Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

Das schnelle Geld fasziniert und zieht die Menschen an. Gerade in der Krise haben Gauner Hochkonjunktur. Wie arbeiten sie? Und warum fallen Anleger immer wieder auf sie herein? Ein Blick hinter die Kulissen.
Foto: Corbis

Erich Rühe (58) galt bei Freunden und Verwandten als erfolgreicher Investor. Während andere über fallende Aktienkurse und Niedrigzinsen jammerten, erfreute er sich an 15,5 Prozent Rendite. Der Saarländer war Geldgeber der Business Capital Investors Corporation (BCI) mit der noblen Adresse 445 Park Avenue, New York.

Hauptberuflich arbeitet Rühe, dessen Name hier wie bei anderen Geprellten aus Gründen des Opferschutzes geändert ist, als Handwerksmeister. Sein Einstieg ins internationale Finanzgeschäft begann im Herbst 2006 mit dem Anruf eines Finanzvertrieblers. Der bot Rühe ein Geschäft an, "wie es Banken sonst nur untereinander tätigen", hochlukrativ und risikoarm. BCI sei Dienstleister bei Unternehmenstransaktionen und stelle finanzielle Sicherheiten bereit.

Weil der Handwerker ohnehin gerade Geld für seine Altersvorsorge anlegen wollte, überwies er 20.000 Euro auf ein sogenanntes Treuhandkonto in der Schweiz. Wenig später erhielt er einen Kontoauszug und den Hinweis, dass sein Guthaben nach Ende der vereinbarten Laufzeit von einem Jahr voraussichtlich mehr als 23.000 Euro betragen werde.

Wie es zu der wundersamen Geldvermehrung kommen würde, blieb offen. Die Corporation aus Manhattan konnte keine Geschäftsberichte vorweisen, auch eine Internetseite fehlte. Doch das irritierte Rühe kaum. Zu schön war das Gefühl, am internationalen Kapitalmarkt erfolgreich dabei zu sein, dem Geheimtipp aus Manhattan sei Dank.

Lawine des Anlagebetrugs

Am 29. November 2011 wurde der Handwerker durch Presseberichte aus seinen Träumen von der großen Finanzwelt gerissen. BCI habe 4000 Anleger um rund 100 Millionen Euro geprellt, teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit. Mehr als 120 Ermittler rückten zur Razzia aus, sie durchsuchten Büros und Wohnungen in Deutschland, der Schweiz, Kanada, Litauen und Spanien.

Nicht besucht wurde die Park Avenue 445 in Manhattan: Es handelte sich lediglich um eine Briefkastenadresse ("Virtual Office"), die ein Dienstleister dort für 279 Dollar pro Monat anbietet.

Betrüger, die mit großem Auftritt und noch größeren Versprechungen Geld einsammeln und beiseiteschaffen, haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Mit schwindelerregender Beredsamkeit täuschen sie die Opfer. Oft zahlen sie sogar zunächst die in Aussicht gestellten Zinsen - mit dem Geld anderer Anleger. Dadurch wächst das Betrugssystem wie eine Schneemasse auf dem Weg ins Tal und reißt mehr und mehr Investoren mit.

Derzeit bricht über Deutschland eine solche Lawine des Anlagebetrugs herein. Von Nürnberg bis Hamburg sind bei den Gerichten mehrere Großverfahren anhängig, in einigen geht es um dreistellige Millionensummen. Experten schätzen den jährlichen Schaden auf 20 bis 30 Milliarden Euro.

Warum fallen immer wieder Menschen auf die Schwindler am Finanzmarkt herein? Mit welchen Methoden gelingt es den Tätern, an das Geld der Opfer zu gelangen? Und wie schaffen es die Hintermänner oft jahrelang, den Fahndern und Aufsichtsbehörden zu trotzen?

Der Schaltplan von BCI

Die Suche nach Antworten beginnt vor der 14. Großen Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts. Dort sitzen an einem grauen Wintertag Mitte Dezember diejenigen, die laut Staatsanwaltschaft an betrügerischen Geschäften von BCI blendend verdient haben: Klaus S., Ingo K. und Hans L. Die drei haben sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert. Der Hauptangeklagte Klaus S. trägt ein grünes Wolljackett, hält die Hände im Schoß und schaut ausdruckslos geradeaus, während der als Zeuge angereiste Schweizer Staatsanwalt Martin Stupf schwere Anschuldigungen gegen ihn vorbringt.

"Die BCI hat nichts investiert", sagt Stupf, der wegen Geldwäscheverdachts ermittelte. "Das ist meiner Meinung nach ein Schneeballsystem."

Mehr als zwölf Millionen Euro mit Bezug zu BCI hat Stupf aufgespürt und die Konten einfrieren lassen. Die Jagd war filmreif: Bei Durchsuchungen von Büros und Wohnungen auf Mallorca erfuhren die Fahnder, dass gerade "ein Boot von Herrn S. im Hafen herumtuckerte", so Stupf. Die Jacht kam sofort an die Kette.

Den Schaltplan des Systems BCI entdeckten die Fahnder auf einem Großrechner, den eine Führungskraft namens Bernd R. bei einer IT-Firma in Bern gemietet hatte. Darauf befand sich das Programm "Mind Periscope 5.0", benannt nach jenen aus "Yps"-Illustrierten und U-Boot-Filmen bekannten Geräten, mit denen echte Kerle bei gefährlichen Einsätzen um die Ecke gucken können.

"Herr R. besaß eine virtuelle Plattform, die absolut geschützt war", sagt Stupf. "Er war der Einzige, der bei jedem Berater reinschauen und Provisionen festlegen konnte." BCI-Verkäufer gründeten in Spanien Firmen mit Fantasienamen, über die Zahlungen liefen. Später ging das Geld auch nach Lettland und Slowenien oder auf Konten bei der Credit Suisse in Singapur. Dank Mind Periscope konnten Fahnder rekonstruieren, wie R. mit den deutschen BCI-Vertriebsleuten L. und K. kommunizierte, die jetzt zusammen mit S. vor Gericht stehen.

Vom Reichtum hypnotisiert

Die Herren von der BCI drehten im Verborgenen ein großes Rad. Insgesamt sammelten sie rund 100 Millionen Euro bei Anlegern ein. "4 Prozent des Anlagevolumens sind an Herrn S. privat geflossen", sagt der Staatsanwalt. Wer als Vertriebler Geld für BCI akquirierte, habe 8,3 Prozent Provision erhalten. Dazu seien weitere 16,6 Prozent an Vertriebsleiter wie Bernd R. und Ingo K. geflossen.

Der Fall BCI zeigt ein typisches Merkmal gängiger Betrugssysteme: Die Verantwortlichen agieren höchst konspirativ, um den verbesserten Möglichkeiten der Fahnder zu entgehen. Vor zehn Jahren war es noch nicht einmal selbstverständlich, dass ein deutscher Staatsanwalt über einen Dienstcomputer verfügte. Heute haben die Ermittler aufgerüstet, doch die Schwindler ebenfalls.

Die wichtigsten Techniken der Finanzschwindler stammen freilich aus der Psychologie. Die Manipulationstricks der Vertriebsleute greifen auch bei Menschen, die sich in Geldangelegenheiten gut auskennen, das zeigt eine Studie des US-Wertpapierhändlerverbands NASD.

Das wichtigste Merkmal, das Betrogene von anderen Menschen unterscheidet, ist ihre Gesprächsbereitschaft. Wer offen dafür ist, mit Fremden über die private Geldanlage zu reden, ist anfällig.

Für die US-Studie konnten Psychologen mehr als 600 Mitschnitte aus der Telefonüberwachung auswerten und so einen Einblick in die Beeinflussungstricks der Kriminellen gewinnen. Pro Gespräch benutzen die Vertriebler im Durchschnitt acht verschiedene psychologische Techniken.

"Deutschlands schlimmster Betrüger"

Durch diese Überrumplungstaktik gelingt es häufig, die Opfer entscheidend zu verwirren. Ein verurteilter Anlagebetrüger sagte aus, seine Verkaufsansprache betäube die Opfer wie eine Wolke aus Äther: "Mein Ziel ist es, ihnen rasch so viel wie möglich zu verkaufen, bevor die Betäubung nachlässt." Wegen dieser Manipulation geben Opfer später oft zu Protokoll, dass sie sich nicht mehr erklären können, wie sie damals auf den Betrug hereinfallen konnten.

Der am häufigsten benutzte Psychotrick ist die Suggestion des Reichtums, der durch das Investment erreichbar sein soll. Der BCI-Verkäufer Hans L. behauptete etwa, 30 bis 35 Prozent Rendite pro Jahr seien "heutzutage absolut Peanuts".

Ulrich Engler (51) versprach den Kunden sogar 72 Prozent Rendite pro Jahr - durch Day-Trading, also Wertpapiergeschäfte, die innerhalb eines Tages abgeschlossen sind. Das ist die Domäne der Investmentbanken und Hedgefonds, doch selbst die schaffen nicht annähernd solche Traumrenditen.

"Deutschlands schlimmster Betrüger" ("Bild"-Zeitung) soll eine halbe Milliarde Euro von Anlegern eingesammelt haben, schätzen US-Wirtschaftsprüfer. Im Juli wurde der Schwabe nach fünfjähriger Flucht in Las Vegas verhaftet und einen Monat später in die Heimat ausgeliefert. Seitdem sitzt er in der Mannheimer Justizvollzugsanstalt. Er hat gestanden. Der Prozess läuft seit Mitte Januar.

Zu den 5000 Geprellten gehört Sibylle Lahnstein (47). Die Zahnmedizinerin aus Stuttgart investierte 300.000 Euro bei Englers Unternehmen Private Commercial Office. Engler gab sich als ehemaliger Chefhändler einer US-Großbank aus. Tatsächlich bestanden seine Qualifikationen in einem Hauptschulabschluss und einer abgebrochenen Ausbildung als Bürokaufmann.

Wie konnte die Medizinerin, die einen "Prof. Dr." als Titel führt, auf Engler hereinfallen? "Es ist ohne Weiteres möglich, mit Day-Trading 100 Prozent Rendite zu schaffen", antwortet sie. Englers fiktiver Lebenslauf vom Tellerwäscher zum Trader-Millionär schien das zu beweisen.

Ein extremes Beispiel für das Vorspielen von Reichtum erlebte ein Chefarzt aus Berlin, der auf Einladung des Unternehmens Dubai Oil Industries nach Wien flog und dort mit einem Rolls-Royce vom Flughafen ins Hotel "Imperial" gefahren wurde. Der Mediziner überwies rund eine Million Euro, mit denen die Firma in Dubai nach Öl bohren sollte, und erhielt dafür Genussscheine. Leider stellten sich diese als wertlos heraus, die Initiatoren sind verschwunden.

Die vermeintlichen Ölexperten hatten gleich eine Reihe von Manipulationsmethoden angewandt. Sie bemühten sich, einen seriösen Kontext für die Scheinfirma zu schaffen: Das Veranstaltungshotel befindet sich in einem Palais, das 1863 als Privatresidenz des Fürsten von Württemberg gebaut wurde. Dort trat ein älterer Herr auf, der als hochrangiger Vertreter der Opec vorgestellt wurde.

Durch die luxuriöse Bewirtung erzeugten die Gauner zudem beim Kunden das Gefühl, den Gastgebern etwas schuldig zu sein. Vor allem aber erfüllten erfolgreiche Hochstapler das psychologische Grundbedürfnis nach Wertschätzung, sagt Martin Klaffke, Professor an der Hamburg School of Business Administration. "Jeder Mensch sehnt sich danach, respektiert und geachtet zu werden. Die Anleger fühlen sich auf eine Weise hofiert, wie sie es von Banken und Sparkassen nicht kennen", so der Ökonom, der an einem EU-weiten Forschungsprojekt zum Anlagebetrug mitgearbeitet hat.

Alle wollen nur Provisionen

Viele Geldhäuser haben in den vergangenen Jahren durch zweifelhafte Geschäftspraktiken Kredit verspielt. Allzu oft ging es - und geht es auch heute noch - Bankberatern in Kundengesprächen darum, Renditevorgaben des Vorstands zu erfüllen, nicht darum, welche Form der Vermögensanlage für welchen Kunden die sinnvollste ist. "Das Vertrauen in die Banken ist auf dem Tiefpunkt", sagt der Münchener Anlegeranwalt Oliver Busch.

Da verwundert es nicht, dass Kunden zu alternativen Anbietern gehen - besonders wenn diese mit grüner Geldanlage in erneuerbare Energie werben, wie es die European Energy Consult Holding AG (EECH) tat. Mit den Geschäftsräumen in der Villa am Alsterufer 36 in Hamburg erweckte das Unternehmen den Anschein hanseatischer Gediegenheit. Die "Euro Anleihe Solar" versprach 8,25 Prozent Zinsen. Michael Riedl, von Beruf Hausmeister, wurde durch Anzeigen darauf aufmerksam und rief beim EECH-Callcenter in Hamburg an. Der Münchener investierte 10.000 Euro.

Er war damit in guter Gesellschaft. Die Anleihe spülte EECH-Chef Tarik Y. (54) im Jahr 2005 rund 50 Millionen Euro in die Firmenkassen. Leider stellte sich schnell heraus, dass wegen der stark gestiegenen Preise für Solarmodule auf diesem Gebiet keine profitablen Investitionen möglich waren. Der Unternehmer hatte praktischerweise von den Anwälten in den Anleiheprospekt schreiben lassen, dass das Geld als Betriebskapital gelten solle und auch zum Ausbau des Unternehmens dienen könne.

Auf diese Angaben beruft sich Y.s Pflichtverteidigerin vor dem Hamburger Landgericht. Der ehemalige EECH-Chef kann sich keinen teuren Anwalt leisten, er hat eine Privatinsolvenz hinter sich. Ihm wird schwerer Betrug vorgeworfen. Denn einige Millionen aus der Anleihe mit dem Wort Solar im Namen hat er in Kunst investiert.

Unter den Werken, die Y. zum Teil auch für eine Kunstanleihe und einen Kunstfonds erwarb, sind Werke von Gerhard Richter, Georg Baselitz und Robert Rauschenberg. Rund zwei Millionen Euro an Gehalt und Tantiemen aus dem Anleihegeld soll Y. persönlich erhalten haben, so die Anklage.

Die Posse zeigt, wie ähnlich sich Opfer und Täter in ihren Wünschen sind. Der Hausmeister aus München wollte mit seinem Geld bei einem smarten Solarunternehmen hohe Zinsen verdienen. Der in Istanbul geborene Maschinenbauingenieur Y. genoss es, eine Firma in bester Alsterlage zu führen und von Galeristen umschwärmt zu sein.

Beschuldigte bei Betrugsverfahren stammen oft aus wenig privilegierten Bevölkerungsgruppen, weiß Wirtschaftsprofessor Klaffke. Der Wunsch nach sozialem Aufstieg und Respekt ist bei ihnen oft ebenso groß wie die Geldsucht. Manchmal gehen Gier und Geltungsdrang eine gefährliche Verbindung ein, so wie bei der Gesellschaft zur Förderung erneuerbarer Energien (GFE) in Nürnberg.

Die bot Bio-Blockheizkraftwerke an, die dank innovativer Technik 75 Prozent der Energie aus Rapsöl in Strom umwandeln sollten. Der Entwickler des Wunderwerks ist der Kfz-Mechaniker Karl M. (52), bei Verschwörungstheoretikern bekannt als Mitgründer des Zentralrats Souveräner Bürger, der die Legitimität der Bundesrepublik bezweifelt. Die hohe Effizienz des Kraftwerks will M. auch dadurch erreicht haben, dass er Wasser ins Rapsöl goss. Ein ehemaliger Mitarbeiter behauptet im Internet, bei der Entwicklungsarbeit habe man sich an alchemistischen Texten orientiert.

Die GFE hat die meisten Kraftwerke nie geliefert. Die Hauptbeschuldigten Horst K. (60) und Karlheinz Z. (57) müssen sich vor dem Landgericht Nürnberg gegen den Vorwurf verteidigen, 1417 Kraftwerksinvestoren um 62 Millionen Euro geprellt zu haben. K. bestreitet das.

Irgendwas mit Hedgefonds

Einige Hauptbeschuldigte kennen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft schon seit einem Jahrzehnt und sind schon früher mit zweifelhaften Vertriebsgeschäften auffällig geworden.

Die meisten Betrüger behaupten gar nicht mehr, etwas Handfestes verkaufen zu wollen. Sie präsentieren sich als Hedgefondsmanager, die irgendwelche Wertpapiere durch ein geheimes Computerprogramm handeln lassen. Wenn aber selbst seriöse Hedgefondsstrategien den meisten Menschen unverständlich bleiben, wie soll man da betrügerische Angebote erkennen - zumal wenn sie von Banken vertrieben werden?

Dem "Hedgefonds" K1 des Psychologen Helmut Kiener aus Aschaffenburg vertrauten 5000 Kunden. Gesamtschaden: mehr als 345 Millionen Euro. Das Landgericht Würzburg verurteilte Kiener zu zehn Jahren Haft.

Für Klaus Nieding ist der Fall damit aber noch nicht erledigt. Nieding ist Jäger, bei Bad Kreuznach an der Nahe geht er auf die Pirsch. Neben einem Wildzerlegebetrieb führt Nieding auch eine Anwaltskanzlei in Frankfurt. Die Hatz auf das Kiener-Geld organisiert er mit dem Kollegen Andreas Tilp aus dem schwäbischen Kirchtellinsfurt. Ihr Bündnis heißt ProtectInvestAlliance (PIA).

Nach monatelanger Vorbereitung schlagen die Anwälte jetzt los. Nicht nur gegen Kiener persönlich, bei dem vermutlich nicht mehr viel zu holen ist. Sondern auch gegen die britische Großbank Barclays , die Zertifikate mit dem Namen X1 verkauft hat. Das waren Schuldverschreibungen, die für Kunden die Wertentwicklung von Kieners K1-Fonds abbilden sollten. Das Anlegergeld wurde jedoch nicht in Hedgefonds investiert, sondern versickerte in Kieners Geflecht aus Zwischengesellschaften.

"Wir haben kurz vor dem Jahresende 2012 Klage gegen die Barclays Bank PLC, London beim Landgericht Frankfurt eingereicht", sagt Nieding. Barclays habe das System Kiener unterstützt, das sonst viel früher zusammengebrochen wäre, argumentieren die Anlegeranwälte. Außerdem habe die Bank nicht ausreichend geprüft, was mit dem Geld geschah. Die Bank bestreitet die Vorwürfe.

Binnen sechs Monaten muss das Oberlandesgericht Frankfurt das Musterverfahren einleiten. So sieht es das seit November geltende neue Gesetz für solche Verfahren vor. Wenn die 60 von Nieding und Tilp vertretenen Kläger Erfolg haben, können sich Hunderte weitere Geschädigte anschließen.

Erstmals wird der Emittent eines Zertifikats in einem Musterverfahren verklagt. Die Anwälte fordern die Rückabwicklung des X1 Global Index. Das würde teuer für die Bank: Dieses Zertifikat wurde mit einem Volumen von 50 Millionen Euro aufgelegt. Insgesamt hat Barclays in Zusammenhang mit K1-Gesellschaften Zertifikate für rund 300 Millionen Euro ausgegeben. "Der Fall Kiener könnte das bedeutsamste Musterverfahren in Deutschland nach dem Fall Telekom werden", sagt Tilp, der auch die Telekom-Aktionäre im Großprozess gegen den Dax-Konzern vertreten hat.

Trotz der Aufmerksamkeit, die das Großverfahren bringen wird, dürften die Betrugsfälle nicht weniger werden, erwartet der Berliner Anlegeranwalt Walter Späth. Selbst wer schon einmal Opfer wurde, ist nicht immun. "Einige Mandanten haben sich schon mehrfach die Finger verbrannt", sagt Späth. Das Bedürfnis, durch geniale Investments in hochklassigem Ambiente viel Geld und Ansehen zu verdienen, ist häufig stärker als jede Vernunft.

Mehr als die monetären Folgen fürchten die Opfer übrigens das Bekanntwerden ihres Missgeschicks. "Denen dürfen wir nur E-Mails schicken, keine Briefe", sagt Späth. Sonst würde der Ehepartner alles erfahren.

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