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Legale Steuerflucht: Die Lieblingsoasen der Dax-Konzerne

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Geld für den Fiskus Dax-Riesen besitzen 2500 Firmenbeteiligungen in Steueroasen

Die EU hat Steuerflucht zum Gipfelthema gemacht, jetzt geraten auch deutsche Konzerne in den Fokus: Der Blick in die Geschäftsberichte der Dax-Riesen fördert fast 2500 Firmenbeteiligungen in Steueroasen zutage, von denen einige die deutschen Konzerne in Erklärungsnot bringen könnten.

Hamburg - Als Briefkastenfirmen kann man die unter der Adresse 1209 North Orange Street in Wilmington, Delaware, ansässigen Unternehmen wohl nicht bezeichnen. Denn Briefkästen für alle hier registrierten Gesellschaften, laut "New York Times" sind es 285.000, hätten an dem einstöckigen Klinkerbau kaum Platz.

In dem Corporate Trust Center unterhält die Deutsche Bank  Beteiligungen wie Deutsche Bank Securities Inc. oder Deutsche Investment Management Americas Inc. - in einer eigentümlichen Wohngemeinschaft mit Töchtern von Apple , Coca-Cola , Daimler  und anderen Weltkonzernen ebenso wie bis vor Kurzem dem verurteilten Finanzbetrüger Timothy Durham oder einem wegen Zigarettenschmuggels belangten serbischen Geschäftsmann, der hier zwei Flugzeuge angemeldet hat. Sie alle sind Kunden des Finanzdienstleisters CT, der zum niederländischen Fachverlag Wolters Kluwer  gehört.

Der US-Kleinstaat am Delaware-Fluss lockt vor allem mit seinem liberalen Unternehmensrecht, das seit einem halben Jahrhundert im weltweiten Wettbewerb der Steueroasen nahezu ungeschlagen ist. Einnahmen, die auf immaterielle Güter wie Markenrechte, Copyrights, Patentlizenzen oder Pachtgebühren zurückgeführt werden, bleiben steuerfrei - und die in Delaware (nicht) gezahlte Steuer kann zudem als Abschreibung in anderen US-Staaten genutzt werden. Dank Doppelbesteuerungsabkommen bleibt der Vorteil auch beim Transfer des Gelds etwa nach Deutschland erhalten.

Genau auf solche Arrangements zur legalen Steuerflucht haben sich die Lenker der führenden Industriestaaten derzeit eingeschossen - wobei jeder auf die Fluchtburgen der anderen verweist. Österreichs Finanzministerin Maria Fekter verteidigt ihr Bankgeheimnis mit dem Hinweis auf Delaware, US-Präsident Barack Obama schimpft über die britische Karibikkolonie Kaimaninseln.

Konzerne geraten unter öffentlichen Druck

Der britische Finanzminister George Osborne und sein deutscher Kollege Wolfgang Schäuble stiften sechsstellige Beträge für das Versprechen, die "Gewinnverschiebung" internationaler Konzerne zu stoppen. Das niederländische Parlament immerhin diskutierte im Januar selbstkritisch die Rolle des für das Steuerschlupfloch "Double Dutch" bekannten Königreichs und kam zu dem Beschluss, die Bezeichnung als "Steueroase" sei nicht zulässig.

Selbst die Industrieländerorganisation OECD, die solche Mühen koordinieren soll und seit langem Register über Schattenfinanzplätze und die Planungsstrategien der Buchhalter führt, erklärt sich außerstande, das Ausmaß des Problems genau zu erfassen. Daher sind Treffen wie der an diesem Mittwoch beginnende EU-Gipfel mit Schwerpunktthema Steuerflucht oder der für September geplante G20-Gipfel in St. Petersburg, wo konkrete Vorschläge der OECD gegen die Erosion der Unternehmensteuerbasis vorliegen sollen, nicht unbedingt zum Erfolg verdammt.

Und doch geraten die Konzerne öffentlich unter Druck. In seiner aktuellen Ausgabe berichtet das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL von belgischen Vehikeln, mit deren Hilfe beispielsweise BASF  und Volkswagen  ihre Steuerlast senkten.

Wilmington als wichtigster Standort der Deutschen Bank

Dass auch deutsche Konzerne - im Unterschied zu Privatpersonen - in den Fokus der Steuerdebatte geraten, ist neu. Große Aufregung gab es bislang um Apple , Google , Amazon , Starbucks  oder Ikea. Apple-Chef Tim Cook musste an diesem Dienstag als Zeuge vor einem US-Senatsausschuss auftreten. Die britische Bank Lloyds  verkündete auf der Hauptversammlung in der vergangenen Woche nach Druck von Aktionären den vollständigen Rückzug aus Steueroasen. Gemeinsam ist diesen Firmen vor allem, dass ihre Heimat außerhalb Deutschlands liegt.

"Offshore Leaks" brachte zwar die Deutsche Bank  ins Zwielicht, aber nur wegen der Gründung von Firmen in Steueroasen im Kundenauftrag - was die Bank bestreitet. Dabei sind die eigenen Niederlassungen der Bank, viele davon in Steueroasen, öffentlich. Jede Aktiengesellschaft veröffentlicht Listen ihres Anteilsbesitzes als Anhang zum Jahresabschluss, zumindest aber im Unternehmensregister. Grundsätzlich ist das alles legal und kein Geheimnis, aber hausieren gehen die Konzerne mit diesen Informationen auch nicht.

manager magazin online hat die nun vorliegenden Berichte der 30 im Deutschen Aktienindex  vertretenen Konzerne für das Geschäftsjahr 2012 analysiert. Da es keine allgemein akzeptierte Definition von Steueroasen gibt, wurden die Länder betrachtet, die im "Financial Secrecy Index"  des internationalen Netzwerks Steuergerechtigkeit einen Wert von 75 oder höher aufweisen (ohne die dort vorgenommene Gewichtung mit der Größe des Finanzsystems, die beispielsweise Deutschland auf einen vorderen Rang bringt).

Auch Nicht-Steueroasen bieten Schlupflöcher

Berücksichtigt wurden auch die bekannten Holdingstandorte Delaware, Irland, Luxemburg, Malta, Österreich, Niederlande und Zypern. Im Fall der großen Nachbarländer Deutschlands - also auch der Schweiz - gingen jedoch nur Beteiligungen in die Zählung ein, soweit es sich aus dem Unternehmensnamen ersichtlich um Finanzholdings oder erkennbar nicht auf nationales Geschäft bezogene Firmen handelt.

Anspruch auf Vollständigkeit hat diese Liste nicht. Nicht berücksichtigt wurde beispielsweise Belgien, wo DER SPIEGEL ein Schlupfloch der Konzerne ausgemacht hat - ausgerechnet in einem Hochsteuerland, das allerdings auch für Sonderregeln etwa zur Dividendenbesteuerung aus dem Ausland bekannt ist. In diesem Fall nutzen die Konzerne den Steuerabzug ihrer Eigenkapitalkosten - also der eigenen Renditeansprüche.

Im Fall der Deutschen Bank  ist Wilmington in Delaware, gemessen an der Zahl der Tochtergesellschaften und Beteiligungen, der wichtigste Konzernstandort, weit vor London und Frankfurt (und mit der eigentlichen US-Finanzmetropole New York noch hinter Georgetown auf den Kaimaninseln). 345 der 1020 Beteiligungen sitzen in Steueroasen.

Das Ranking der Dax-Konzerne mit Firmen in Steueroasen

In der Rangliste der Dax-Konzerne, die insgesamt 2485 solcher Beteiligungen zählen, ist die Großbank damit weit vorn, vor Allianz , Commerzbank  und Volkswagen  als größtem Industriekonzern. Mit weniger als zehn Einträgen warten nur Lanxess , K+S  und Infineon  auf, die insgesamt sehr kurze Anteilsbesitzlisten haben.

Spitzenreiter aber ist mit großem Abstand der Gesundheitskonzern Fresenius , dessen ebenfalls im Dax notierte Tochter Fresenius Medical Care  (die Beteiligungen wurden jeweils nur einmal gezählt) überwiegend in den USA aktiv ist, in Dollar bilanziert, und den Großteil des dort flächendeckenden Geschäfts mit Dialysezentren und anderem in 712 Delaware-Gesellschaften untergebracht hat - ob lokale Niederlassungen in Detroit oder auf Hawaii.

Der Konzern liefert auch ein anschauliches Beispiel für Schachtelbeteiligungen, die helfen können, besondere rechtliche Vorteile bestimmter Länder zu nutzen und die Nachteil mit einem Transfer der Gewinne über andere Länder auszugleichen.

Von Singapur über Jungfern- und Kaimaninseln via Holland nach Hause

Der Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA mit Sitz in Hof/Saale gehört die Fresenius Medical Care Beteiligungsgesellschaft mbH in Bad Homburg v.d.H. Die wiederum hält neben vielen weiteren Beteiligungen 100 Prozent der Anteile der Fresenius Arcadia Holding BV mit Sitz im niederländischen Dorf Nieuwkuijk. Einziger Inhalt dieser Holding ist die Asia Renal Care Ltd. auf den Kaimaninseln.

Die verwaltet acht Gesellschaften in Taiwan, Singapur, Hongkong und auf den Britischen Jungferninseln, von denen wiederum einige an Dialysezentren in den asiatischen Metropolen Singapur, Kuala Lumpur und Quezon City beteiligt sind - das ist das echte Geschäft. Nennenswerte Gewinne lieferte das Konstrukt zumindest im Geschäftsjahr 2012 nicht ab; die Holland-Holding wies trotz schwarzer Zahlen der Kaiman-Tochter sogar einen Verlust von 1000 Euro aus.

Daraus und aus der reinen Zahl der Beteiligungen lässt sich noch nicht viel ablesen. Die allermeisten weisen sehr geringe oder gar keine Werte für Eigenkapital und Ergebnis aus, manche sind auch bereits gelöscht. Doch in einer Schachtelstruktur können selbst scheinbar unbedeutende Unternehmen einen Beitrag zur Steuerersparnis leisten.

Auch Deutschland ist eine Steueroase

Ausnahmen gibt es aber: die maltesische Scaris Investment Limited, die mit 211 Millionen Euro immerhin ein Zehntel zum Ergebnis des Energiekonzerns RWE  beigetragen hat, oder zwei irische Töchter des Softwarekonzerns SAP , die allein ein Plus von 700 Millionen Euro einbrachten - ein Viertel des Konzerngewinns. Volkswagen  verbuchte immerhin 1,4 Milliarden Euro Gewinn über die Volkswagen International Finance NV in Amsterdam, über die der Konzern auch Anleihen emittiert, was den Anlegern Quellensteuer und dem Konzern Gewerbesteuer spart.

Nach Berechnung von manager magazin online auf Basis der Geschäftsberichte haben die Dax-Konzerne zusammengenommen einen Vorsteuergewinn von 91,6 Milliarden Euro erzielt und davon 24,7 Milliarden oder 26,9 Prozent abgeführt. Zwei Drittel der Konzerne zahlen weniger als 30 Prozent Steuern, was ungefähr den deutschen Regelsätzen von Körperschaftsteuer mit Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer entspricht.

Vordergründig sind die Unternehmen mit starker Präsenz in Oasen nicht gerade die erfolgreicheren Steuersparer - mit Ausnahme von Volkswagen (effektive Steuerquote 14,2 Prozent) und Eon (21,2 Prozent). Die mit Abstand höchste Belastung weisen aber ausgerechnet die Commerzbank (88 Prozent) aus, die 2011 noch einen negativen Wert meldete, und die Deutsche Bank (62,9 Prozent), die im Vorjahresbericht stolz auf die "vorteilhafte geografische Verteilung des Konzernergebnisses" verwies.

Tatsächliche Steuerlast negativ

Bei genauerem Hinsehen handelt es sich hier aber hauptsächlich um Bilanzeffekte. Die Deutsche Bank , ebenso wie ThyssenKrupp , konnte hohe Abschreibungen nicht steuermindernd geltend machen. So stieg die "latente" Steuerlast, die sich aus Rückstellungen und Forderungen gegenüber dem Finanzamt ergibt. Der laufende tatsächliche Steueraufwand war für die Bank dagegen negativ: Sie bekam unterm Strich Geld von den Finanzbehörden. Im Fall der Commerzbank mussten latente Steuerforderungen abgeschrieben werden.

Bereits eine Analyse der Bilanzen im Vorjahr hatte gezeigt, dass die Dax-Konzerne ihre Steuerlast vor allem mittels Verlustvorträgen mindern: Ein negatives Ergebnis in einer Periode kann auf die Steuerschuld der Folgejahre angerechnet werden, nach den besonders großzügigen deutschen Regeln oft unbefristet, während in anderen Ländern die Gutschriften nach fünf oder zehn Jahren verfallen. So zehrt der Chiphersteller Infineon  heute von seinen früheren schlechten Jahren. Seine aktuelle Steuerlast: minus eine Million Euro.

Von 600 Milliarden Euro Steueraufkommen des deutschen Staats kamen im vergangenen Jahr nur 16,9 Milliarden Euro aus der Körperschaftsteuer und 42,3 Milliarden aus der Gewerbesteuer. Nach Daten der OECD sind die Einnahmen aus Unternehmensteuern mit 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts deutlich geringer als in allen Nachbarländern und größeren Industriestaaten. Es könnte also gut sein, dass die wichtigste Steueroase der deutschen Konzerne Deutschland heißt.

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