Freitag, 18. Oktober 2019

Steuermodell Steuersatz von 22 Prozent - für Unternehmer und Beschäftigte

Steuerexperte Vorwold: "Kernpunkt ist eine deutliche Reduzierung der Einkommensteuersätze"

Peer Steinbrücks Steuermodell belastet den Mittelstand, warnt Steuerexperte Gerhard Vorwold. Spitzenverdiener würden sich dagegen, wie in Frankreich, den Steuererhöhungen entziehen. Vorwold fordert eine Flat Tax für die Mittelschicht und mittelständische Unternehmen.

mm: Herr Vorwold, in Ihrem Buch "Umsteuern", das im SPD-nahen Dietz Verlag erscheint, fordern Sie pünktlich zum Beginn der heißen Wahlkampfphase eine radikale Steuerreform. Wie Kanzlerkandidat Peer Steinbrück wollen Sie die Vermögensteuer wieder einführen und die Erbschaftsteuer gleichheitsgerechter gestalten. Bei Unternehmern machen Sie sich mit einem solchen Vorschlag nicht beliebt - vor allem inhabergeführte Mittelständler und Familienunternehmen fürchten durch die Zusatzbelastung um ihre Existenz.

Vorwold: Was die SPD gerade fordert, ist in der Tat zu kurz gedacht - und hat mit meinem Modell nicht viel zu tun. Kernpunkt meines Modells ist eine deutliche Reduzierung der Einkommensteuersätze - statt einer Erhöhung, wie die SPD sie nun fordert. Mit noch weiteren Erhöhungen der Spitzensteuersätze deutlich höhere Einnahmen erzielen zu wollen, ist meines Erachtens naiv.

mm: Warum naiv?

Vorwold: Die Sozialdemokraten müssen nur nach Frankreich schauen, um zu sehen, was bei solchen Steuererhöhungen passiert. Die Superreichen, etwa wie Gérard Depardieu, und die Großkonzerne entziehen sich den Zusatzbelastungen noch engagierter als sie es schon vorher taten. François Hollande hat mit seiner Reichensteuer alle verunsichert. Das ist Populismus. Ein sozialeres, gerechteres Steuersystem bekommt man auf diesem Wege nicht.

mm: Sie wollen mit Ihrem Modell doch ebenfalls die Reichen zur Kasse bitten. Ausnahmeregeln für Unternehmer bei Vermögen- und Erbschaftsteuer würde es bei Ihnen genauso wenig geben.

Vorwold: Der große Unterschied ist, dass Vermögen- und Erbschaftsteuer in meinem Modell nur eine Ergänzung in einem maximal vereinfachten Steuersystem sind, in dem es nur noch zwei Arten von Einkünften gibt: Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit und solche aus unternehmerischer Tätigkeit. Beide unterliegen dem gleichen Steuersatz von nur noch 22 Prozent; und beide, Unternehmer wie Arbeitnehmer, können ihre Steuererklärung im Postkartenformat an das Finanzamt schicken. Und das war's.

mm: Wie sieht es mit Kapitaleinkünften aus?

Vorwold: Auf Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden wird keine Steuer mehr erhoben. Bis zu einem bestimmten Einkommen würden gar keine Einkommenssteuern gezahlt, Mittelschicht und mittelständische Unternehmen würden deutlich entlastet. Lediglich die vermögendsten 10 Prozent - die übrigens derzeit 50 Prozent des gesamten Vermögens besitzen - würden ihr Vermögen versteuern.

mm: Wie kommen Sie darauf, dass diese Vermögenden dann nicht wie in Frankreich das Weite suchen würden?

Vorwold: Die Belastungen für die reichsten 10 Prozent sind die Antwort auf empirische Untersuchungen, die ich ausführlich in meinem Buch erläutere, wonach zu hohe Vermögensansammlungen in privater Hand die Demokratie und den gesellschaftliche Konsens gefährden. Initiativen von Millionären und Milliardären wie George Soros, Bill Gates Senior, und mehreren Mitgliedern der Rockefeller-Familie, die in den USA eine öffentliche Petition für eine Erhöhung der Erbschaftsteuer einbrachten, zeigt, dass es dafür bei den Vermögenden eine Akzeptanz gibt.

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