Sonntag, 21. April 2019

Krankenkassen Beiträge von bis zu 40 Prozent möglich

Krankenkassen: Steuert die Politik nicht gegen, werden Beitragssätze in der GKV und PKV explodieren

Gesetzliche oder private Krankenversicherung? Der Streit über das angeblich bessere System und unsolidarische Gutverdiener flammt erneut auf. Wahltarife seien dabei das kleinste Problem, sagt Claus-Dieter Gorr. Der Experte fordert eine schnelle Reform des ganzen Gesundheitssystems.

mm: Herr Gorr, Wahltarife für Zusatzleistungen oder Beitragserstattung in der gesetzlichen Krankenversicherung sollten den Wettbewerb untereinander sowie zu den privaten Anbietern erhöhen. Jetzt will die Regierung diese Tarife beschränken. Wird der Wettbewerb darunter leiden?

Gorr: Grundsätzlich verändert jeder staatliche Eingriff die Wettbewerbssituation. Das Problem liegt aber woanders: Der Wettbewerb zwischen PKV und GKV ist aktuell vor allem vom Preis des Versicherungsschutzes getrieben. Die konkreten Leistungsinhalte und hoch differenzierten Leistungsangebote werden dabei elementar vernachlässigt. Auf Seiten der PKV hat dies in den letzten Jahren verstärkt zu Angeboten mit einem teilweise stark reduzierten Leistungsspektrum geführt. Die Tarife wurden den Versicherten auf Basis oberflächlicher Werbesuggestionen schlichtweg falsch verkauft.

mm: Die gesetzlichen Kassen haben also alles richtig gemacht?

Gorr: Nein, eben nicht. Auf Seiten der GKV wurden Wahltarife - ergänzt um Zusatzangebote und Bonusprogramme - vermarktet. Zielgruppe waren vor allem die "Gesundheitsbewussten". Die Wahltarife haben aber zum Teil zweifelhafte Inhalte und wurden daher eher irreführend als direkte Konkurrenz zur PKV vermarktet, obwohl sie bei weitem nicht die Mehrleistungen eines privaten Vollkostenschutzes umfassen. Der Wettbewerb insgesamt leidet also vor allem unter mangelnder Transparenz.

mm: Gleichwohl sind die Wahltarife der PKV ein Dorn im Auge. Sie fürchtet um ihr Geschäft, spricht von unerlaubter Quersubventionierung in der GKV. Was ist dran an den Vorwürfen?

Gorr: Das Leistungsspektrum der GKV-Wahltarife stellt aktuell keine inhaltliche Konkurrenz zur PKV dar. Die Wahltarife entlasten als reine Zielgruppentarife derzeit eher die Besserverdienenden und Gesunden von ihrem Beitrag zur solidarischen Finanzierung des GKV-Systems. Hinzukommt, dass die Wahltarifangebote der GKV derzeit nicht vergleichbar kalkuliert sind wie die Produkte der PKV, die eine aktuarielle Berechnungsgrundlage besitzen. Ob wirklich eine unerlaubte Quersubventionierung vorliegt, kann nicht beantwortet werden. Grundsätzlich sollte man davon ausgehen, dass ein von den Aufsichtsbehörden genehmigtes Produktangebot keine unerlaubte Quersubvention enthält.

mm: Ist es nicht eher umgekehrt, dass Besserverdiener in der GKV die Krankheitskosten der ärmeren Mitglieder solidarisch mittragen?

Gorr: Ja, das tun sie grundsätzlich durch höhere Beiträge bei gleicher Leistung. Die Wahltarifangebote sind - mit Ausnahme des Versorgungswahltarifs - allerdings maximal unsolidarisch.

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