Vom Banker zum Gastronomen: Teil VI Die ersten Tage als Gastronom

Philipp Wanke war Produktmanager bei der Deutschen Bank. Aber ihm fehlte echte Verantwortung. Also macht sich der 39-Jährige als Gastronom selbständig - und berichtet davon auf manager magazin online. Teil VI: Die ersten Tage als Gastronom in der "Wohnküche".
Von Philipp Wanke
Philipp Wanke (links): Die ehemaligen Kollegen sitzen jetzt auf der anderen Seite des Tresens

Philipp Wanke (links): Die ehemaligen Kollegen sitzen jetzt auf der anderen Seite des Tresens

Nachdem ich am letzten Freitag die Nachbarschaft eingeladen hette, um mich für die Geduld bezüglich der Umbaumaßnahmen zu bedanken, ging es am Samstag mit einer geschlossenen Geburtstagsgesellschaft eines guten Freundes los. Ein gutes Training für mich, meine 2 neuen Servicedamen und die Küche, die Kasse und Abläufe kennenzulernen. Ein überschaubarer Rahmen und Leute, die einem wohl gesonnen sind.

Die letzten Meter bis zur richtigen Eröffnung waren extrem hart. Ohne die Hilfe von 2 Freunden wäre ich sicherlich baden gegangen. Es kostet alles mehr Zeit als geplant: So hat erst der dritte Satz Dübel gepasst, um den Außenschriftzug zu befestigen. Mehrere Fahrten zum Baumarkt waren nötig - man sieht schlecht was sich hinter der Hausisolierung befindet. Die Abzugshaube und Herde mussten noch fachgerecht angeschlossen werden. Die Karten mussten final gesetzt, die Webpage mit Inhalten befüllt werden. Die Buchhaltung und die Einkäufe dulden zudem keinen Aufschub.

Der Druck war enorm: Es kam mir bisweilen vor, als ob ich an Alzheimer leide, da ich 25 mal Tag meine Schlüssel suchte, Dinge vergaß und mir schlicht die Zeit fehlte, wohl überlegt zu handeln. Vielleicht liegt es auch an den 25 Schlüsselbunden der Vorgängerin.

Dienstag öffneten sich schließlich die Pforten meiner "Wohnküche" für jedermann, ohne dass ich es groß angekündigt hatte. Es war überraschend viel los und über den Abend verteilt waren 45 bis 50 Leute anwesend. Der Tresenbereich mit seinen etwa 15 Plätzen war komplett von alten Arbeitskollegen belagert. Es ist schon lustig, sich in so einem anderen Umfeld wieder gegenüberzustehen und gemeinsam auf die Neueröffnung anzustossen.

Es ist zudem schön zu sehen, dass die meisten Ex-Kollegen ihr Versprechen, mal vorbeizuschauen, auch wahr machten. Ob dies eine nachhaltige Angelegenheit ist, bleibt abzuwarten, für den Moment ist es eine tolle Sache. Ein Großteil des Publikums der ersten 3 Tage bestand aus dem erweiterten Kreis von "friends, family and fools". Auch einige Nachbarn, Geschäftsleute und Laufkundschaft kamen vorbei.

Feedback der Gäste positiv - und erste Beschimpfungen auf Facebook

Die ersten Reservierungen über die Webpage kamen herein, obwohl diese eigentlich noch nicht freigeschaltet waren - seltsam, die NSA macht es wahrscheinlich möglich. Das Feedback war sehr positiv, auch wenn die Damenwelt die fehlenden Spiegel im WC und noch nicht montierten Haken für den Handtaschen an der Theke durch die Bank weg monierten. Viele Gäste planen wiederzukommen.

Die einschlägigen Stadtmagazine haben sich schnell zu Wort gemeldet und entsprechende Angebote unterbreitet, Anzeigen zu schalten. Das ist sicher eine gute Option, wenn sich alles eingespielt hat. Allerdings hört man auch sehr unterschiedliche Dinge über diese Möglichkeit, da es auch recht häufig zu einem Veriss nach dem Testessen kommt, der auch nicht unbedingt förderlich ist. Zudem weiß man nicht genau, ob ein Ergebnis des Testessens auch an die Schaltung an eine Anzeige gekoppelt ist.

Da die Brasserie mit ihrem Konzept im Kontrast zum Vorgängerkonzept steht und ein anderes Publikum anspricht, wurden schon die ersten bösen Pöbeleien über facebook an uns herangetragen. Wie es oft bei solchen Dingen ist, trauen sich die Leute ja nie persönlich ihr Problem vorzutragen, sondern verstecken sich hinter irgendwelchen Pseudonymen und anonymen Plattformen, damit die Unverschämtheiten leichter von der Hand gehen. Da wird noch einiges auf mich zu kommen.

Und über Geschmack lässt sich bei Essen und Design trefflich streiten, was sich jeden Tag auch bei gut gemeinten, ungefragten Ratschlägen zeigt. Bezüglich Umgangsformen und Toleranz trennen Leute teilweise Lichtjahre.

Es ist schon ein surreales Gefühl, jetzt hinter dem Tresen zu stehen, nachdem ich vor 5 Monate bei meinem alten Arbeitgeber ausgestiegen bin. Es sind noch einige Kinderkrankheiten zu heilen, aber es war ein guter Start und insgesamt ging der Zeitplan auf, im März zu eröffnen. Eine super Sache angesichts der vielen unvorhergesehenen Probleme und des Einzelgängertums. Heute steht ein weiterer Härtetest bevor, da freitags viele Gäste vom Friedberger Wochenmarkt vorbeischauen dürften. Let's get it on….

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