Mittwoch, 17. Juli 2019

Alternde Belegschaft Warnung vor der 110-Milliarden-Euro-Lawine

Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein
Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein
Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein

4. Teil: Anreize und harte Regeln - wie es Finnland besser macht

mm: Sie studieren offenbar intensiv die Situation in Finnland. Was läuft dort anders im Umgang mit älteren Mitarbeitern? Was könnten wir davon lernen?

Geißler: Finnische Sozialpartner, Wissenschaftler und Politiker bemühen sich seit mehr als 30 Jahren gezielt um ein nachhaltiges Generationen-Management. Das Land konnte damit seinen Anteil der Beschäftigten über 60 Jahre weltweit am stärksten steigern und für sie gleichzeitig adäquate Arbeitsbedingungen schaffen. Kaum sonst wo wird damit dem demographischen Wandel so gut Rechnung getragen wie in Finnland.

mm: Was ist zentral anders?

Geißler: Ein zentraler Unterschied ist: In Finnland entscheiden die Arbeitnehmer mit 63 Jahren - und nur sie selbst -, ob sie bis 68 arbeiten oder auch darüber hinaus. Für jedes Jahr, das sie über die 63 Jahre hinaus arbeiten, beziehen sie 4,5 Prozent mehr Rente. Das zeigt Wirkung. Zum einen bleiben die Menschen länger im Job. Zum anderen müssen sich die Arbeitgeber Gedanken machen, wie sie die Älteren produktiv in ihrem Betrieb einsetzen. Und sie sind gezwungen, stärker als hier in Deutschland, auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu achten.

mm: Sie meinen Arbeitsschutzvorschriften?

Geißler: Gar nicht mal das. Ein wichtiger Hebel ist, dass Unternehmen mit mehr als 800 Beschäftigten zu 100 Prozent für die Krankheitskosten ihrer Mitarbeiter aufkommen müssen. Sie bekommen keinen Cent aus der Sozialkasse dazu, ganz gleich wie lang der Mitarbeiter krank ist.

mm: Wie sieht das bei kleineren Unternehmen aus?

Geißler: Je kleiner das Unternehmen, desto kleiner ist dieser Selbstbehalt, er sinkt aber nie unter 20 Prozent. Der Druck kommt indes auch von anderer Seite: Muss ein Mitarbeiter aus gesundheitlichen Gründen in Folge schlechter Arbeitsbedingungen etwa zehn Jahre früher in Rente, dann hat der Betrieb binnen weniger Wochen den kompletten Lohn für diese zehn Jahre an die Pensionsversicherung zu überweisen. Auch das diszipliniert die Unternehmen in Finnland, genau auf die Gesundheit und Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten zu achten.

mm: Weil die Gewerkschaften das in 30 Jahren durchgeboxt haben?

Geißler: Nein, das mag Sie überraschen. Die Sanktionen bei der Frühverrentung gehen auf einen Vorschlag der Arbeitgeber selbst zurück. Vor dieser Rentenreform haben sie aber gut zwei Jahrzehnte die Arbeitsbedingungen in ihren Betrieben verbessert.

mm: Glauben Sie, der finnische Weg kann als Blaupause für die Industrienation Deutschland gelten?

Geißler: Nicht so ohne weiteres, die Tarifpartner in Deutschland würden die Bedingungen in harten Verhandlungen wohl stark anpassen. Ein Unterschied ist eben auch: In Finnland gibt es unabhängig von politischen Mehrheiten einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, dass die Arbeitsfähigkeit zu erhalten ist. Diesen Konsens mussten sich die finnischen Sozialpartner bis Mitte der 80er Jahre hart erarbeiten, seit dann aber zogen und ziehen sie weitgehend an einem Strang.

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