Neue Herren aus China Wie sich Putzmeister und Sany die Welt aufteilen

Chinesischer Investor schluckt deutschen Weltmarktführer: Das Aufsehen war groß, als Sany 2012 den deutschen Betonpumpenhersteller Putzmeister übernahm. Putzmeister-Chef Norbert Scheuch spricht nun mit einem der rechsten Männer Chinas über Expansion - und lobt die klare Marktaufteilung. Operativ, so Scheuch, sei der Eingriff "gleich Null".
Putzmeister-Chef Norbert Scheuch: "Strategische Kooperation - operativer Eingriff gleich Null"

Putzmeister-Chef Norbert Scheuch: "Strategische Kooperation - operativer Eingriff gleich Null"

Stuttgart - Trinken hat er inzwischen gelernt. Einen Chinesen nach dem anderen - um genau zu sein: vier - kann er mit diversen Moutai-Schnäpsen unter den Tisch trinken. "Wenn der eine rot angelaufen ist, kommt der nächste dran", sagt Norbert Scheuch, Chef der Putzmeister Holding GmbH, die seit Anfang 2012 im Besitz des chinesischen Konkurrenten Sany ist. Solche Standfestigkeit schätzen die Chinesen, bei denen Ess- und Trinkgelage nach wie ganz wichtige Rituale im Geschäftsleben sind.

Aber auch nüchtern hat Scheuch bei seinen neuen Herren aus China ein gutes Standing. Bestes Zeichen des Vertrauens: Sie lassen ihn machen, sie reden ihm nicht drein. "Nach über einem Jahr der Zusammenarbeit kann ich sagen: Die Leine ist noch länger als ich zu Beginn dachte", sagt Scheuch.

Strategisch - klar - stimme man sich ab. So hat man sich gleich nach der Übernahme die Welt aufgeteilt: Sany beackert mit seinen Pumpen und Baumaschinen den chinesischen Markt, Putzmeister (Umsatz 2012: 660 Millionen Euro, 3030 Beschäftigte) den Rest der Welt - und den Premiummarkt in China.

Strategisch also Kooperation. Aber der operative Eingriff sei gleich Null, beteuert Scheuch. In seinem Umfeld hört man, dass er sich unter den neuen chinesischen Besitzern viel freier und wohler fühlt als unter dem alten Eigner von Putzmeister, dem schwäbischen Patriarchen Karl Schlecht, der sein Unternehmen für über 500 Millionen Euro ziemlich eigenmächtig und ohne langwierige Verhandlungen an die Chinesen verkauft hatte.

"Die Amerikaner würden sich anders verhalten"

In der Hauptverwaltung des Betonpumpenherstellers in der Nähe des Stuttgarter Flughafens sitzen denn auch keine Chinesen. "Ich habe kein chinesisches Management hier", sagt Schnellredner Scheuch. Dann denkt er kurz nach über das, was er gerade gesagt hat. "Das ist schon sonderbar. Die Amerikaner würden sich anders verhalten." Sie würden eine Armada von Aufpassern und Besserwissern schicken.

Scheuchs Aufpasser sitzt dagegen im fernen Changsha, der Hauptstadt von Hunan und Firmensitz von Sany. Er heißt Liang Wengen, ist Gründe und Chef des Sany-Konzerns und dessen Mitinhaber. Mit einem geschätzten Vermögen von 7,1 Milliarden Euro gehört Liang zu den reichsten Chinesen. Außerdem ist er politisch bestens verdrahtet, war im November 2012 sogar Delegierter auf dem Parteitag der KP.

Der direkte Draht zu ihm hat freilich auch einen Nachteil. Da bei Sany (immerhin ein Konzern mit knapp sechs Milliarden Umsatz) fast alles Chefsache ist, landet sehr viel auf dem Schreibtisch von Liang. Er kommt mit dem Abarbeiten nicht nach. Also muss sich auch Scheuch, eher ein Mann der schnellen Entscheidungen, gedulden.

Sany-Chef Liang Wengen: Gespräche mit einem der reichsten Männer Chinas

Trotzdem findet Scheuch, der auch im Vorstand der Sany-Gruppe sitzt, nur positive Worte über Liang, den er meist bei seinen monatlichen Besuchen in Changsha trifft. Ein sehr angenehmer Mensch sei er, nicht stur, sehr strukturiert und mit einem Schuß Selbstorinie versehen. Und - ganz wichtig - zuverlässig. "Er hat sich immer an alles gehalten."

Schon bei ihrem ersten Gespräch kurz vor Weihnachten 2011 versicherte ihm Liang, dass er Putzmeister unverändert lassen werde. Nach dem Kauf gab Sany den doch etwas verunsicherten Mitarbeitern in Aichtal eine Standortgarantie bis 2020 und versprach keine betriebsbedingten Kündigungen.

Gespräche über Übernahmeziele

Im Gegenteil: Putzmeister soll wachsen. Ein ehrgeiziges Umsatzziel von zwei Milliarden Euro bis 2016 hat die Zentrale schon mal ausgegeben. Mit organischem Wachstum ist das nicht zu stemmen. Deshalb sind Aufkäufe im Gespräch. Wenn nötig, soll dazu auch Geld aus China fließen.

Über Übernahmeziele wird derzeit in der Konzernzentrale heftig diskutiert. Doch nach schwierigen Gesprächen in Changsha gibt es immer ein ausgiebiges Abendessen. Die scharfe - mit reichlich Chili und Knoblauch mehr als garnierte - Hunan-Küche ist freilich nicht so Scheuchs Sache, deshalb tischen die Chinesen lieber Schnitzel für ihn auf.

Aber danach gibt es Moutai.

Zahl der Firmen in chinesischer Hand wird deutlich steigen

Putzmeister, Kion, FACC und Dürkopp Adler - das waren vier Beispiele in unserer Serie über deutsche (und österreichische) Unternehmen, die in den vergangenen Jahren in den Besitz chinesischer Firmen übergegangen sind und - entgegen vieler Vorurteile - durchweg keine negativen Erfahrungen mit ihren neuen Besitzern aus dem Fernen Osten gemacht haben.

Noch ist es freilich eine überschaubare Zahl von deutschen Firmen, die Chinesen gehören. Doch sie wird in den nächsten Jahren steigen. Das ergab eine aktuelle Studie der Europäischen Handelskammer in China, die zusammen mit der Unternehmensberatung Roland Berger und KPMG erstellt wurde. Sie kam auch zu dem Ergebnis, dass sich die Chinesen zunehmend an größere Deals heranwagen werden, also auch MDax  oder gar Unternehmen aus dem Dax  in ihr Visier nehmen werden.

Dabei streben sie nicht unbedingt die Mehrheit an. André Loesekrug-Pietri vom Investmentfonds A Capital konstatiert, dass sich chinesische Unternehmen zunehmend mit Minderheitsbeteiligungen zufrieden geben. Nach seinen Berechnungen begnügten sich die Chinesen bei 58 Prozent ihrer 2012 in Europa getätigten Deals mit einer Minderheitsbeteiligung. Und Loesekrug-Pietri sagt auch, dass die Chinesen ihre relativ starre Branchenfixierung aufgeben, also nicht nur auf Rohstoff- und Investitionsgüterfirmen ihre Auge werfen, sondern auch zunehmend auf Markenartikler im Konsumgüterbereich.

Ob Konsum- oder Investitionsgüter, ob groß oder klein, ob Mehrheit oder Minderheit - eines ist sicher: Die Chinesen werden kommen, langsam, aber sicher. Warum auch nicht, schließlich leben wir in einer globalisierten Welt, in die sich die Chinesen erfolgreich integriert haben?

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