Sonntag, 21. Juli 2019

Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

4. Teil: Alle wollen nur Provisionen

Viele Geldhäuser haben in den vergangenen Jahren durch zweifelhafte Geschäftspraktiken Kredit verspielt. Allzu oft ging es - und geht es auch heute noch - Bankberatern in Kundengesprächen darum, Renditevorgaben des Vorstands zu erfüllen, nicht darum, welche Form der Vermögensanlage für welchen Kunden die sinnvollste ist. "Das Vertrauen in die Banken ist auf dem Tiefpunkt", sagt der Münchener Anlegeranwalt Oliver Busch.

Da verwundert es nicht, dass Kunden zu alternativen Anbietern gehen - besonders wenn diese mit grüner Geldanlage in erneuerbare Energie werben, wie es die European Energy Consult Holding AG (EECH) tat. Mit den Geschäftsräumen in der Villa am Alsterufer 36 in Hamburg erweckte das Unternehmen den Anschein hanseatischer Gediegenheit. Die "Euro Anleihe Solar" versprach 8,25 Prozent Zinsen. Michael Riedl, von Beruf Hausmeister, wurde durch Anzeigen darauf aufmerksam und rief beim EECH-Callcenter in Hamburg an. Der Münchener investierte 10.000 Euro.

Er war damit in guter Gesellschaft. Die Anleihe spülte EECH-Chef Tarik Y. (54) im Jahr 2005 rund 50 Millionen Euro in die Firmenkassen. Leider stellte sich schnell heraus, dass wegen der stark gestiegenen Preise für Solarmodule auf diesem Gebiet keine profitablen Investitionen möglich waren. Der Unternehmer hatte praktischerweise von den Anwälten in den Anleiheprospekt schreiben lassen, dass das Geld als Betriebskapital gelten solle und auch zum Ausbau des Unternehmens dienen könne.

Auf diese Angaben beruft sich Y.s Pflichtverteidigerin vor dem Hamburger Landgericht. Der ehemalige EECH-Chef kann sich keinen teuren Anwalt leisten, er hat eine Privatinsolvenz hinter sich. Ihm wird schwerer Betrug vorgeworfen. Denn einige Millionen aus der Anleihe mit dem Wort Solar im Namen hat er in Kunst investiert.

Unter den Werken, die Y. zum Teil auch für eine Kunstanleihe und einen Kunstfonds erwarb, sind Werke von Gerhard Richter, Georg Baselitz und Robert Rauschenberg. Rund zwei Millionen Euro an Gehalt und Tantiemen aus dem Anleihegeld soll Y. persönlich erhalten haben, so die Anklage.

Die Posse zeigt, wie ähnlich sich Opfer und Täter in ihren Wünschen sind. Der Hausmeister aus München wollte mit seinem Geld bei einem smarten Solarunternehmen hohe Zinsen verdienen. Der in Istanbul geborene Maschinenbauingenieur Y. genoss es, eine Firma in bester Alsterlage zu führen und von Galeristen umschwärmt zu sein.

Beschuldigte bei Betrugsverfahren stammen oft aus wenig privilegierten Bevölkerungsgruppen, weiß Wirtschaftsprofessor Klaffke. Der Wunsch nach sozialem Aufstieg und Respekt ist bei ihnen oft ebenso groß wie die Geldsucht. Manchmal gehen Gier und Geltungsdrang eine gefährliche Verbindung ein, so wie bei der Gesellschaft zur Förderung erneuerbarer Energien (GFE) in Nürnberg.

Die bot Bio-Blockheizkraftwerke an, die dank innovativer Technik 75 Prozent der Energie aus Rapsöl in Strom umwandeln sollten. Der Entwickler des Wunderwerks ist der Kfz-Mechaniker Karl M. (52), bei Verschwörungstheoretikern bekannt als Mitgründer des Zentralrats Souveräner Bürger, der die Legitimität der Bundesrepublik bezweifelt. Die hohe Effizienz des Kraftwerks will M. auch dadurch erreicht haben, dass er Wasser ins Rapsöl goss. Ein ehemaliger Mitarbeiter behauptet im Internet, bei der Entwicklungsarbeit habe man sich an alchemistischen Texten orientiert.

Die GFE hat die meisten Kraftwerke nie geliefert. Die Hauptbeschuldigten Horst K. (60) und Karlheinz Z. (57) müssen sich vor dem Landgericht Nürnberg gegen den Vorwurf verteidigen, 1417 Kraftwerksinvestoren um 62 Millionen Euro geprellt zu haben. K. bestreitet das.

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