Montag, 24. Februar 2020

Studie Deutschland, Land der (ungenutzten) Ideen

Ideenmanagement in Unternehmen: Forscher sehen Nachholbedarf

Deutschland bezeichnet sich selbst als Land der Ideen. Auch die EU-Kommission bescheinigt der Bundesrepublik Fortschritte. Allein die Umsetzung lässt bislang zu wünschen übrig. Eine Studie über das Ideenmanagement in deutschen Unternehmen zeigt: Bloßes Ideensammeln reicht nicht.

Hamburg/Marburg - Bundesregierung und Bundesverband der Deutschen Industrie bezeichnen Deutschland gern als "Land der Ideen". Die entsprechende Werbekampagne wirbt seit der Fußball-WM 2006 für das Know-how und die Kreativität deutscher Mittelständler und Konzerne. Doch was an diesem Slogan dran ist, wurde wissenschaftlich bislang nur bruchstückhaft geprüft. Zwei Studien kommen nun zu dem Schluss, dass die Unternehmen im "Land der Ideen" noch viel verbessern können - auch wenn die EU-Kommission Deutschlands Innovationskraft auf Platz zwei hinter Schweden sieht.

Die bisher umfassendste Erhebung zum Management von Ideen im deutschsprachigen Raum hat jüngst das Institut für Technologie- und Innovationsmanagement der Philipps-Universität Marburg durchgeführt. Unter der Leitung von Michael Stephan, Professor für Technologie- und Innovationsmanagement, und in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Ideenmanagement der IHK Innovationsberatung Hessen, haben die Forscher untersucht, wie Unternehmen mit dem Ideenpotenzial ihrer Mitarbeiter umgehen. Insgesamt haben sich 730 Unternehmen an der Befragung beteiligt, für 193 Teilnehmer liegen vollständige Datensätze vor.

Beim Blick auf die Mitarbeiterzahlen der befragten Unternehmen wird deutlich, dass Themen wie Ideenmanagement, betriebliches Vorschlagswesen oder die einst als "Kaizen" aus Japan eingeführten kontinuierlichen Verbesserungsprozesse vor allem in Großunternehmen angegangen werden. So beschäftigen drei Fünftel der befragten Unternehmen mehr als 1000 Beschäftigte.

"Die Verteilung war da etwas schief", sagt Stephan. Er erklärt die geringe Beteiligung kleinerer und mittlerer Unternehmen unter anderem damit, dass kleine und Kleinstunternehmen mit bis zu 50 Beschäftigten meist kein formalisiertes System und oft auch keine entsprechenden Ressourcen zur Verfügung haben. "Eine andere Erfahrung, die wir gemacht haben, ist, dass kleine Unternehmen nicht gerne mit Externen über ihr Ideen- und Innovationsmanagement sprechen."

Dennoch sieht der Wissenschaftler auch die befragten Großunternehmen durchaus als mittelständisch geprägt an. Viele würden sich selbst als Mittelständler definieren, obwohl sie mehr als 1000 Mitarbeiter hätten. "Da sind viele Hidden Champions dabei", sagt Stephan.

Wo die Schnittstelle fehlt, geht Wissen verloren

So gut der Ruf solcher Hidden Champions ist, so ernüchternd sind allerdings auch die Ergebnisse, die Stephan und Kollegen in ihrer Ideenmanagement-Studie zusammengetragen haben.

So pflegt die überwiegende Mehrheit der befragten Unternehmen zwar einen systematischen Umgang mit den Ideen ihrer Mitarbeiter. Viele Potenziale werden aber nicht ausgeschöpft. So reduzieren die meisten Unternehmen das Ideenmanagement auf das passive Einsammeln von Vorschlägen. Auch externe Ideengeber wie Kunden oder Lieferanten werden oft nicht mit einbezogen.

Deutlich wird in der Befragung auch, dass es zwar einerseits sehr unterschiedliche Ansätze des Ideenmanagements in Unternehmen ergibt. "Erschreckend ist aber, dass diese Systeme häufig isoliert voneinander bestehen, das heißt nicht koordiniert oder gar integriert sind", sagt Stephan. Die Folge: Redundanzen und nicht genutzte Synergien.

Zudem gibt es nach Ansicht des Innovationsforschers große Schnittstellendefizite. Das heißt, eine Kopplung an angrenzende Innovations-, Qualitäts- oder Wissensmanagementsysteme findet bei maximal einem Drittel der Unternehmen statt. "Dieses Ergebnis überrascht", sagt Stephan, denn schließlich sei die Einrichtung solcher Schnittstellen mit geringem Mehraufwand realisierbar, der Nutzen dagegen groß.

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