Freitag, 20. September 2019

Anlagebetrüger Gier frisst Hirn

2. Teil: Der Schaltplan von BCI

Die Suche nach Antworten beginnt vor der 14. Großen Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts. Dort sitzen an einem grauen Wintertag Mitte Dezember diejenigen, die laut Staatsanwaltschaft an betrügerischen Geschäften von BCI blendend verdient haben: Klaus S., Ingo K. und Hans L. Die drei haben sich zu den Vorwürfen noch nicht geäußert. Der Hauptangeklagte Klaus S. trägt ein grünes Wolljackett, hält die Hände im Schoß und schaut ausdruckslos geradeaus, während der als Zeuge angereiste Schweizer Staatsanwalt Martin Stupf schwere Anschuldigungen gegen ihn vorbringt.

"Die BCI hat nichts investiert", sagt Stupf, der wegen Geldwäscheverdachts ermittelte. "Das ist meiner Meinung nach ein Schneeballsystem."

Mehr als zwölf Millionen Euro mit Bezug zu BCI hat Stupf aufgespürt und die Konten einfrieren lassen. Die Jagd war filmreif: Bei Durchsuchungen von Büros und Wohnungen auf Mallorca erfuhren die Fahnder, dass gerade "ein Boot von Herrn S. im Hafen herumtuckerte", so Stupf. Die Jacht kam sofort an die Kette.

Den Schaltplan des Systems BCI entdeckten die Fahnder auf einem Großrechner, den eine Führungskraft namens Bernd R. bei einer IT-Firma in Bern gemietet hatte. Darauf befand sich das Programm "Mind Periscope 5.0", benannt nach jenen aus "Yps"-Illustrierten und U-Boot-Filmen bekannten Geräten, mit denen echte Kerle bei gefährlichen Einsätzen um die Ecke gucken können.

"Herr R. besaß eine virtuelle Plattform, die absolut geschützt war", sagt Stupf. "Er war der Einzige, der bei jedem Berater reinschauen und Provisionen festlegen konnte." BCI-Verkäufer gründeten in Spanien Firmen mit Fantasienamen, über die Zahlungen liefen. Später ging das Geld auch nach Lettland und Slowenien oder auf Konten bei der Credit Suisse in Singapur. Dank Mind Periscope konnten Fahnder rekonstruieren, wie R. mit den deutschen BCI-Vertriebsleuten L. und K. kommunizierte, die jetzt zusammen mit S. vor Gericht stehen.

Vom Reichtum hypnotisiert

Die Herren von der BCI drehten im Verborgenen ein großes Rad. Insgesamt sammelten sie rund 100 Millionen Euro bei Anlegern ein. "4 Prozent des Anlagevolumens sind an Herrn S. privat geflossen", sagt der Staatsanwalt. Wer als Vertriebler Geld für BCI akquirierte, habe 8,3 Prozent Provision erhalten. Dazu seien weitere 16,6 Prozent an Vertriebsleiter wie Bernd R. und Ingo K. geflossen.

Der Fall BCI zeigt ein typisches Merkmal gängiger Betrugssysteme: Die Verantwortlichen agieren höchst konspirativ, um den verbesserten Möglichkeiten der Fahnder zu entgehen. Vor zehn Jahren war es noch nicht einmal selbstverständlich, dass ein deutscher Staatsanwalt über einen Dienstcomputer verfügte. Heute haben die Ermittler aufgerüstet, doch die Schwindler ebenfalls.

Die wichtigsten Techniken der Finanzschwindler stammen freilich aus der Psychologie. Die Manipulationstricks der Vertriebsleute greifen auch bei Menschen, die sich in Geldangelegenheiten gut auskennen, das zeigt eine Studie des US-Wertpapierhändlerverbands NASD.

Das wichtigste Merkmal, das Betrogene von anderen Menschen unterscheidet, ist ihre Gesprächsbereitschaft. Wer offen dafür ist, mit Fremden über die private Geldanlage zu reden, ist anfällig.

Für die US-Studie konnten Psychologen mehr als 600 Mitschnitte aus der Telefonüberwachung auswerten und so einen Einblick in die Beeinflussungstricks der Kriminellen gewinnen. Pro Gespräch benutzen die Vertriebler im Durchschnitt acht verschiedene psychologische Techniken.

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