USA "Niemand klaut so viel Geld von Bankkunden wie Bernanke"

Während Europa auf kalte Sparpolitik setzt und erstmals Bankkunden in die Pflicht nimmt, setzen die USA auf eine weiche Form der Enteignung. Aber in massivem Umfang, wie sich zeigt.
Von Markus Gärtner
Weiche Enteignung: Die Niedrigzinspolitik von Fed-Chef Ben Bernanke stößt auf immer lautere Kritik

Weiche Enteignung: Die Niedrigzinspolitik von Fed-Chef Ben Bernanke stößt auf immer lautere Kritik

Foto: JASON REED/ REUTERS

New York - Es scheint alles ruhig. Keine Hektik, kaum Debatten in der Öffentlichkeit. Die Amerikaner ignorieren überwiegend die Zypern-Krise. Nur jeder dritte der 315 Millionen Amerikaner - meist die Besservdienenden - verfolgt die Nachrichten vom östlichen Mittelmeer. Bei fast jedem Zweiten von ihnen steigt nun zwar wieder das Misstrauen gegenüber Banken, wie eine Umfrage der Meinungsforscher Gallup ermittelt hat. Doch die Zuversicht von Amerikas Konsumenten nähert sich dagegen wieder dem Fünf-Jahreshoch. Ganz klar: Panik sieht anders aus.

Doch in der US-Finanzbranche brodelt es. Über der US-Notenbank ziehen Wolken auf. Die Kritik an der laufenden Geldpolitik nimmt zu. Die Turbulenzen um Zypern lenken noch mehr Aufmerksamkeit auf Fed-Chairman Ben Bernanke.

Der oberste Währungshüter der USA bezeichnete am Donnerstag die Möglichkeit einer Besteuerung von Bankeinlagen wie in Zypern als "sehr unwahrscheinlich." Die Tatsache, dass er eine solche Teil-Enteignung in seiner viel beachteten Pressekonferenz nicht völlig ausschließen wollte, hat einige Beobachter nachdenklich gemacht.

Der Investmentbanker Jim Rickards sagte im US-Fernsehen empört, Bernanke habe seine Hände bereits tief in den Taschen amerikanischer Bankkunden. "Keiner klaut so viel Geld von Bankkunden wie Ben Bernanke", sagte Rickards zum Daily Ticker. Seine Begründung: "In der jetzigen Phase der konjunkturellen Erholung müssten die Zinsen etwa bei 2-3 Prozent liegen. Doch wenn man die Niedrigzinsen der Fed auf die Bankeinlagen der USA umlegt, transferieren die Währungshüter jedes Jahr rund 400 Milliarden Dollar von den Konten der Sparer zu den Banken". Die Folge: Die Banken könnten wieder "größere Boni zahlen und gewagtere Finanzwetten eingehen."

Außer den niedrigen Zinsen schüre die Fed aber auch noch die Inflation und produziere Blasen in verschiedenen Anlage-Segmenten. Im Klartext: Während dem Süden der Euro-Zone von der Troika ein eiserner Sparkurs aufgezwungen wird, schlagen die USA einen leiseren, aber ebenso wirkungsvollen Kurs gegen die grassierenden Schulden ein: Es ist eine weiche Enteignung durch Niedrigzinsen und Notenpresse.

Hier Zwangsabgabe, dort weiche Enteignung durch die Notenpresse

In amerikanischen Finanz-Blogs wird das mit drastischen Worten kritisiert. Auf der Webseite MarketWatch wird zwar eingeräumt, ein Kollaps des Bankensystems würde mehr Geld vernichten als eine "ärgerliche Abgabe." Die Konfiszierung von Einlagen wie jetzt auf Zypern wird aber mit eindeutigen Worten trotzdem abgelehnt: "Diese Maßnahme ist so kommunistisch, dass selbst die Russen darüber klagen. Aber wenn die Finanzexperten in Europa das einer kleinen Insel-Nation zumuten, warum es nicht gleich in unserem Land mit seinen bald 20 Billionen Dollar Schulden versuchen?"

Auf der Finanzseite Real Clear Markets vergleicht man die Forderungen der Troika gegenüber Zypern mit dem alten Witz über jemanden, der einen Spatzen von Baum schießt und dann fragt, wie viele Tiere von dem Vogelschwarm danach noch auf dem Ast sitzen. Natürlich seien alle Spatzen nach dem ersten Schuss verschwunden. Und so werde sich das auch mit den Bankkunden abspielen.

Anders gesagt: Wenn der zyprische Spatz abgeschossen ist, werden auch die Sparer in Griechenland, Spanien und Portugal ihre Einlagen abziehen. Einen ganz drastischen Vergleich bringt der WonkBlog der Washington Post. Er rechnet den Anteil dessen, was Zypern selbst zu einem Deal beisteuern muss - 5,8 Milliarden Euro - auf US-Verhältnisse um. Das Ergebnis: Die USA müssten in diesem Fall satte fünf Billionen Dollar aufbringen. Das wären die gesamten Ausgaben des Bundes sowie der einzelnen Bundesstaaten und aller US-Kommunen in einem ganzen Jahr. Natürlich würde das die größte Volkswirtschaft der Welt auf einen Schlag lähmen.

In dieser Kategorie denkt auch der Investment-Stratege Jeffrey Snider beim Vermögensberater Alhambra Investment Partners in West Palm Beach, Florida. Snider vergleicht die Zinspolitik der Fed mit einem Betäubungsmittel, das die Konjunktur ihrer Vitalität beraubt.

Ein gutes Jahr für die Banken, ein schlechtes Jahr für die Sparer

Bei so viel Kritik hält die Geldzunft kräftig dagegen. Die American Banking Association beeilte sich am Wochenende zu erklären, dass Zypern keinerlei Rückschlüsse auf die Behandlung von Bankkunden in den USA zulasse. Doch was bleibt, ist die herbe Kritik an der Zinspolitik von Ben Bernanke, dessen niedrige Zinsen den amerikanischen Sparern schade, aber den US-Banken 2012 das zweitbeste Jahr aller Zeiten beschert habe.

Laut Rickards verbucht Jamie Dimon, der CEO von JP Morgan, nur deshalb Gewinne, weil die aggressive Politik der Fed und die unausgesprochene Bailout-Garantie der Regierung Obama die Refinanzierung enorm verbilligt. Jamie Dimon als CEO der Bank sei wie ein Schweißer, den man mit der Führung eines Krankenhauses beauftrage. "Sie wollen doch nicht mit einem Schweißbrenner operiert werden", so Rickards.

Bernanke verweist zu seiner Verteidigung auf die US-Einlagensicherung FDIC. Sie war 1934 gegründet worden und hat es bislang - trotz vorübergehender Ebbe im Garantie-Fonds - verhindert, dass amerikanische Sparer etwas von ihren Bankeinlagen verloren. Die Geldpolitik der Fed stifte mehr Nutzen als sie Schaden anrichte, verteidigt sich Bernanke.

Fed kauft 80 Prozent aller neuen US-Anleihen

Doch diese Ansicht wird von Finanz-Investoren und Fondsmanagern nicht mehr so oft geteilt. Der bekannte Hedgefonds-Manager Stan Druckenmiller weist darauf hin, dass die Fed inzwischen - um die Zinsen niedrig zu halten, Investitionsanreize zu geben und die Beschäftigung zu verbessern - 80 Prozent aller neu ausgegebenen US-Anleihen kauft. "Die Fed druckt eine Menge Geld, und sie zwingt Sparer und Anleger in die Kapitalmärkte. Man sollte aber Wertpapiere nicht kaufen weil die Zinsen niedrig sind, sondern weil sie eine günstige Investition darstellen. Das ist derzeit aber nicht der Fall."

Die Folgen nach unten geschleuster Zinsen könnten laut Druckenmiller verheerend sein: "Es werden Investitionen in gewaltigem Umfang in fragwürdige Wertpapiere und Wirtschaftsprojekte gelenkt", sagt er, "das endet mit dem Platzen einer Blase wie im Jahr 2008, oder mit der Entwertung der Schulden durch Inflation, beide Wege sind schlecht."

Bernankes Kritiker verweisen auf die weiter steigenden Aktienkurse an der Wall Street, die unbeeindruckt von sozialen Problemen, hoher Arbeitslosigkeit und wachsenden Schulden immer neue Höchststände markieren. Auch der einflussreiche Finanz-Blogger Barry Ritholtz geht mit Bernankes Geldpolitik - die immer mehr Liquidität in die Wertpapiermärkte spült - hart ins Gericht: "2008 gerieten die Banken wegen dummer Wetten an den Rand des Abgrunds, und es passiert jetzt wieder, die ultra-lockere Geldpolitik hilft nicht, sie schadet der Wirtschaft und den kleinen Sparern."

"Das vielleicht größte Risiko an den Finanzmärkten"

Der stärkste Kritikpunkt an der Geldpolitik der Fed zielt auf die Psychologie der Märkte: "Das vielleicht größte Risiko an den Finanzmärkten", heißt es in einem Kommentar der Webseite Minyanville, "ist die falsche Annahme, dass die Fed genau weiß, was sie tut, aber am Ende ist das nur eine Frage des Vertrauens. Wenn die Märkte dieses Vertrauen verlieren, ist alles offen."

Die Optimisten in dieser Diskussion verweisen darauf, dass der Anschub durch die Notenbank geholfen hat, die Refinanzierung der US-Regierung zu verbilligen und zusätzliche Liquidität an die US-Börsen zu lenken.

Vier Jahre nach der Finanzkrise sei die Staatsschuld der USA auf 16,7 Billionen Dollar angewachsen - 106 Prozent des BIP - aber die Ausleihkosten seien wegen der rekordniedrigen Zinsen geringer als in der Ära von Ronald Reagan vor fast zwei Jahrzehnten.

Eine Billion Dollar verlorener Zinseinnahmen

Und die Wirtschaft sei dabei, sich zu bessern: Die US-Firmen hätten seit 2009 ihre Investitionen um 27 Prozent gesteigert, der Bau von Wohnhäusern habe um 60 Prozent zugenommen, die Arbeitgeber hätten 6 Millionen Jobs geschaffen. "Die Finanzmärkte betteln unsere Regierung an, ihnen Anleihen zu verkaufen, auf die man inflationsbereinigt sogar Geld verliert, nichts signalisiert, dass die Schulden unser Wachstum ausbremsen", erklärt der frühere Fed-Ökonom Joseph Gagnon.

In der Tat: Der Immobilienmarkt in den USA hat eine Erholung begonnen. Die Erstanträge auf Arbeitslosigkeit und die Arbeitslosenrate gehen zurück, wichtige Indikatoren wie das Konsumvertrauen weisen wieder nach oben. Doch die Zahl der Besucher von Suppenküchen hat zur gleichen Zeit einen Rekordstand erreicht und viele Amerikaner, die nach der Großen Rezession wieder einen Job gefunden haben, verdienen jetzt weniger als vor der Finanzkrise.

Der Preis dieses umstrittenen Erfolges ist enorm hoch: Die Fed hat für insgesamt 2.500 Milliarden Dollar Staatsanleihen und mit Hypotheken besicherte Derivate gekauft. Das hat die Sparer des Landes, wie Rickards sagt, schon bald eine Billion Dollar an verlorenen Zinseinnahmen gekostet.