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Crowd-Portale im Vergleich: Wo Stolpersteine für Start-ups lauern

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Risiken bei Crowdinvestments Die dunkle Seite der Macht der Masse

Deutsche Schwarmfinanzplattformen wie Seedmatch, Innovestment und Companisto haben bereits dutzende junge Unternehmen finanziert. Die Risiken solcher Beteiligungen sind jedoch groß - und haben Gründern wie Investoren schon manch schlaflose Nacht gebracht.
Von Kristian Klooß

Hamburg - Sie sind viele. Und sie sind mächtig. Kleininvestoren haben in den vergangenen Monaten als Schwarmfinanzierer so manches Projekt auf die Beine gestellt. Seien es Filme, Computerspiele oder allerlei technische Spielzeuge.

So sammelte im Herbst auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eine Gruppe Studenten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston fast drei Millionen US-Dollar für den Bau eines kostengünstigen 3D-Druckers ein. Gut zehn Millionen Dollar hatte zuvor das Fünf-Mann-Start-up Pebble Technology für eine Smartwatch zusammenbekommen, auf der sich Apps installieren, Mails und Kalendereinträge lesen, Musikstücke auf Android- und Apple-Geräten steuern lassen.

Doch damit nicht genug. Derzeit können sich Investoren auf der britischen Kickstarter-Website an der Finanzierung eines aus dem "Krieg der Sterne"-Epos bekannten "Todessterns" beteiligen. Hintergrund: Die US-Regierung hatte es zuvor abgelehnt, einer Petition von 34.435 US-Bürgern zu folgen. Diese hatten sich für den entsprechenden Bau ab 2016 eingesetzt - um Jobs zu schaffen und die nationale Verteidigung zu stärken. Von den auf 850 Billiarden Dollar geschätzten Kosten sollen auf Kickstarter nun in einem ersten Schritt 20 Millionen Pfund zusammenkommen.

Bislang sind es allerdings erst 327.289 Pfund. Dass es bis 1. April nicht reichen dürfte, um die Anzahlung für den Todesstern einzusammeln, gilt als sicher.

22.000 Dollar für bunte Ladekabel

Dennoch dürften die Investoren darüber nicht ganz so frustriert sein wie es bei anderen Kickstarter-Projekten bereits der Fall war. Wobei auch deutsche Start-up-Unternehmer die dunkle Seite der Macht der Masse schon zu spüren bekamen.

"Wir sind zwar im Endeffekt bei plus minus Null rausgekommen", sagt Hannes Reichelt. Doch wenn er an jenen "Shitstorm" zurückblickt, der ihm zuvor auf dem Weg der eigenen Kickstarter-Finanzierung entgegengeweht war, schüttelt es ihn noch heute. Reichelt und sein auf Hawaii lebender Geschäftspartner Laurens Laudowicz hatten Kickstarter genutzt, um Geld für ihr Start-up "Juicies" einzusammeln.

Ihre Idee: Die sonst nur in weiß oder schwarz erhältlichen Ladekabel für iPhones wollten sie in allen Regenbogenfarben anbieten. Der Crowd gefiel das. Und so sammelten die zwei Gründer 22.000 Dollar von 1600 Unterstützern ein. Diese wiederum sollten als Gegenleistung jeweils eines der Kabel erhalten. So die Theorie. Die Praxis verlief anders.

Vom Kickstart zum Shitstorm

Lizensierungskosten der Kabel bei den Herstellern waren höher als geplant, ebenso die Mindestbestellmengen. Gleichzeitig kam es zu Lieferengpässen. Als Apple dann beim neuen iPhone 5 auch noch die Ladekabel vom breiten "Dock Connector" auf den schmalen "Lightning Connector" umstellte, war das Chaos perfekt.

Die Verzögerungen sorgten dafür, dass den Juicies-Gründern zwischenzeitlich das Geld für ihr Projekt ausging. So nahmen sie, anders als geplant, am Ende doch einen Bankkredit auf. "Da hatten unsere mehr als 1600 Kickstarter-Unterstützer aber schon zum Shitstorm ausgeholt", sagt Reichelt. Wobei sich in Online-Foren vor allem jene Unterstützer als Beschwerdeführer vortaten, die nicht mehr als einen Dollar zum Funding beigetragen hatten. "Wir haben uns dann am Ende entschieden, jedem, der mindestens einen Dollar gespendet hatte, ein Kabel zu schicken", sagt Reichelt - was die Kostenrechnung nochmals durcheinanderwirbelte.

Nach zahlreichen schlaflosen Nächten war es aber endlich so weit. "Die Kabel liegen jetzt hier", sagt Reichelt. Die zwei Gründer suchen jetzt nach Distributoren, um mit ihren Produkten durchzustarten. Auch weitere Crowdfunding schließt Reichelt nicht aus - wobei er inzwischen auch einen Blick auf die deutschen Portale geworfen hat.

Bruchlandung bei der ersten Auktion

Verschiedene von ihnen surfen seit Monaten auf der Kickstarter-Welle. Darunter jene, die sich wie das US-Vorbild der Finanzierung einzelner Projekte oder Produkte widmen, wie etwa Startnext oder VisionBakery. Darunter aber auch jene, die sich explizit der Startup- und Unternehmensfinanzierung verpflichten - und den Investoren langfristige Beteiligungen oder Genussrechte einräumen.

Gerade bei letzteren Plattformen sind die Gefahren, dass ein Shitstorm aufzieht, vergleichsweise gering. Allein schon deshalb, weil die Mindestbeteiligungen der Investoren jenseits der bei Kickstarter üblichen Kleinstbeträge liegen, was die Zahl der Investoren begrenzt.

Beispiel Innovestment: Bei der Kölner Crowdinvestment-Plattform liegt die Mindestbeteiligungssumme an einem Startup bei 1000 Euro. Die Unternehmensanteile - in der Regel 0,125 oder 0,25 Prozent - werden zudem versteigert, was den Anteilspreis zusätzlich in die Höhe treiben kann. Und dennoch sind die Risiken solcher Portale, auch angesichts der höheren Geldeinsätze, nicht geringer als im Falle von Kickstarter. So legte etwa Innovestment ausgerechnet bei der ersten seiner Beteiligungsauktionen Ende 2011 eine Bruchlandung hin.

144 Klagerisiken waren zuviel

Zwar hatte das Startup Audiogent - ein Produzent interaktiver Hörbücher - schon nach 13 Tagen mehr als 50.000 Euro eingeworben. Zustande kam die Finanzierung dennoch nie. Der Grund: Kurz vor dem Abschluss der Auktion gab das Startup seinen Crowd-Investoren bekannt, dass zwei Geschäftsführer das Unternehmen kurzfristig verlassen würden.

Beim Schwarmfinanzierer Innovestment, so Insider, schrillten indes die Alarmglocken. Anwälte wurden zu Rate gezogen und ein Abbruch der Auktion erwogen. Zumal Audiogent-Haupteigner Cornelius Huber die wahren Gründe für den Abgang seiner zwei Co-Geschäftsführer verschwiegen hatte. Seine ehemaligen Kollegen hatten das Unternehmen verlassen, als sie bei einem Investorengespräch in kleiner Runde erfahren hatten, dass nicht Audiogent sondern Huber die Rechte an der Software des Unternehmens hielt.

Die Innovestment-Betreiber, auf eine solche Situation nicht vorbereitet, hatten indes Glück im Unglück. Denn der Vorfall ereignete sich noch vor Ende der Auktion. In einer als "dringend" betitelten Mail wiesen die Plattformbetreiber daher die Bieter "auf Ihr reguläres Widerrufsrecht" hin, "das Sie detailliert in der Bestätigungs-E-Mail Ihres Gebotes nachlesen können." Der Rest war dann Formsache. Es nahmen so viele Investoren ihr Gebot zurück, dass die Auktion scheiterte.

Eine Lösung für solche Probleme gibt es kaum. Um Risiken zu vermeiden, teilt ein Innovestment-Sprecher mit, sei es das Ziel der Plattform, "Investoren eine bewusste Entscheidung unter Einbeziehung der relevanten Informationen" zu ermöglichen. Auch andere Portale verweisen im Prinzip auf das Risiko der Investoren oder vage Mediationsklauseln, die eine Aussprache zwischen Investoren und Startup vorsehen.

Letzte Chance: Pooling

Stolpersteine wie jene, die gleich das erste Innovestment-Funding zu Fall brachten, gibt es beim Crowdinvesting indes zahlreiche. Erfahren musste dies unter anderen das Startup Smarchive. Das Unternehmen hat inzwischen mehr als zwanzig Mitarbeiter und arbeitet daran, Verträge, Rechnungen und andere Dokumente von Privatpersonen nach deren Digitalisierung semantisch durchsuchbar zu machen, sie so automatisch zu sortieren und beispielsweise auf Kündigungsfristen und ähnliches hinzuweisen.

Im Dezember 2011 sammelten die Smarchive-Gründer über Deutschlands größtes Crowdinvesting-Portal, die in Dresden ansässige Plattform Seedmatch, zunächst 100.000 Euro ein. Vier Wochen später begannen die Gründer dann, bei mehreren potenziellen Venture-Capital-Gebern vorzusprechen. Drei Monate später unterschrieben sie schließlich bei der Telekomtochter T-Ventures. Dann begannen allerdings die Probleme.

"Die Zahl 144 hat sich bei mir eingebrannt", sagt Steffen Reitz, Mitgründer und CEO von Smarchive. Denn der Deal mit der Telekom stand über Monate unter dem Vorbehalt, dass jeder der 144 Smarchive-Investoren, die über Seedmatch stille Beteiligungen an dem Startup erworben hatten, entweder einem Rückkauf mit Premienaufschlag oder einer Wandlung der stillen Beteiligung in eine Pooling-Gesellschaft zustimmten. Zu schwammig schienen T-Venture die Rechtsansprüche und Klagerisiken der Schwarminvestoren.

"Hätten da fünf oder zehn gesagt, das machen wir nicht, wäre es das gewesen", sagt Reitz. Für die Gründer sei es eine harte Zeit gewesen. Der Wandel so vieler Verträge, der offene Ausgang, das Wissen, dass ein Scheitern auch das Ende des Startups bedeuten würde. Dass es am Ende gut ging, verdanken Reitz und sein Team auch der juristischen Unterstützung der Telekom. "Crowdfunding ist trotzdem, gerade in der Frühphase, eine Riesenchance", sagt er. "Allerdings müssen Startups die Verträge eben behutsam durchlesen."

Problemfall im Exitfall

"Nicht nur Investoren sollten genau lesen, bei wem sie unterschreiben und was sie dafür bekommen", sagt auch Peter Huber von der Wirtschaftskanzlei Hogan Lovells, der unter anderen auch die Smarchive-Gründer beim Telekom-Deal beraten hatte. Denn Crowdfunding sei nicht gleich Crowdfunding. "Echte Exit-Modelle bietet nur ein Teil der Plattformen an." So gebe es Anbieter, die im Exitfall einen Anteil des Kaufpreises gewährten, während andere sich zum Beispiel auf ein partiarisches Darlehen mit festem Zinssatz beschränkten. Auch die Vertragskonditionen wichen mitunter stark voneinander ab, seien aber von den Unternehmen in einem gewissen Maße verhandelbar.

Die großen Portale gehen indes ihre eigenen Wege. Auf ein Pooling der Investoren in Zwischengesellschaften werde Seedmatch auch weiterhin verzichten, sagt beispielsweise Geschäftsführer Jens-Uwe Sauer. Denn Pooling heiße für alle Beteiligten vor allem Kosten für die Verwaltung und eine größere Distanz zwischen Investor und Startup. "Wir glauben an direktes Crowdfunding ohne Intermediäre", sagt Sauer. Der Erfolg von Seedmatch sei ja gerade, dass Investoren mit nur 1000 Euro Einsatz zu Mini-Angels werden könnten. "Ein Nachteil für die Startups soll daraus aber nicht erwachsen."

Ein Grund mehr, weshalb sich Seedmatch rechtlich mittlerweile neu positioniert hat. Aus den stillen Beteiligungen von einst sind inzwischen sogenannten partiarische Darlehen geworden, also gewinnabhängige Beteiligungsdarlehen mit gestutzten Mitspracherechte für Anleger. Eine Entscheidung, die Sauer und sein Führungsteam nach wochenlangen Verhandlungsrunden mit vier Startups, ihren Anwälten und Venture Capital-Gebern getroffen haben. "Wir können jetzt mit Fug und Recht sagen, dass wir extrem VC-passgenaue Verträge haben, die auch noch auf zehn Seiten passen", sagt der Seedmatch-Mitgründer.

Feilschen um Einfluss, Verwässerung und Geschäftsgeheimnisse

"Für die Anschlussfinanzierung ist es wichtig, dass es ein Pooling gibt", sagt hingegen Tamo Zwinge, geschäftsführender Gesellschafter und Gründer des Berliner Wettbewerbers Companisto. Das Portal ringt derzeit mit Innovestment um Rang zwei im deutschen Crowdinvesting-Markt. "Wir haben uns von Beginn an darauf spezialisiert, die Anschlussfinanzierung sicher zu stellen", sagt Zwinge, einst selbst Gründer und einst in Diensten der Großkanzlei CMS Hasche Sigle.

"Wenn Verträge bei uns doch einmal geändert werden müssen, machen wir es so, dass wir die Investoren poolen und dann als zentraler Ansprechpartner für sie dienen können", sagt er. Letztlich werde über Änderungen gemeinsam entschieden. Komme eine Mehrheit von 75 Prozent des Kapitals zustande, würden die Verträge für alle verbindlich angepasst.

Neben einer begrenzten Einflussnahme durch Altinvestoren hält der Companisto-Geschäftsführer noch einige andere rechtliche Stolpersteine für bedeutsam. So dürfe es bei weiteren Kapitalrunden keinen Verwässerungsschutz geben. Auch Geschäftsgeheimnisse dürften nicht auf Investoren übergehen, weshalb Companisto das Reporting begrenze. Schließlich sollten die Verträge nach Ansicht von Zwinge über Kündigungsfristen verfügen, die den Interessen von VC-Gebern entsprächen. "Ein VC möchte nicht, dass die Verträge der Crowdinvestoren enden, bevor er wieder aussteigt damit das gesamte investierte Kapital dem Unternehmenswachstum zugute kommt", sagt Zwinge. Die Kündigungsfrist der Mikroinvestoren beträgt daher bei Companisto acht Jahre. Bei Seedmatch sind es fünf bis sieben, bei Innovestment drei.

Balance suchen auch die Kleinen

Auch die anderen deutschen Wettbewerber, die bereits Fundings vorweisen können, befinden sich noch in der Findungsphase. So sieht der Kölner Crowdinvesting-Marktplatz United Equity für seine stillen Beteiligungen zwar eine Kündigungsfrist von fünf Jahren vor. Was im Falle eines Exits mit dieser Beteiligung geschieht, stand bislang aber noch nicht auf der Agenda der Plattformbetreiber. Man arbeite derzeit an einer Lösung, sagt Geschäftsführer Raphael Otten. "Wir streben an, dass im Falle eines Exits die stille Gesellschaft endet und den stillen Gesellschaftern dann ein Auseinandersetzungsguthaben, also eine Abfindung, zusteht."

Dass sich Otten und seine Mitgesellschafter noch immer auf der Suche nach dem optimalen Vertragswerk befinden, ist insofern erklärbar, da sich das Crowdinvesting-Portal bislang eher an mittelständische Unternehmen richtet und sich - statt auf stille Beteiligungen - auf Genussrechte fokussiert hat. Diese funktionieren ähnlich wie Anleihen. Wobei bei den ersten Fundings - darunter ein Kaminbauer und ein Kanalbauunternehmen - eine Grundverzinsung von 5,5 und 6,5 Prozent zugrunde gelegt wurde. Für Mittelständler ein gutes Geschäft. So gut, dass United Equity sich entschieden hat, die Verzinsung bei künftigen Crowdinvestments auf mindestens 8 Prozent festzulegen.

Auf ähnliche Konditionen kommt auch die Münchener Crowdinvesting-Plattform Mashup Finance, die Beteiligungen über Genussrechte ermöglicht. Für Crowdinvestments von bis zu 50.000 Euro erhalten die Mikroinvestoren dabei zum einen 7 Prozent Verzinsung auf ihr Genussrechtkapital. Darüber hinaus müssen die Unternehmen 12,5 Prozent ihres jährlichen Gewinns an die Schwarminvestoren abführen.

Mehr Zinsen für Investoren

Zu den Unternehmen, die sich bislang über das Portal finanziert haben, zählen die Brennerei Munich Distillers, die Brauerei Giesinger Bräu und der Bio-Obst-Erzeuger Veggie Fruits. Auch Mashup ist allerdings noch dabei, die richtige Balance zu finden. "Wir hatten bislang die Brille der Unternehmen auf", sagt Levin Brunner, Mitgründer der Crowdinvesting-Plattform. Bislang waren die Genussrechte so konstruiert, dass sie handelsrechtlich Eigenkapital, steuerrechtlich aber Fremdkapital waren. "Für Unternehmer war das ein großer Vorteil, weil sie die Rückzahlung an den Investor steuermindernd wirksam machen konnte."

Aus Investorensicht bedeutete dies allerdings, dass nach der Laufzeit von 15 Jahren auch im Falle einer Unternehmenswertsteigerung die Ausschüttungen nicht proportional zur Funding-Summe steigen. Stattdessen erhalten Investoren stets Ausschüttungen entsprechend des Nennwerts ihrer Investition zurück.

Die Konsequenz: Die Mashup-Macher wollen ihre Plattform künftig für potenzielle Geldgeber aufhübschen. "Für Investoren ist es natürlich interessanter, wenn eine Beteiligung dabei ist", sagt Brunner. Darüber hinaus möchte er die Komplexität für Schwarmgeldgeber reduzieren. "Im Moment muss unser Investor den Genussschein noch in der Steuererklärung angeben, nach der Umstellung nicht mehr."

Eine Exit-Option werde aber auch künftig nicht im Mittelpunkt stehen. "Das ist bei uns nicht das Entscheidende", sagt Brunner. Von der Stimmung her gehe es eher in Richtung Genossenschaft. Mit Shitstürmen und Klagefluten rechnet er nicht. Schließlich würden sich die Investoren oft persönlich kennen. "Einen Hühnerstall zu finanzieren, das ist eben lange nicht so als wenn man ein Unternehmen finanziert, das sagt, ich habe da mal eine App."

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