Mittwoch, 24. April 2019

Siemens Gerhard Cromme und die heiligen Kühe

Gerhard Cromme: Das Urgestein der Deutschland AG will seinen letzten Renommierposten behalten

Der umstrittene Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme kommt seinen Kritikern ein Stück entgegen. Ob und wann er seinen Job aufgibt, bleibt trotzdem offen. Vorstandschef Kaeser geht vorsichtshalber schon mal auf Distanz.

München - Kurz vor zehn Uhr im Auditorium der Münchner Olympiahalle, Gerhard Cromme schüttelt Hände und hält Schwätzchen. Der kühle Kontrolleur gibt sich volksnah wie selten zuvor. "Alles im Griff, alles bestens. Das wird eine erfolgreiche Veranstaltung", sagt er mit strahlendem Lächeln.

Dominierten nicht noch vor einem halben Jahr rufschädigende Machtkämpfe in Vorstand und Aufsichtsrat die Schlagzeilen über den ehrwürdigen Siemens-Konzern? Äußerten nicht kurz vor der Hauptversammlung einflussreiche Aktionäre scharfe Kritik an der fehlenden Nachfolgeplanung des 70-jährigen Chefkontrolleurs? Alles Vergangenheit, alles Einzelmeinungen, sagt Cromme, er senkt und hebt immer wieder abwiegelnd beide Handflächen. Ruhe, nur Ruhe.

Da ahnt der umstrittene Aufsichtsratschef schon, dass beim Siemens-Aktionärstreffen in der Münchner Olympiahalle er im Mittelpunkt stehen wird, mehr noch als der frisch gebackene Vorstandschef Joe Kaeser. Beim existenzbedrohten Stahlkonzern ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen hatte Cromme vergangenen März nach jahrelangem Missmanagement, Kartellproblemen und Affären um Luxusreisen den Chefaufseherposten abgeben müssen.

Bei Europas größtem Industriekonzern will er bleiben. Es ist der letzte Renommierposten für das Urgestein der Deutschland AG.

"Balance zwischen Kontinuität und Wechsel wahren"

Dafür schwenkt der sonst so unnahbare Siemens-Kontrolleur sogar ein wenig auf die verbindliche Art seines neuen Vorstandschefs ein und kommt seinen Kritikern entgegen: Der Aufsichtsrat werde die Planung seiner Nachfolge "frühzeitig" einleiten, sagt Cromme. Er werde die "Balance zwischen Kontinuität und Wechsel wahren" und dabei auch "keine heiligen Kühe" akzeptieren.

"Das klingt schon deutlich anders als das, was Cromme noch im Dezember gesagt hat", kommentiert einer der kritischen Investoren am Rande der Veranstaltung. Festlegen lässt sich Cromme, der Teflon-Mann, allerdings nicht.

Noch Ende 2013 hatte Cromme viele Profi-Anleger mit der Ansage erbost, dass er - entgegen früherer Ankündigungen - sein Mandat bei Siemens bis 2018 voll erfüllen will. Dann ist er fast 75. Entsprechend habe auch die Vorbereitung seiner Nachfolge noch zwei, drei Jahre Zeit.

Dies stößt vielen Aktionären auf, nicht zuletzt angesichts Crommes zweifelhafter Leistungen als Aufsichtsratschef. Der Wechsel vom glücklosen Vorstandschef Peter Löscher zu Kaeser sei "dilettantisch" gemanagt worden, klagen Aktionärssprecher. Dass der 2007 vom Pharmakonzern Merck geholte Manager überhaupt 2011 eine Vertragsverlängerung erhalten habe, sei schwer nachvollziehbar.

Eine ausführliche Rechtfertigung - das ist untypisch für Cromme

Cromme rechtfertigt sich - ungewöhnlich ausführlich: Er habe bereits gut ein Jahr vor der Trennung das Gespräch mit Löscher gesucht. Diese Diskussion habe angesichts zahlreicher Gewinnwarnungen "an Dringlichkeit gewonnen". Als Löscher im Juli abermals beichtete, ein Gewinnziel zu verfehlen, habe er dem Österreicher eine einvernehmliche Trennung angeboten.

Als dieser ablehnte, habe er, Cromme, sich mit den restlichen Kapitalvertretern "mit völliger eindeutiger Mehrheit" auf eine Ablösung verständigt. Selbst danach habe Löscher seinen Posten noch nicht räumen wollen. Dass die Diskussionen aus dem Aufsichtsrat fast zeitgleich an die Öffentlichkeit gelangten, gehe auf Indiskretionen eines Gremiummitglieds zurück, sagte Cromme. "So etwas habe ich auch noch nie erlebt."

Die Aktionäre von Siemens Börsen-Chart zeigen beeindruckt dies wenig. Immer wieder ernten Aktionärssprecher Applaus, ja sogar Gejohle dafür, dass sie Cromme zum vorzeitigen Abtritt auffordern. Etwa Ingo Speich, Fondsmanager von Union Investment, der Crommes Pläne, bis 2018 zu bleiben, als "nicht zielführend" brandmarkt.

Hans-Christoph Hirt vom britischen Pensionsfonds Hermes will gar Crommes Zusage, spätestens auf der Hauptversammlung im Januar 2015 einen Nachfolger zu präsentieren. "Herr Cromme, Sie können Siemens und sich selbst einen großen Gefallen dadurch tun, dass Sie Ihre Aufgabe bei unserem Unternehmen in angemessener Weise und absehbarer Zeit an eine geeignete Persönlichekeit übergeben." Hirt spricht für eine Reihe weltweit renommierter Profianleger, darunter Calstrs, der Pensionsfonds der Lehrer in Kalifornien, und den niederländischen Pensionsfonds APG. Eine feste Zusage bekommt er von Cromme trotzdem nicht.

Joe Kaeser hält Distanz

Versöhnlich stimmt die Aktionäre, dass Siemens' Führungskrise zumindest mit der Bestellung des bisherigen Finanzvorstands und Investorenlieblings Joe Kaeser endete. Zwar kritisiert mancher, dass Kaeser erst im Mai seine Pläne für den großen Konzernumbau vorstellen will. Dennoch attestiert Union-Fondsmanager Speich, Kaeser sei "der richtige Mann" für Siemens. "Gut, dass Sie da sind", ruft Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung Institutionelle Privatanleger.

Der Niederbayer hat passable Quartalszahlen im Gepäck und erhält viel Zustimmung für sein Vorhaben, Siemens nach 13 Jahren wieder von der New Yorker Börse zu nehmen.

Zu Cromme dagegen hält Kaeser, so wirkt es, bewusst die Distanz. Statt gemeinsamer Händeschüttel-Fotos, wie sie Löscher und Cromme gerne und oft zelebriert haben, posieren Cromme und Kaeser am Morgen nur kurz mit dem neuen Finanzchef Ralf Thomas für den hausinternen Fotografen. Selbst als Cromme nach Beendigung seiner Rede zu seinem Platz zurückstrebt, gewährt ihm Kaeser nur einen flüchtigen, fast verstohlenen Händedruck.

Ob wohl Kaeser Cromme wohl für den richtigen Mann für Siemens hält? Diese Frage wollte der Niederbayer am frühen Morgen vor der Presse nicht so wirklich beantworten. Ihm liege an der Beruhigung des Unternehmens, sagt er. "Da schließe ich den Aufsichtsrat ein."

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