Dienstag, 10. Dezember 2019

Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

Das schnelle Geld fasziniert und zieht die Menschen an. Gerade in der Krise haben Gauner Hochkonjunktur. Wie arbeiten sie? Und warum fallen Anleger immer wieder auf sie herein? Ein Blick hinter die Kulissen.

Erich Rühe (58) galt bei Freunden und Verwandten als erfolgreicher Investor. Während andere über fallende Aktienkurse und Niedrigzinsen jammerten, erfreute er sich an 15,5 Prozent Rendite. Der Saarländer war Geldgeber der Business Capital Investors Corporation (BCI) mit der noblen Adresse 445 Park Avenue, New York.

Hauptberuflich arbeitet Rühe, dessen Name hier wie bei anderen Geprellten aus Gründen des Opferschutzes geändert ist, als Handwerksmeister. Sein Einstieg ins internationale Finanzgeschäft begann im Herbst 2006 mit dem Anruf eines Finanzvertrieblers. Der bot Rühe ein Geschäft an, "wie es Banken sonst nur untereinander tätigen", hochlukrativ und risikoarm. BCI sei Dienstleister bei Unternehmenstransaktionen und stelle finanzielle Sicherheiten bereit.

Weil der Handwerker ohnehin gerade Geld für seine Altersvorsorge anlegen wollte, überwies er 20.000 Euro auf ein sogenanntes Treuhandkonto in der Schweiz. Wenig später erhielt er einen Kontoauszug und den Hinweis, dass sein Guthaben nach Ende der vereinbarten Laufzeit von einem Jahr voraussichtlich mehr als 23.000 Euro betragen werde.

Wie es zu der wundersamen Geldvermehrung kommen würde, blieb offen. Die Corporation aus Manhattan konnte keine Geschäftsberichte vorweisen, auch eine Internetseite fehlte. Doch das irritierte Rühe kaum. Zu schön war das Gefühl, am internationalen Kapitalmarkt erfolgreich dabei zu sein, dem Geheimtipp aus Manhattan sei Dank.

Lawine des Anlagebetrugs

Am 29. November 2011 wurde der Handwerker durch Presseberichte aus seinen Träumen von der großen Finanzwelt gerissen. BCI habe 4000 Anleger um rund 100 Millionen Euro geprellt, teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft mit. Mehr als 120 Ermittler rückten zur Razzia aus, sie durchsuchten Büros und Wohnungen in Deutschland, der Schweiz, Kanada, Litauen und Spanien.

Nicht besucht wurde die Park Avenue 445 in Manhattan: Es handelte sich lediglich um eine Briefkastenadresse ("Virtual Office"), die ein Dienstleister dort für 279 Dollar pro Monat anbietet.

Betrüger, die mit großem Auftritt und noch größeren Versprechungen Geld einsammeln und beiseiteschaffen, haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Mit schwindelerregender Beredsamkeit täuschen sie die Opfer. Oft zahlen sie sogar zunächst die in Aussicht gestellten Zinsen - mit dem Geld anderer Anleger. Dadurch wächst das Betrugssystem wie eine Schneemasse auf dem Weg ins Tal und reißt mehr und mehr Investoren mit.

Derzeit bricht über Deutschland eine solche Lawine des Anlagebetrugs herein. Von Nürnberg bis Hamburg sind bei den Gerichten mehrere Großverfahren anhängig, in einigen geht es um dreistellige Millionensummen. Experten schätzen den jährlichen Schaden auf 20 bis 30 Milliarden Euro.

Warum fallen immer wieder Menschen auf die Schwindler am Finanzmarkt herein? Mit welchen Methoden gelingt es den Tätern, an das Geld der Opfer zu gelangen? Und wie schaffen es die Hintermänner oft jahrelang, den Fahndern und Aufsichtsbehörden zu trotzen?

© manager magazin 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung