Erfolgsserie "Perry Rhodan" "Kein Sex - lieber mehr Außerirdische"

Mit einer Auflage von 1,5 Milliarden ist die Kultserie "Perry Rhodan" der langlebigste Erfolg der deutschen Verlagsbranche. Nun soll sich endlich auch der größte Traum der Macher der Science-Fiction-Oper erfüllen: ein Kinofilm. Vielleicht gar mit Brad Pitt?
Dauerseller Perry Rhodan: Band 2700 "Der Techno-Mond" erscheint diese Woche - doch Hollywood bleibt dem deutschesten aller Sci-Fi-Helden (noch) verschlossen

Dauerseller Perry Rhodan: Band 2700 "Der Techno-Mond" erscheint diese Woche - doch Hollywood bleibt dem deutschesten aller Sci-Fi-Helden (noch) verschlossen

Foto: Pabel-Moewig Verlag

Hamburg - "Der Weltraum, unendliche Weiten": Wenn James T. Kirk mit dem Raumschiff Enterprise zu einem neuen Abenteuer aufbricht, sind nicht nur die Zielorte galaktisch, oft sind es auch die Umsätze. Allein im Kino spielte Käpt'n Kirk mit seinem letzten Film eine Viertel Milliarde Dollar ein. Und der neue Film "Into Darkness", der vergangene Woche in Deutschland angelaufen ist und in dem sich das jüngere, plautzenfreie Ich des alten Haudegens durchs All kämpft, dürfte die Bilanz der 47 Jahre langen Erfolgsgeschichte um weitere Umsatzmillionen verlängern.

Eigentlich könnte Kirks deutschstämmiger Kollege Perry Rhodan dessen kosmische Bilanz belächeln. Er ist länger unterwegs als Kirk, nämlich schon seit 53 Jahren. Er hat mehr Galaxien erforscht als Kirk, schließlich düst Rhodan seit mehreren Jahrtausenden durch die Universen. Und er braucht sich im Alter nicht von Jungspunden doubeln zu lassen wie Kirk, denn Perry Rhodan ist unsterblich.

Wirtschaftlich aber liegt Perry Rhodan Welten hinter Käpt'n Kirk zurück. Das liegt vor allem daran, dass Rhodan fremde Galaxien noch immer vornehmlich auf Papier bereist, während Kollege Kirk von Anfang an auf Bildschirme setzte, um seinen Heldentaten zu verbreiten - erst im Fernsehen, seit 1979 auch zwölfmal im Kino.

Hollywood blieb deutschem Sci-Fi-Helden Rhodan bislang verschlossen

Zu gern hätte auch Perry Rhodan sein galaktisches Imperium audiovisuell durchmessen - im Austausch gegen Eintrittsgelder und Mechandising-Nippes. Aber es kam es nie dazu. Der 2011 verstorbene Filmemacher Bernd Eichinger ("Die unendliche Geschichte", "Resident Evil") ließ einst eine Option auf einen Perry-Film verfallen. Deutschlands Starregisseur Roland Emmerich, der für Hollywood Sci-Fi-Kassenschlager wie "Independence Day" drehte, gab gar mal zu Protokoll, "Perry Rhodan" nie gelesen zu haben. Also blieb Perry filmisch stets auf der Erde.

Dabei boomt das Actiongeschäft mit Schwerelosigkeit, Hyperraum und Lichtsäbeln. Käpt'n Kirk dreht mit Warp-Geschwindigkeit eine neue Runde durch die Kinosäle. Der Konzern Walt Disney  hat Schöpfer George Lucas jüngst für vier Milliarden Dollar die Rechte an der Star-Wars-Saga abgekauft und plant drei neue Filme rund um Darth Vader und Luke Skywalker.

Im Laufe des Jahres versprechen Topstars wie Harrison Ford ("Ender's Game") und Jodie Foster ("Elysium") neuen Sci-Fi-Filmen ordentliche Umsätze. Und auch das sabbernde "Alien" von Ridley Scott ist seit dem Premierenbiss 1979 nicht totzukriegen.

Doch für Perry Rhodan bleiben die unendlichen Weiten des Hollywood-Weltalls womöglich auf ewig endlich. Der deutscheste aller Sci-Fi-Helden steht damit auch für eine Schwäche der deutschen Unterhaltungsindustrie: An guten Stories mangelte es nie, aber vielleicht am letzten Schuss unternehmerischer Fantasie.

Folge 2700 erscheint diese Woche - Druckauflage hat Milliardengrenze geknackt

Geschlagen geben wollen sich die Macher von "Perry Rhodan" aber noch nicht. Mit immer neuen Formaten kämpft der Verlag Pabel-Moewig - eine Tochter der Bauer Media Group ("Bravo", "Cosmopolitan", "Golf World") - darum, seinen unsterblichen Helden vor dem geschäftlichen Ableben zu bewahren. Zwei große Schwächen plagen das Perry-Business von VPM: die biologische Uhr der Leserschaft und der Erfindungsreichtum seiner Autoren.

Dem terranischen Weltraumreisenden des Jahres 1514 Neuer Galaktischer Zeitrechnung geht es wie (fast) allen anderen Druckerzeugnissen im 21. Jahrhundert nach Christus: Die Auflage bröckelt. Mehr als 100.000 Hefte pro Woche setzte der Verlag zu Hochzeiten ab. Heute sind es noch etwa zwei Drittel davon.

Perry-Leser sind zwar treu und kaufen oft seit Jahrzehnten Freitag für Freitag ihr neues Heftchen. Das gab es einst für 70 Pfennige, heute sind 2,60 Euro fällig, also der Preis eines Cappuccinos. Aber Perrys Fans werden auch immer älter, und junge wachsen kaum noch nach.

Das liegt auch daran, dass die Macher die Komplexität ihres Werkes kaum noch bändigen können. 2699 Folgen sind bisher erschienen, mehr als 160.000 Seiten also. Allein in Deutschland hat die Druckauflage die Eine-Milliarde-Schwelle überschritten. Aufeinander getürmt reichen alle jemals gedruckten Perry-Rhodan-Hefte angeblich bis zum Mond.

Allein die Zahl der verschiedenen Alien-Völker wie Arkoniden oder Topsider, mit denen es der Titelheld schon zu tun hatte, geht in die Hunderte. Das "Perryversum" ist zu einer Welt gewuchert, die es für Späteinsteiger fast unmöglich macht, sich hineinzufinden.

Neustart für Rhodan: Bestsellerautor Eschbach steigt wieder ein

Deshalb versucht Chefredakteur Klaus Frick seit Jahren, immer wieder neue Anfänge in der ewigen Perry-Story zu kreieren. Es gibt etwa Taschenbücher und Sammelbände mit abgeschlossenen Geschichten. Markenstrategisch besonders gewagt ist die neue Serie "Perry Rhodan Neo", die VPM seit 2011 verlegt: Hier wird die Original-Geschichte aus den Heftromanen von jüngeren Autoren noch einmal völlig neu erzählt.

Ein solcher neuer Anfang soll auch die 2700. Folge der Heftserie sein, die an diesem Freitag (17. Mai) erscheint. Titel: "Der Techno-Mond". Geschrieben hat sie Andreas Eschbach, einer der wenigen echten deutschsprachigen Bestsellerautoren, der mit einem gewissen Recht Weltstars wie Dan Brown und Michael Crichton Kollegen nennen darf.

Eschbach landete mit "Das Jesus-Video" oder "Eine Billion Dollar" Buch-Hits. Angefangen hat er einst als Science-Fiction-Autor - dank Perry Rhodan. Noch heute sagt Eschbach von sich: "Ich kenne die Perry-Rhodan-Welt fast besser als die reale."

Weltraumfahrt per Tablet: 1,5 Millionen E-Books bereits verkauft

In die neue Realität der Verlagswelt ist "Perry Rhodan", der Mann aus der Zukunft, früher gestartet als die meisten anderen Druckerzeugnisse. Seit Jahren schon gibt es Perry zum Download - zum Hören oder Lesen. "Wir verdienen mit E-Books längst Geld", sagt Chefredakteur Frick. 1,5 Millionen Stück habe der Verlag bereits verkauft. Und die Fans machen mit: Immer öfter erreichten ihn nun Kündigungen des Print-Abos, sagt Frick, weil die Leser des Abenteuern ihres Perry Rhodan künftig lieber per Tablet oder Smartphone folgen.

Dennoch sind Perry-Käufer auch eine konservative Spezies: Neue Technik ja, aber bitte keine Experimente im technikstarrenden Perryversum selbst. Denn auch mit erzählerischen Neuerungen hat Chefredakteur Frick experimentiert - zum Beispiel mit etwas mehr Sex im All. Aber das Urteil der Fans, sagt Frick, sei eindeutig gewesen: "Eher kein Sex, lieber mehr drollige Außerirdische."

Besetzungslisten für Hollywood: Favorit der Perrynauten ist Brad Pitt

Bei so viel Werktreue wäre natürlich auch ein Film ein Wagnis, zumindest für die eingefleischten Fans. Immerhin müsste der Streifen heutzutage ja nicht mehr so primitiv daherkommen wie die bisher einzige, putzige Perry-Rhodan-Verfilmung  eines italienischen Regisseurs aus dem Jahre 1967. Dort sind die Spezialeffekte noch hölzerner als bei "King Kong" von anno 1933.

So können die Perrynauten dem großen Traum denn auch nicht widerstehen: In Foren werden längst Besetzungslisten für eine Hollywood-Produktion ausgetauscht. Favorit für die Rolle des Titelhelden ist kein Geringerer als Brad Pitt. Und natürlich könnte sich Chefredakteur Frick kaum etwas Geschäftsträchtigeres vorstellen als einen Film.

An dem arbeitet seit geraumer Zeit der Regisseur und Produzent Marcus O. Rosenmüller, dessen Firma Casascania seit Jahren die Perry-Rhodan-Filmrechte hält. Erste Ideen wie eine Fernsehserie floppten auch deshalb, weil Perry Rhodan in den USA, dem größten Sci-Fi-Markt dieses Planeten, unbekannt ist. Das reduziere eben die Zahl potenzieller Geldgeber enorm, sagt Rosenmüller.

Das Drehbuch ist fertig

Vor wenigen Tagen aber, sagt der Regisseur von TV-Krimis und Historienfilmen, habe er das Drehbuch für einen Perry-Rhodan-Film beendet. Nun will Rosenmüller Produzenten und Investoren ansprechen, erste Kontakte seien bereits "vielversprechend" verlaufen. Rosenmüller ist optimistisch, in den nächsten 24 Monaten mit den Dreharbeiten zu beginnen.

Zwei Jahre, das sind im Perryversum gut 100 neue Hefte. Bis Perry Rhodan Käpt'n Kirk also die Kinobesucher abspenstig macht, wird er auch im günstigsten Fall noch einige Tausend Lichtjahre zurücklegen müssen.

In einem Punkt dürfte Rhodan aber seinen Konkurrenten Kirk auf ewig überlegen sein: bei schlanken Strukturen. Aus gerade mal fünf Mitarbeitern besteht seine Bodencrew bei VPM in Rastatt, und zwei von ihnen fliegen gar nur halbtags mit. Die elf Autoren, die wöchentlich neue 60-Seiten-Episoden ersinnen, sind nur freie Mitarbeiter.

Dabei dürften alleine die Heftverkäufe pro Jahr noch immer neun Millionen Euro einspielen, Bücher und E-Geschäft nicht mitgerechnet. Angesichts der Personalkosten sind das überaus stabile Erträge. Wer braucht da noch einen Film?

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