Samstag, 20. Juli 2019

Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

5. Teil: Irgendwas mit Hedgefonds

Einige Hauptbeschuldigte kennen sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft schon seit einem Jahrzehnt und sind schon früher mit zweifelhaften Vertriebsgeschäften auffällig geworden.

Die meisten Betrüger behaupten gar nicht mehr, etwas Handfestes verkaufen zu wollen. Sie präsentieren sich als Hedgefondsmanager, die irgendwelche Wertpapiere durch ein geheimes Computerprogramm handeln lassen. Wenn aber selbst seriöse Hedgefondsstrategien den meisten Menschen unverständlich bleiben, wie soll man da betrügerische Angebote erkennen - zumal wenn sie von Banken vertrieben werden?

Dem "Hedgefonds" K1 des Psychologen Helmut Kiener aus Aschaffenburg vertrauten 5000 Kunden. Gesamtschaden: mehr als 345 Millionen Euro. Das Landgericht Würzburg verurteilte Kiener zu zehn Jahren Haft.

Für Klaus Nieding ist der Fall damit aber noch nicht erledigt. Nieding ist Jäger, bei Bad Kreuznach an der Nahe geht er auf die Pirsch. Neben einem Wildzerlegebetrieb führt Nieding auch eine Anwaltskanzlei in Frankfurt. Die Hatz auf das Kiener-Geld organisiert er mit dem Kollegen Andreas Tilp aus dem schwäbischen Kirchtellinsfurt. Ihr Bündnis heißt ProtectInvestAlliance (PIA).

Nach monatelanger Vorbereitung schlagen die Anwälte jetzt los. Nicht nur gegen Kiener persönlich, bei dem vermutlich nicht mehr viel zu holen ist. Sondern auch gegen die britische Großbank Barclays Börsen-Chart zeigen, die Zertifikate mit dem Namen X1 verkauft hat. Das waren Schuldverschreibungen, die für Kunden die Wertentwicklung von Kieners K1-Fonds abbilden sollten. Das Anlegergeld wurde jedoch nicht in Hedgefonds investiert, sondern versickerte in Kieners Geflecht aus Zwischengesellschaften.

"Wir haben kurz vor dem Jahresende 2012 Klage gegen die Barclays Bank PLC, London beim Landgericht Frankfurt eingereicht", sagt Nieding. Barclays habe das System Kiener unterstützt, das sonst viel früher zusammengebrochen wäre, argumentieren die Anlegeranwälte. Außerdem habe die Bank nicht ausreichend geprüft, was mit dem Geld geschah. Die Bank bestreitet die Vorwürfe.

Binnen sechs Monaten muss das Oberlandesgericht Frankfurt das Musterverfahren einleiten. So sieht es das seit November geltende neue Gesetz für solche Verfahren vor. Wenn die 60 von Nieding und Tilp vertretenen Kläger Erfolg haben, können sich Hunderte weitere Geschädigte anschließen.

Erstmals wird der Emittent eines Zertifikats in einem Musterverfahren verklagt. Die Anwälte fordern die Rückabwicklung des X1 Global Index. Das würde teuer für die Bank: Dieses Zertifikat wurde mit einem Volumen von 50 Millionen Euro aufgelegt. Insgesamt hat Barclays in Zusammenhang mit K1-Gesellschaften Zertifikate für rund 300 Millionen Euro ausgegeben. "Der Fall Kiener könnte das bedeutsamste Musterverfahren in Deutschland nach dem Fall Telekom werden", sagt Tilp, der auch die Telekom-Aktionäre im Großprozess gegen den Dax-Konzern vertreten hat.

Trotz der Aufmerksamkeit, die das Großverfahren bringen wird, dürften die Betrugsfälle nicht weniger werden, erwartet der Berliner Anlegeranwalt Walter Späth. Selbst wer schon einmal Opfer wurde, ist nicht immun. "Einige Mandanten haben sich schon mehrfach die Finger verbrannt", sagt Späth. Das Bedürfnis, durch geniale Investments in hochklassigem Ambiente viel Geld und Ansehen zu verdienen, ist häufig stärker als jede Vernunft.

Mehr als die monetären Folgen fürchten die Opfer übrigens das Bekanntwerden ihres Missgeschicks. "Denen dürfen wir nur E-Mails schicken, keine Briefe", sagt Späth. Sonst würde der Ehepartner alles erfahren.

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