwa die Schwankungen des Gesamtmarktes nach oben, wie zum Beispiel der IMF bereits 2011 barmte? Und Andrew Haldane von der Bank of England in diesem Jahr wiederholte, weil sie bestehende Trends an der Börse verstärken? Immerhin kaufen und verkaufen ETF, je nach Konstruktionsweise, gemessen am Gewicht der einzelnen Aktien des Index. Steigen die Aktien im Wert, kauft er. Fallen sie, muss der ETF verkaufen.

Beschleunigen sie damit bestehende Entwicklungen? Oder trifft es nur spezielle Marktsegmente, zum Beispiel enge Märkte mit geringer Liquidität? Eine Spurensuche.

Hedgefonds am Wendepunkt

Die Spurensuche beginnt bei der Fondsgesellschaft GAM in der King Street, ganz in der Nähe des Berkeley Square. Vorbei am Eingang mit den klassizistischen Säulen, durch das Londontypische Großraumbüro - eine Flucht von Schreibtischen, teilweise besetzt, teilweise nicht - in das nüchterne Besprechungszimmer. Dort sitzt Anthony Lawler. Bart, offenes Hemd. Der gebürtige Südafrikaner ist Fondsmanager bei GAM und kümmert sich darum, dass die Dachfonds des Hauses in die richtigen Hedgefonds investieren. Zuletzt nicht immer eine einfache Aufgabe.

Der Klassik verschrieben: Das GAM-Hauptquartier in der Nähe des Berkeley Square

Der Klassik verschrieben: Das GAM-Hauptquartier in der Nähe des Berkeley Square

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mm: Mister Lawler, wurmt Sie eigentlich der Erfolg der Exchange Traded Funds? Deren Volumen wachen von Jahr zu Jahr anscheinend ohne Anstrengung, während Hegdefonds noch immer als Böse-Buben-Investment gelten.

Lawler: Ach, ich finde, die Einstellung hat sich schon geändert. Warren Buffett verwaltet mit seiner Firma Berkshire Hathaway ja auch einen Hedgefonds, nur dass das nicht so in der Öffentlichkeit ankommt. Vielleicht heißen deswegen viele Hedgefonds auch Alternative Strategien.

mm: Und die ETF?

Lawler: Ich würde sie nicht Konkurrenz nennen, sondern eher Ergänzung. Im Idealfall kann der Hedgefonds Strategien nutzen, die ein ETF nicht leisten kann. Dafür bietet das ETF eine günstige Umsetzung für Anleger, die eine klare Vorstellung von der künftigen Marktentwicklung haben.

Trotz der wohlgesetzten Worte ist Konkurrenzkampf in der Finanzindustrie knochenhart. Auf der einen Seite stehen die aktiven Investoren, die durch geschicktes Agieren versuchen, besser als der Markt zu sein. Hedgefonds sind der Prototyp solcher Investoren, Männer wie Warren Buffett sind ihr Vorbild. Auf der anderen Seite stehen die ETF. Sie haben kein Vorbild, sie haben bestenfalls Konstrukteure. Und die sind findig. Verkauften die Häuser anfangs nur einfache Produkte, die einen Börsenindex abbilden, sind es inzwischen auch gehebelte ETF oder Hedgefonds-ETF.

Ein freundliches Händeschütteln mit Lawler, dann geht es wieder hinaus. Auf den Straßen rund um den Berkeley Square glänzt der Regen und wetteifert mit den Auslagen der Juweliere. Ein hohes Fenster gibt den Blick auf ein Büro mit reduzierter Einrichtung und einer Angestellten frei, die eher auf das Cover eines Hochglanzmagazins passt als auf einen profanen Bürostuhl. Matt Roberts, steht auf einem Schild. Personal Fitnesstrainer. Auf der Straße röhrt ein Sportwagen vorbei, sehr flach, sehr gelb. Abstieg in das Röhrensystem der Tube, der Londoner Untergrundbahn.

Besuch bei Blackrock - die Sache mit dem Hebel

Die eine Hand an den Haltegriffen, die andere an der Zeitung oder dem Tablet-Computer, dunkler Anzug - die U-Bahn trägt dunkle Farben. Unten, in der stickigen Luft und eingewoben in das stete Rumpeln der Waggons, dürften alle gleich sein: Die Manager der Hedgefonds wie die Ziehväter der ETF. Beide Seiten buhlen um die selben Großanleger; die Versicherungen, Staats- oder Pensionsfonds. Schleift das die Unterschiede ab? Ein wenig offenbar schon.

Man spricht von Koexistenz, nicht von Konfrontation. Und Banken, die ihre Kunden genau kennen, sehen Luft für beide, Hedgefonds wie ETF. "Unsere Kunden fragen schon nach Hedgefonds mit bestimmten Risiko-Ertrags-Profilen", erklärte in einem Telefonat zuvor Bertrand Bricheux, der für die Schweizer Privatbank Miraubaux arbeitet. "Sie versuchen damit die Volatilität ihrer Portfolios zu senken." Trotzdem bleibt es bei einem knochenharten Kampf um das Vertrauen der Anleger.

"Liverpool Street, mind the Gap", ertönt es blechern aus den Lautsprechern. Es ist die andere Seite der Stadt, weit entfernt von der Heimstatt der Hedgefonds. Dort liegt die Throgmorton Avenue. So verborgen, dass man zuerst ein metallenes Gatter durchqueren muss. Dort reckt sich der Blackrock-Turm nach oben. Blackrock ist der weltgrößte Anbieter von Exchange Traded Funds.

Ein anderes Prinzip, doch die gleiche Optik - ein elegantes Foyer, dann die gleitende Fahrt im Lift in die Welt der Großraumbüros, davon getrennt ein kleines Besprechungszimmer. Mark Johnson kommt herein. Er ist für den Vertrieb der Hausprodukte in Großbritannien zuständig.

mm: 2014 sollen die ETF mehr Gelder einnehmen als es die Hedgefonds schaffen.

Johnson: Das kann gut sein. Wir sind vergangenes Jahr mit 23 Prozent gewachsen, bezogen auf den Retail-Markt Großbritanniens.

mm: Bei den Wachstumsraten - ist da noch Luft?

Johnson: Wir haben gerade an der Oberfläche gekratzt. Im vergangenen Jahr hatten ETFs 1 Prozent der gesamten Markt-Assets, in den USA sind es 2,5 Prozent. Die sind uns um die sechs Jahre voraus.

mm: Zuletzt gab es immer wieder Kritik, dass ETFs den Markt beeinflussen könnten.

Johnson: Ich denke, bei diesen Volumina nicht. Aber deswegen ist es auch wichtig, bestimmte Dinge nicht zu machen. Hebel-ETF müssen zum Beispiel nicht sein.

Hebel-ETF bilden einen Index ab - und verstärken dessen Wertentwicklung. Legt der Dax zum Beispiel um 1 Prozent zu, bringt das dem Anleger eines Zweifach-ETF ein Plus von 2 Prozent. Das gleiche Spiel funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Noch sind das eher Exoten.

Doch die Frage bleibt - stellen ETF den Markt bald auf eine harte Probe? Unterminiert damit einmal mehr die Finanzindustrie das Vertrauen der Anleger?

Die Folgen für den Markt

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Was also steht fest? Ein Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs mit einem Consultant. "ETFs werden weiter dynamisch wachsen und Hedgefonds im Volumen überholen, definitiv!", sagte Clemens Schuerhoff vom Beratungshaus Kommalpha. Und sie "werden sowohl in Kernmärkten, den Blue Chips, und Satellitenmärkten wachsen." Und was bedeutet das? Werden zum Beispiel Bluechips und deren Indizes volatiler, weil dort die ETFs am meisten Geld einsammeln und entsprechend immer massiver dort kaufen - kaufen müssen? Und werden Aktien abseits des ausgetretenen Weges weniger volatil, weil der Markteinfluss der Hedgefonds schwindet?

Eine allgemeingültige Aussage ist schwierig bis unmöglich", seufzt Schuerhoff. "Ich bin nicht sicher, ob hohes Interesse von ETFs gleichzeitig Volatilität für einen Markt bedeuten. ETFs in Kernmärkten sind langfristige Investments und können somit auch verstetigend positiv wirken." Und was sagt die Wissenschaft?

"Vor Kosten erwirtschaften passive und aktive Manager ungefähr die gleiche Rendite. Nach Kosten sind die passiven im Durchschnitt besser als die aktiven, dass ist so etwas wie das Grundgesetz der Geldanlage", erklärt Professor Olaf Stotz, der an der Frankfurt School of Finance forscht. Das könnte die stetig steigende Beliebtheit der ETF erklären. Aber was ist nun mit dem Markteinfluss? Das Urteil der Wissenschaft ist nüchtern: "Wenn Milliarden von Investoren dem ETF-Fonds zufließen, beeinflusst das den Markt grundsätzlich genauso als ob sie direkt ihr Geld anlegen würden", sagt Stotz. "Damit ist die Marktbeeinflussung nicht abhängig vom Konstrukt ETF, sondern vom Handeln der Investoren. Ist der Fonds abhängig von wenigen großen Investoren, kann es insbesondere bei kleinen und illiquiden Märkten zu großen Einflüssen kommen."

Auf das Vehikel kommt es also nicht an, wohl aber auf dessen Größe. Alles kein Problem, wenn die Investoren eines machen. "Sie überlegen vor dem Einstieg schon genau, was und mit wem sie kaufen - und welches Marktsegment."

Wenn sie denn nüchterne Investoren bleiben und sich nicht von Gier oder Angst anstecken lassen, wissendes Vertrauen nicht in blindes Vertrauen umschlägt. Doch genau das haben Anleger weltweit immer wieder gemacht. In der Immobilienkrise in den USA, in der Euro-Krise in Europa. Und der nächste Sündenfall kommt bestimmt, so will es die menschliche Psyche. Bis es wieder einmal so weit ist, wird weiter Geld ETF investiert werden, auch in illiquiden Marktsegmente. Einfach, weil es alle machen. Und genau damit der Kritik ein kleines bisschen recht geben.

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