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Rohstoffe: Ab welchem Preis lohnt der Abbau?

Foto: NABIL AL-JURANI/ AP

Fracking in den USA Die zweifelhafte Öl-Bonanza

Öl aus Schiefergestein, aus Teersand oder aus der Tiefsee - unkonventionelle Fördermethoden mischen die Karten im weltweiten Rohstoffmonopoly neu. In den USA ist die Euphorie riesig. Doch die Ölkonzerne, die sich heute in Paris treffen, müssen immer häufiger Rückschläge vermelden.
Von Martin Hintze

Hamburg - Man solle seinem Unternehmen nicht vorwerfen können, es nicht versucht zu haben. Bob Dudley, Chef des Ölgiganten BP, gab vor wenigen Wochen zu "das Handtuch im Solargeschäft geworfen" zu haben. 35 Jahre lang habe man alles daran gesetzt, mit der Kraft der Sonne Geld zu verdienen - vergeblich. Am Mittwoch stellte der gebürtige Amerikaner schließlich das Geschäft mit Windkraftanlagen in seiner Heimat zum Verkauf. Vom vollmundigen Slogan "Beyond Petroleum", den der Ex-Vorstandsvorsitzende John Browne zur Richtschnur des Konzerns erhob, bliebe nach dem Verkauf lediglich das Bioethanolgeschäft in Brasilien übrig.

Die Botschaft ist klar: Die Stromproduktion aus regenerativen Energien lohnt sich nicht. Schon gar nicht für einen Ölkonzern, schon gar nicht in den USA. Es ist ein Schwenk um 180 Grad. Mit Windrädern in neun Staaten und einer Gesamtkapazität von 2600 Megawatt gehört BP zu den größten Betreibern von Windkraftanlagen in den USA. Noch bis Ende vergangenen Jahres standen die Zeichen auf Expansion. Ein neuer Windpark wurde eingeweiht, die Briten waren unter den Top-10 der größten Investoren.

Mit dem geplanten Verkauf verabschiedet sich auch der letzte Ölkonzern aus dem Geschäft mit der Windenergie. Royal Dutch Shell  hatte die zaghaften Versuche bereits 2009 ad acta gelegt. Stattdessen besinnt sich die Branche auf ihre Wurzeln: das schmutzige - aber offenbar viel profitablere - Geschäft mit Öl und Gas. Als das neue Mekka gilt die USA. In den vergangenen sechs Jahren haben die 50 größten Öl- und Gasfirmen nach Berechnungen der "New York Times" 126 Milliarden Dollar pro Jahr in den Kauf von Land, Bohrungen und andere Förderaktivitäten investiert.

Brent-Preis vervierfacht

Den Boom ermöglichen die hohen Preise für Rohöl auf dem Weltmarkt. 2012 gilt als eines der teuersten Öljahre überhaupt. Mit durchschnittlich 111 Dollar je 159-Liter-Fass war die Nordseesorte Brent so teuer wie noch nie, seit der Jahrtausendwende hat sich der Preis vervierfacht. Im Februar knackte der Brent-Preis beinahe die Marke von 120 Dollar. An der New Yorker Rohstoffbörse Nymex legte die Notierung für WTI (West Texas Intermediate) seit dem Jahr 2000 um mehr als 300 Prozent auf derzeit knapp 95 Dollar zu.

Millionen Fässer von Öl, deren Förderung zuvor als unwirtschaftlich galt, werden nun dem Boden entrissen. Befeuert wird die Bonanza vor allem durch das relativ junge Fracking-Verfahren. Ein Gemisch aus Wasser und Chemikalien sprengt das Öl unter hohem Druck aus Schiefergestein. Die Methode gilt unter Umweltschützern als rotes Tuch - die größte Wirtschaftsmacht der Welt hofft dagegen auf einen neuen und lang anhaltenden Aufschwung.

Das Comeback der fossilen Energien soll eine neue Ära einläuten. Im Jahr 2005 kauften die Amerikaner 60 Prozent ihres Öls auf dem Weltmarkt ein, heute sind es nur noch 40 Prozent. Bis 2017 könnten die USA Saudi-Arabien als weltgrößten Ölproduzenten ablösen und bis 2030 zum Nettoexporteur von Öl aufsteigen, prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA) mit Sitz in Paris. In den vergangenen zwei Jahren ist die Rohölproduktion um 1,3 Millionen Fass pro Tag gestiegen, bis Ende 2014 sollen noch einmal 1,4 Millionen Fass täglich hinzukommen.

Öl-Blase statt Öl-Boom

Dass sich die Hoffnungen tatsächlich erfüllen, ist umstritten. "Aus dem Öl-Boom droht eine Öl-Blase zu werden", warnte IEA-Chefin Maria van der Hoeven im Februar eindringlich. Politische Restriktionen in den USA, die genauso alt sind wie die IEA selbst, könnten die Revolution im Keim ersticken. In der ersten Ölkrise in den 1970er Jahren wurde in den USA Rohölexporte verboten, um die Energiesicherheit des Landes zu gewährleisten. Damit reagiert Washington auf das Ölembargo der arabischen Staaten.

Während die USA ein wichtiger Exporteur von raffinierten Produkten wie Diesel geworden ist, verlassen nur wenige Fässer Rohöl das Land Richtung Kanada. Die Lagerbestände erreichen bereits neue Höchststände, am Mittwoch kletterten die US-Ölreserven auf ein 22-Jahres-Hoch. Die Regierung müsse diesen Missstand schnellstmöglich beheben, forderte van der Hoeven.

Doch die rechtliche Beschränkung ist bei Weitem nicht das einzige Hindernis. Der Transport der riesigen Fördermengen gilt als Flaschenhals. Von den Bohrtürmen im Landesinneren muss die zähe Flüssigkeit oft einen langen Weg bis zu den Raffinerien zurücklegen, die sich meist an der Küste befinden. Auch die Lagerkapazitäten sind seit Jahren zu klein.

US-Raffinerien überlastet

Cushing, ein verschlafenes Städtchen in Oklahoma, nennt sich selbst zwar stolz das "Pipelinedrehkreuz der Welt", ist jedoch völlig überlastet. Aus diesem Grund wird das US-Öl WTI bereits seit dem Beginn des Öl-Booms mit deutlichen Abschlägen zum Brent gehandelt. Die Entwicklung hat sich jedoch soweit verschärft, dass einige US-Sorten nur noch für 50 bis 60 Dollar pro Fass verkauft werden können.

Auch die Raffinerien sind auf die Schwemme von hochwertigem, leichten Öl mit geringem Schwefelgehalt - das beim Fracking aus den Vorkommen in Eagle Ford oder Bakken gewonnen wird - nicht eingestellt. Nach Angaben der IEA sind sie eher darauf spezialisiert, aus dem importierten schwefelreichen Schweröl Benzin und Diesel zu gewinnen. Noch dazu reichen die vorhandenen Kapazitäten bei Weitem nicht aus. "Die größten Herausforderungen der Energieindustrie liegen nicht unter der Erde, sondern darüber", mahnte IEA-Chefin van der Hoeven.

Einige Marktbeobachter halten das nur für die halbe Wahrheit. Wie lange das Ölzeitalter durch die neuen Vorkommen aus Schiefergestein verlängert wird, ist unklar. Als sicher gilt: Der größte Teil der klassischen Ölfelder ist ausgebeutet, der Höhepunkt wurde laut IEA bereits 2006 überschritten. Wie groß die unkonventionellen Vorkommen in den USA, aber auch in anderen Teilen der Welt wie beispielsweise Russland tatsächlich sind, ist heftig umstritten.

Im krassen Gegensatz zu den Prognosen der IEA oder der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) steht eine Studie der "Energy Watch Group", einem internationalen Netzwerk aus Wissenschaftlern und Politikern. Laut ihrem Bericht "Fossil and Nuclear Fuels - the Supply Outlook" hat die Ölproduktion bereits heute ihr Maximum überschritten. Bis zum Jahr 2030 werde die Förderung um 40 Prozent im Vergleich zu 2012 fallen. Demnach hat das Fracking lediglich die sinkende Produktion konstant gehalten. Seit 2005 verharre die weltweite Förderung auf einem Level, schreiben die Experten.

Kostenexplosion bei Tiefseebohrungen

Auch andere unkonventionelle Fördermethoden haben bislang nicht die hochgesteckten Erwartungen erfüllt:

  • Die Ausbeutung von Tiefseevorkommen vor der brasilianischen Küste wird für Petrobras teurer als gedacht. Für frisches Geld will der Konzern Raffinerien im Ausland verkaufen. Die Förderung fiel im vergangenen Jahr um 2 Prozent.
  • Ebenfalls Probleme bei Tiefseeförderungen hat Shell. Die Bohrungen in Alaska setzte der Konzern für dieses Jahr aus. Grund dafür sind vor allem Sicherheitsprobleme, aber auch Proteste von Umweltschützern.
  • Die Förderung von Ölsand in Kanada rechnet sich offenbar nicht mehr. Der französische Ölkonzern Total muss wegen des Ausstiegs aus einem einst vielversprechenden Förderprojekt in der Provinz Alberta einen Milliardenverlust verbuchen.

Angesichts der Kostenexplosionen müssen sich immer mehr Unternehmen bei unkonventionellen Förderprojekten fragen, ob der Markt das Öl derzeit wirklich braucht. "In vielen Fällen ist die Antwort: nein", sagt Commerzbank-Analyst Weinberg. Die Probleme hält er jedoch für projektbezogen, einen Trend will der Experte daraus nicht ableiten.

Die Stimmung an den Handelsplätzen ist indes angespannt. Nach der Meldung über die hohen Lagerbestände sackten die Ölpreise binnen weniger Minuten um knapp zwei Dollar für die Sorte Brent  und 1,5 Dollar für WTI-Öl ab. Zu Denken gibt den Händlern auch die derzeit schwache Nachfrage. "Man kann von einem Überangebot sprechen", sagt Eugen Weinberg, Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank. Die Nachfrage falle geringer und die Produktion höher als erwartet aus.

"Peak Oil" bei der Nachfrage

Wie wird sich die Nachfrage entwickeln? Eine unkonventionelle Sichtweise präsentierte die Citigroup unlängst in einer Studie. Die jahrzehntelange Diskussion um einen "Peak Oil" - also wann die weltweite Ölförderung ihren Höhepunkt erreicht - sieht Öl-Analyst Seth Kleinmann aus einem gänzlich anderen Blickwinkel: einem möglichen Höhepunkt in der Nachfrage. "Spritsparende Autos und Lkw könnten zusammen mit einem Wechsel zu billigem Gas dazu führen, dass der Ölverbrauch bis zum Ende dieses Jahrzehnts ein Plateau erreicht", sagt Kleinmann.

Seine These ist gewagt, denn sie hängt an vielen Variablen. Aber auch die IEA hat ihre Verbrauchsprognose zuletzt leicht gesenkt. Sollten die Ölpreise tatsächlich nachgeben oder die Probleme in den USA nicht gelöst werden, könnte den Ölkonzernen ein Szenario drohen, über das sich Gasförderer lautstark beklagten. "Wir verlieren unser letztes Hemd. Alles ist rot", ließ sich Rex Tillerson, Chef des Branchenprimus Exxon Mobil  im Sommer angesichts rekordniedriger Gaspreise zitieren.

Commerzbank-Experte Weinberg rechnet jedoch nicht mit einem Einbruch der Preise auf den Weltmärkten. Schließlich ist die Macht der Opec trotz aller US-Ambitionen ungebrochen. Die Ölpreise könnten mittelfristig sogar einen Tick steigen, da die Opec-Mitgliedsländer höhere Staatsausgaben finanzieren müssen. Zudem sind geopolitische Risiken längst nicht vom Tisch", sagt Weinberg.

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