Henrik Müller

Agenda 2025 Uns geht's besser, als wir glauben

Trotz Zypern-Krise und Euro-Zitterpartie: Deutschland wächst. Die derzeitigen Prognosen sind sogar viel zu pessimistisch. In Wahrheit dürfte die Bundesrepublik vor einem zweiten Wirtschaftswunder stehen.
Deutschlands Zukunft: Die Aussichten sind gut - wenn wir jetzt die Chancen nutzen

Deutschlands Zukunft: Die Aussichten sind gut - wenn wir jetzt die Chancen nutzen

Foto: Marcus Brandt/ picture alliance / dpa

Der Grundton war dunkel. Schon der erste Satz dröhnte im Generalbass des Niedergangs: "Die deutsche Volkswirtschaft zeigt sich weiterhin in keiner guten Verfassung." Die ökonomischen Probleme "bedingen und verschärfen sich wechselseitig". Die Wachstumsprognose fürs folgende Jahr: mickrige 1 Prozent. So stand es im Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen, das Ende 2005 veröffentlicht wurde.

Doch dann die Überraschung: Tatsächlich wuchs die deutsche Wirtschaft 2006 um mehr als 3 Prozent. Es war der Beginn der neuen deutschen Wachstumsstory.

Wiederholt sich nun die jüngste Wirtschaftsgeschichte?

Auch derzeit sind die Auguren ausgesprochen pessimistisch. Die Deutsche Bank Research traut der deutschen Wirtschaft für 2013 nur 0,3 Prozent Wachstum zu, die Bundesregierung 0,4 Prozent, die EU-Kommission 0,5 Prozent, der Internationale Währungsfonds 0,6 Prozent. Kein Wunder: Die Euro-Krise, die hohen Schulden, die soziale und politische Instabilität in Ländern wie Italien, Griechenland oder Zypern - all das lastet auf den Prognosen. Anders als 2006 ist das außenwirtschaftliche Umfeld derzeit äußerst wacklig.

Doch es ist gut möglich, dass die Vorhersagen viel zu pessimistisch sind. Der manager-magazin-Konjunktur-Indikator jedenfalls ist im März auf 2,2 Prozent gesprungen.

Kiel Economics, das Institut, das den Indikator für mm berechnet, erklärt den Anstieg mit der stark aufgehellten Stimmung in den Unternehmen, wie sie sich in aktuellen Umfragen zeigt. Ein deutlicher Hinweis auf die Investitions- und Einstellungspläne. Und daher ein sensibler Gradmesser für die bevorstehende Entwicklung.

Mehr als 2 Prozent, und das ist erst der Anfang: Deutschland, das prophezeit eine umfangreiche Studie der Unternehmensberatung McKinsey für manager magazin, steht am Beginn einer langen Wachstumsphase. Durchschnittlich 2,1 Prozent Wachstum bis zum Jahr 2025 - das sei möglich. Erreichbar. Wünschenswert. Voraussetzung sei, dass grobe Fehler vermieden würden.

Wie Deutschland diese goldene Ära erreichen kann, damit befasst sich die Titelgeschichte des aktuellen Hefts: Die fetten Jahre sind zurück.

Frappierend: Während die Euro-Zone insgesamt weiter in der Rezession steckt, während die Arbeitslosigkeit immer mehr Spanier und Griechen verarmen lässt, während auch Frankreich zunehmend in den Abwärtssog gezogen wird, profitiert - strahlend und allein - Deutschland.

Rezession - das ist die Krise der anderen

Kapital fließt ins Land, angelockt von der relativen sozialen und finanziellen Stabilität. Arbeitskräfte strömen in die Bundesrepublik, weil sie in ihren süd- und osteuropäischen Heimatländern keine Perspektive für sich sehen; um 2,2 Millionen soll einer Prognose für mm zufolge die Zahl der Bundesbewohner durch die gestiegene Nettoeinwanderung bis 2017 steigen.

Die makroökonomische Großwetterlage ist aus deutscher Sicht günstig: Linderung des demografisch bedingten Fachkräftemangels dank Immigration, Konsolidierung des Staatshaushalts dank hoher Steuereinnahmen, günstige Investitionsbedingungen dank extrem niedriger Zinsen.

Die europäische Dauerrezession - das ist die Krise der anderen. So mag es scheinen. Aber das wäre zu kurz gedacht.

Das unwürdige Geschacher um Zypern hat wieder mal vorgeführt, dass die Euro-Krise längst nicht überwunden ist. Weitere politische und ökonomische Großanstrengungen sind nötig, um das System zu stabilisieren. Nach wie vor fehlt ein Plan zum konsequenten Abbau der staatlichen und privaten Schulden.

Nach wie vor fehlt eine Vorstellung vom künftigen staatlichen Design des Euro-Landes. Nach wie vor geht kaum etwas voran. Warum? Weil Politik und Wirtschaft nach wie vor darauf vertrauen, dass es die Europäische Zentralbank (EZB) schon richten wird und notfalls Staatsanleihen von Krisenländern in großem Stil kauft. Spätere Inflation nicht auszuschließen.

Deutschland mag derzeit viel besser dastehen als die üblichen Prognostiker glauben. Aber Realität wird das goldene Zukunftsszenario nur, wenn es gelingt, Europa in der Balance zu halten.