America Movil und Telefonica Carlos und César kämpfen um E-Plus

Nur einer kann siegen. Zwei der größten Telefonkonzerne der Welt wollen unbedingt mit Milliardeneinsatz den deutschen Mobilfunker E-Plus kaufen. Für Telefónica-Chef César Alierta geht es um viel, für Mexikos Magnat Carlos Slim um noch mehr.
Bereit zum Showdown: Telefónica-Chef Alierta (l.), Carlos Slim

Bereit zum Showdown: Telefónica-Chef Alierta (l.), Carlos Slim

Foto: Reuters; Getty Images

Hamburg - Der Showdown kann kommen. Am 2. Oktober sind die Aktionäre des niederländischen Telefonkonzerns KPN zur außerordentlichen Hauptversammlung in Den Haag eingeladen. Wichtigster Tagesordnungspunkt ist der Verkauf der deutschen Mobilfunktochter E-Plus für acht Milliarden Euro an Telefonica Deutschland.

Das KPN-Management hatte es eilig, diesen Termin am Mittwoch festzulegen, denn kurz zuvor hatte der größte Aktionär seine Bereitschaft unterstrichen, den Deal zu torpedieren: Der vom Multimilliardär Carlos Slim kontrollierte mexikanische Telefonkonzern América Móvil  hatte die benötigten Mittel von sieben Milliarden Euro für die Komplettübernahme von KPN  zusammen.

Nur, wer am 4. September KPN-Anteile hält, ist stimmberechtigt. Bis dahin kann Slim seinen Anteil von derzeit knapp 30 Prozent kaum nennenswert ausbauen - doch auch so könnte es für ein Veto reichen, wenn die Beteiligung der Aktionäre so schwach bleibt wie bisher üblich.

Nicht mitentscheiden darf César Alierta, für ihn geht es aber um viel. Der Chef von Telefonica  könnte nach Jahren von Schuldenabbau und Rückzug mit der Fusion von E-Plus und O2  endlich wieder in die strategische Offensive gehen. Zugleich könnte er damit die Europa-Pläne von Rivale Carlos Slim durchkreuzen - wenn der nicht umgekehrt Aliertas Pläne durchkreuzt. Carlos oder César, es kann nur einen geben. Auch anderswo streiten die beiden Telekommogule. Ein Überblick.

Was will Slim mit E-Plus?

Probleminvestment: Ohne E-Plus bliebe von KPN nur eine Rumpffirma mit schwachen Erträgen

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Offiziell hat América Móvil seine Haltung zum E-Plus-Deal noch gar nicht festgelegt. Der Konzern "untersucht sorgfältig die Vorteile des vorgeschlagenen Effekts und wird einen Entschluss zur Ausübung seiner Stimmrechte auf der kommenden außerordentlichen Hauptversammlung treffen", teilt Slims Firma mit. Bekannt ist aber, dass die beiden Mexikaner im Aufsichtsrat, die América-Móvil-Manager Carlos García Moreno Elizondo und Oscar von Hauske, dem Verkauf nicht zustimmten.

Auch das Timing der Übernahmeofferte spricht für sich. Kaum hatte KPN  den Deal mit Telefónica  beschlossen, lösten die Mexikaner das erst im Februar geschlossene Abkommen, mit dem sie sich auf unter 30 Prozent der KPN-Anteile beschränkten. Das jetzt nachgelegte Übernahmeangebot könnte Slim einen schönen Schnitt verschaffen, wenn der E-Plus-Verkauf erst hinterher über die Bühne ginge: Erst zwölf Milliarden Euro für das ganze Unternehmen zahlen, und kurz darauf acht Milliarden nur für die deutsche Tochter kassieren. Nach dem Plan des KPN-Managements dagegen würde Slim nur zu seinem jetzigen Anteil profitieren - und säße dann auf einer wohl völlig überteuerten Rumpf-KPN.

Ohnehin muss der Mexikaner um sein Europa-Investment bangen. Innerhalb eines Jahres hat América Móvil für seine Anteile, die jetzt noch rund die Hälfte wert sind, rund fünf Milliarden Euro gezahlt. Jetzt nachzulegen, heißt voll auf einen Erfolg zu setzen, an den sonst kaum jemand glaubt. KPN selbst warnt die eigenen Aktionäre geradezu furchtvoll vor den Aufgaben in Deutschland: Schon im kommenden Jahr könnte eine Auktion von Funkfrequenzen dem überschuldeten Unternehmen hohe Investitionen abverlangen.

Slim hat sein Vermögen aufgebaut, indem er immer wieder Unternehmen zu Tiefstpreisen kaufte, wenn alle Hoffnung verloren schien - ein Muster, das schon sein libanesischer Vater mit Immobilienkäufen mitten in der mexikanischen Revolution begründete.

Wie er das malade Europa-Geschäft drehen will, erklärte Slim bislang nicht. Jedenfalls stieg er im Juni 2012 zeitgleich mit KPN auch bei der Telekom Austria ein. Dort könnte er ab Ende September seinen 23-Prozent-Anteil zu niedrigeren Kursen aufstocken. Die beiden Unternehmen, die bereits zaghaft im Firmenkundengeschäft kooperieren, hätten zusammen ein flächendeckendes Mobilfunknetz von den Niederlanden bis Bulgarien - ein neues Modell für einen zusammenwachsenden europäischen Markt? Dafür aber wäre die deutsche E-Plus das Herzstück.

César Aliertas Strategie ist genau entgegengesetzt: Telefónica will den deutschen Markt mit dem Zusammenschluss seiner Tochter O2 mit E-Plus konsolidieren und so neben Spanien eine zweite europäische Nation als führender Mobilfunker dominieren.

Das italienische Abenteuer

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Foto: TONY GENTILE/ REUTERS

Als Ziel gibt América Móvil die "geografische Diversifikation" an. Der Markt in den meisten Ländern auf dem amerikanischen Kontinent, wo die Mexikaner fast überall als Nummer eins oder zwei vertreten sind, wächst zwar rasant. Das Potenzial für Zukäufe ist aber weitgehend ausgereizt. Europa dagegen bietet mit niedrigen Aktienkursen, die allerdings von hohen Schulden und hohen notwendigen Investitionen getrieben sind, eine bessere Einstiegsgelegenheit als in früheren Phasen der Wachstumseuphorie.

Dies ist nicht der erste Versuch der Mexikaner, in Europa Fuss zu fassen. Bereits 2007 boten sie gemeinsam mit dem US-Konzern AT&T  einen Milliardenbetrag für einen Minderheitsanteil an Telecom Italia . Die italienische Politik stellte sich quer - die wichtige Infrastruktur sollte in nationaler Hand bleiben.

Den Zuschlag erhielt nach einem langen Übernahmekampf schließlich ein Konsortium italienischer Banken mit dem Hauptaktionär Telefónica. Damals wurde berichtet, Alierta habe sich zu dem Einstieg in Italien entschlossen, um den lateinamerikanischen Rivalen vom europäischen Markt fernzuhalten. Sein Pech: Seitdem verloren die Aktien von Telecom Italia drei Viertel an Wert.

Teurer Kampf um Brasilien

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Foto: REUTERS

Der Hauptschauplatz der Rivalität ist Lateinamerika. In den meisten spanischsprachigen Ländern sind die beiden Konzerne die Mobilfunker Nummer eins und zwei, in wechselnder Konstellation: In Mittelamerika, Kolumbien und Ecuador ist América Móvil der Platzhirsch, Telefónica der Angreifer mit aggressiver Preisstrategie; in Chile und Peru ist es umgekehrt, in Argentinien begegnen sich beide auf Augenhöhe.

Der weitaus größte südamerikanische Markt Brasilien dagegen ist ein offenes Schlachtfeld. "Das Land ist zum wichtigsten sowohl für Telefónica als auch für América Móvil geworden, in allen Segmenten, Festnetz und mobil", schreiben Fernando Butler und Efrén Páez vom mexikanischen Marktforscher Mediatelecom in einer Studie.

Telefónicas Marke Vivo führt den mobilen Markt mit leichtem Vorsprung an, neben der América-Móvil-Marke Claro sind auch noch Tim (Telecom Italia) und der brasilianische Anbieter Oi stark. Mit dem Kauf des Kabelnetzbetreibers Net Serviços konnte América Móvil den Rückstand begrenzen und den Kunden Paketlösungen anbieten.

Telefónica wiederum hatte alles darangesetzt, die Marktführerschaft in Brasilien zu bekommen. 2010 kauften die Spanier den bisherigen Partner Portugal Telecom (nun an Oi beteiligt) nach heftigem Streit für 7,5 Milliarden Euro heraus. Das gilt heute aber als einer der Hauptgründe für die aktuellen Schuldenprobleme. "Insgesamt gesehen führt América Móvil nach Umsatz in Lateinamerika und setzt sein Kapital besser für Investitionen in Unternehmenskäufe oder den Ausbau des Netzes ein", schließen Butler und Páez. "Telefónica ist aber keineswegs abgeschlagen."

Gefährdete Macht in Mexiko

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Foto: AP/dpa

Die mexikanische Heimat gilt bislang als Bollwerk von América Móvil. In allen Sparten, vor allem aber im Festnetz, hat Slims Firma Marktanteile von deutlich über 60 Prozent. Seinen Reichtum begründete der Milliardär bei allem Geschick mit zig verschiedenen Aktienkäufen in erster Linie mit der Privatisierung des Staatsmonopolisten Telmex im Jahr 1990. Damals verfügte die Regierung, dass nur Inländer sich beteiligen dürften, und von denen mochte niemand über Slims niedriges Gebot gehen.

Seitdem erwies sich die Telefonfirma als Gelddruckmaschine, vor allem weil Slim es schaffte, sich Konkurrenz vom Leib zu halten. Telefónica ist zwar seit Jahren mit der Mobilfunkmarke Movistar präsent, prallte aber immer wieder an der Marke von 20 Millionen Kunden (gegenüber 90 Millionen Verträgen von América Móvil) ab.

Auch eine Billigstrategie half nicht viel gegen die eingesessene Marktmacht. Laut Mediatelecom nimmt Telefónica von einem durchschnittlichen mexikanischen Kunden knapp 30 Dollar pro Jahr ein, gegenüber mehr als 50 für América Móvil. Der Marktanteil der Spanier sank zuletzt dennoch.

Das könnte sich aber bald ändern. Seit dem Antritt des neuen Präsidenten Enrique Peña Nieto im Dezember ist einiges im Umbruch in der mexikanischen Wirtschaftspolitik. Der "Pakt für Mexiko" aller drei großen Parteien hat beschlossen, die Korruption anzugehen, Kartelle und Monopole zu brechen.

Gut für Slim ist, dass er mit seinen Ölgeschäften nun in die Domäne des Staatsmonopolisten Pemex einbrechen darf. Bedeutend schlechter für ihn aber, dass auch der Telefon-, Mobilfunk-, Internet- und Kabelmarkt für ausländische Investoren geöffnet wird und zugleich eine Obergrenze des Marktanteils von 50 Prozent vorgeschrieben wird.

"Wir müssen abwarten, wie die ausführenden Gesetze aussehen werden oder welche Auflagen dominierende Unternehmen bekommen", wiegelte América-Móvil-Chef Daniel Hajj Aboumrad gegenüber Analysten ab. Bis zum Jahresende wisse man mehr, der Konzern gehe aber nicht von einem geringeren Gewinn aus.

Die Börse sieht das anders. Vor allem der Fall der América-Móvil-Aktien  sorgte dafür, dass Carlos Slim seit Mai auf den Listen von Bloomberg und "Forbes" nicht mehr als reichster Mann der Welt steht - ein Titel, den er vier Jahre lang hielt. Nach eigenen Angaben macht er sich nichts daraus - mit dem neuen, alten Spitzenreiter Bill Gates kann er ohnehin gut -, aber wenn er seine Fortüne bessern will, muss das KPN-Investment zum Erfolg werden. Die Entscheidung fällt um E-Plus.

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