Sonntag, 26. Mai 2019

Alternde Belegschaft Warnung vor der 110-Milliarden-Euro-Lawine

Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein
Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein
Bis zu 48 Urlaubstage: Weniger Arbeit gegen weniger Geld bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein

2. Teil: Firmen werden öfter und länger für kranke Mitarbeiter zahlen

Geißler: Anhand der Statistiken der Betriebskrankenkassen haben wir hochgerechnet, dass die Unternehmen in Deutschland in den kommenden zehn Jahren mindestens 110 Milliarden Euro zusätzliche Kosten allein durch die demografische Entwicklung verkraften müssen - wohlgemerkt zusätzlich. Das begründet sich damit, dass der Anteil der älteren Arbeitnehmer und damit die krankheitsbedingten Fehlstunden in den Betrieben deutlich steigen werden. Allein die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall dürfte die Betriebe rund 57 Milliarden Euro kosten. Etwa dieselbe Summe müssen wir noch mal für den Ersatz des Personals hinzurechnen.

mm: Eine gewagte Rechnung.

Geißler: Nein, überhaupt nicht. Den Hochrechnungen liegen eher konservative Annahmen zugrunde. Die Wirklichkeit dürfte für Unternehmen und Krankenkassen vermutlich noch deutlich teurer werden, wenn sie nicht entsprechend vorsorgen und mehr in altersgerechte Arbeitsgestaltung investieren.

mm: Sie sprechen von Krankenkassen. Mit welchen demografischen Kosten müssten sie demnach rechnen?

Geißler: Mit einer alternden Erwerbsbevölkerung werden auch ihre Kosten selbstverständlich steigen. Sie werden öfter und länger für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einspringen müssen und haben selbstverständlich auch steigende Kosten in der medizinischen Versorgung zu bewältigen. Vorsichtig gerechnet werden sich ihre demografiebedingten Zusatzausgaben in zehn Jahren auf rund 17 Milliarden Euro summieren.

mm: Gern wird formuliert, dass die Erfahrung älterer Mitarbeiter für jüngere Kollegen wichtig sei und diese so manches altersbedingte Defizit ausgleiche. Wenn's richtig eng wird im Betrieb, sind es dann nicht oftmals die älteren, teureren Mitarbeiter, die man freisetzen will?

Geißler: Ja, dieser Reflex ist oft zu beobachten. Aber nur die höheren Lohnkosten und den etwas höheren Krankenstand der älteren Mitarbeiter heranzuziehen, ist eine Milchmädchenrechnung. Eine realistische Vollkostenrechnung würde zum Beispiel berücksichtigen, was die Fluktuation und Ausbildung neuer Mitarbeiter kostet. Das tun aber nur die wenigsten Unternehmen, unter dem Strich verlieren sie damit Geld.

mm: Wie das?

Geißler: Personalchefs legen gern Wert auf junge, olympiareife Einheiten in der Belegschaft. Zumeist verfügen die zwar über ein großes, spezielles Wissen, neigen aber zur Optimierung von lokalen Problemen. Diese Mannschaften scheitern nicht selten, weil ihnen der Überblick und das Prozesswissen fehlt. Erst in Verbindung mit dem Erfahrungswissen der Älteren, die Prozesse besser überblicken, wird ein Schuh daraus. Erst in der Kooperation von Jung und Alt kann ein Unternehmen wirklich innovativ sein.

mm: Sie waren als Berater auch für deutsche Konzerne wie die Post, Telekom oder BASF tätig. Was ist ihr Eindruck, stellen sich größere Unternehmen den demografischen Herausforderungen besser als kleinere?

Geißler: Große Unternehmen verfügen in der Regel über Human-Ressources-Abteilungen. Sie schauen eher voraus und betreiben zumindest im Ansatz eine Altersstrukturanalyse. Die Konsequenzen, die sie daraus ableiten, sind aber nicht immer die, die wir daraus ziehen würden.

mm: Machen Sie das mal an einem Beispiel deutlich.

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung