Europas Wirtschaft Kreditklemme und Wahltheater lähmen Firmen in Südeuropa

Nicht nur in Deutschland ist der Mittelstand die wichtigste Triebfeder der Wirtschaft. Auch Europas Krisenländer können sich nur erholen, wenn kleine und mittelgroße Unternehmen wieder Tritt fassen. Doch Wahlkampftheater, Kreditklemme und Reformstau bremsen die Unternehmer aus.
Rezession: In Italien wird es wahrscheinlich noch mehr Unternehmensschließungen geben als in den Vorjahren

Rezession: In Italien wird es wahrscheinlich noch mehr Unternehmensschließungen geben als in den Vorjahren

Foto: REUTERS

Hamburg - Das Wahlkampftheater in Italien geht in die nächste Runde - mit wüsten Beschimpfungen und verbissenem Machtpoker. Unternehmer im Land wenden sich frustriert ab. Denn klar ist: Der politische Stillstand wird wohl auch weiterhin die Wirtschaft lähmen.

"Die kommenden sechs Monate werden schrecklich sein, es werden die schlimmsten seit 50 Jahren", warnte Giorgio Squinzi, der Präsident des Unternehmerverbandes Confindustria, diese Woche in der Zeitung "La Repubblica". Die italienische Wirtschaft könne es sich nach Jahren der Rezession nicht leisten abzuwarten, bis Politiker ihre Machtkämpfe ausgefochten haben - jetzt sei vielleicht die letzte Chance, endlich die nötigen Bedingungen für Wachstum zu schaffen.

Es sind vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die in Italien wie auch in anderen europäischen Krisenländern unter dem politischen Stillstand leiden. Das ist fatal für die europäische Wirtschaft, denn der Mittelstand ist die wichtigste Triebfeder der Wirtschaft. Kleine und mittelgroße Unternehmen stellen fast 99 Prozent aller Unternehmen im Euro-Raum. Sie beschäftigen etwa drei Viertel aller Arbeitnehmer und erzeugen rund 60 Prozent der Wertschöpfung in der Euro-Zone.

Ein Ende der Rezession im Euro-Raum scheint kaum möglich, ohne dass der Mittelstand wieder Tritt fasst. Doch gerade die kleinen und mittelgroßen Unternehmen sind von den Auswirkungen der Finanzmarkt- und der folgenden Staatsschuldenkrise besonders hart und nachhaltig getroffen worden, erklärt Ansgar Belke, Ökonom an der Universität Duisburg-Essen.

Italienische und spanische Firmen haben kaum Zugang zu Krediten

Der Hauptgrund: Anders als in Deutschland ist in vielen südeuropäischen Ländern eine Kreditklemme eingetreten. "Im Gegensatz zu großen Unternehmen, die Zugang zu alternativen Finanzierungsquellen wie Anleihen und Aktien haben, sind die kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Europa in hohem Maße auf Bankkredite und Kreditlinien angewiesen", sagt Belke. Der wirtschaftliche Erfolg kleiner Unternehmen vor der Krise habe wesentlich auf dem reibungslosen Funktionieren des Bankensektors im Euro-Raum beruht.

Doch seit Ausbruch der Krise sind Bankkredite für Unternehmer in den meisten europäischen Ländern knapp, für Unternehmer in Ländern wie Italien, Griechenland, Portugal und auch Frankreich bekommen seit Jahren kaum noch Geld.

"Die Bedeutung der mittelständischen Unternehmen für die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum ist groß", mahnt Ökonom Belke. "Der EZB muss es deshalb gelingen, den geldpolitischen Übertragungsmechanismus zu reparieren, um die Kreditversorgung der Unternehmen im Süden der Euro-Zone wiederherzustellen." Doch eben dieses Projekt will der Zentralbank nicht glücken - EZB-Präsident Mario Draghi gab zu, dass es bei der Kreditversorgung des Mittelstands nach wie vor hakt.

Und mit billigem Geld von der Zentralbank allein wird die Wende nicht klappen: "Wir können nicht die tief verwurzelten Probleme der Volkswirtschaften in der Euro-Zone lösen", sagte der Notenbankchef. "Die Regierungen müssen die strukturellen Probleme in ihren Ländern angehen."

Insolvenzen in Spanien, Portugal, Italien und Griechenland unvermeidlich

Trotz der Rettungs-Milliarden, die nach Südeuropa geflossen sind, und trotz der Liquiditäts-Hilfen der EZB wird es für kleine und mittelständische Unternehmen in Südeuropa immer schwieriger, an Geld zu kommen - und das mitten in einer Rezession, also gerade dann, wenn viele Unternehmen finanzielle Durststrecken überstehen müssen. Je länger die Flaute anhält, desto schwieriger wird dieser Balance-Akt.

Insolvenzen von kleinen und mittelgroßen Unternehmen, vor allem im Süden der Euro-Zone, sind deshalb wohl unvermeidlich, sagt Benske. "Das gilt besonders in Griechenland und Portugal wegen der anstehenden Umstrukturierung der Wirtschaft. Und in Spanien wegen der Verstrickung vieler Unternehmen in Immobilienfinanzierungen." Auch in Irland sind die Finanzen vieler kleiner und mittelgroßer Unternehmen durch hohe Immobilienkredite besonders belastet, zeigt eine aktuelle Analyse des Internationalen Währungsfonds.

Die Regierungen der Krisenländer haben zwar Reformen und spezielle Förderprogramme für den Mittelstand versprochen, aber bisher nur einen Bruchteil davon auch tatsächlich umgesetzt - weil sie sich in der Regel erst einmal um die kriselnden Großbanken und die Löcher in den Staatsfinanzen kümmern mussten. Statt auf Finanzspritzen vom Staat zu hoffen, mussten viele Mittelständler froh sein, wenn öffentliche Auftraggeber wenigstens ihre offenen Rechnungen bei der Privatwirtschaft bezahlten.

Die meisten Förderprogramme für den Mittelstand laufen erst im Laufe dieses und des kommenden Jahres an. So kündete etwa Spaniens Premier Mariano Rajoy zwar eine "zweite Generation von Reformen" zur Belebung der Wirtschaft an, mit der vor allem mittelgroße Unternehmen unterstützt werden sollen. Doch ob der durch Korruptionsvorwürfe geschwächte Regierungschef diese Reformen auch durchsetzen kann, ist fraglich - zumal die Immobilienkrise gerade neue Opfer fordert und sich in den Bilanzen der verstaatlichten Sparkasse Bankia neue Milliardenlöcher auftun.

"Italiens Mittelständler sind frustriert - wegen Bürokratie und Steuerlast"

Auch in Italien leidet die Wirtschaft unter einem Reformstau: Italienische Unternehmen tragen laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PwC) noch immer die höchste Steuerlast in Europa, die Steuerquote liegt bei fast 70 Prozent. "Während Großunternehmen sehr enge Verbindungen in die Politik pflegen, sind viele mittelständische Unternehmer in Italien frustriert, weil sie unter ausufernder Bürokratie und hoher Steuerbelastung leiden, aber in der Politik nicht gehört werden", berichtet Norbert Pudzich, Geschäftsführer der Deutsch-Italienischen Handelskammer in Mailand.

So sei etwa die Steuergesetzgebung in Italien so gestaltet, dass sich Wachstum für kleinere Unternehmen kaum lohne. Sobald ein Unternehmen mehr als 15 Mitarbeiter habe, steige die Steuerlast rapide an - viele Unternehmer würden deshalb mehrere Kleinstbetriebe führen, um unter dieser Grenze zu bleiben. "Zudem gibt das Steuersystem Anreize, Gewinne aus dem Unternehmen zu entnehmen. Investitionen lohnen sich kaum."

Deshalb fehle vielen italienischen Unternehmen - anders als etwa dem deutschen Mittelstand - oft die nötige kritische Größe, um erfolgreich auch Exportmärkte außerhalb der EU zu erobern. "Unternehmen, die auf den Binnenmarkt ausgerichtet sind, haben jetzt die größten Probleme", sagt Pudzich. Denn die Arbeitslosigkeit ist hoch, Löhne und Kaufkraft niedrig. Das italienische Marktforschungsinstitut Cerved sagt angesichts der zähen Rezession voraus, dass 2013 in Italien zum Jahr der Pleiten wird: Das Vorjahres-Rekordhoch von 104.000 Unternehmensschließungen dürfte noch übertroffen werden.

Kampf ums Überleben

Während kleine und mittelständische Unternehmen ums Überleben kämpfen, haben sich große Konzerne längst aus den schlimmsten Krisenzonen verabschiedet: So haben etwa der französische Handelsriese Carrefour  , der griechische Ableger des US-Konzerns Coca-Cola und der griechische Molkerei-Riese FAGE bereits im vergangenen Jahr ihren Rückzug aus dem krisengebeutelten Griechenland angekündigt. Sie verlagern ihre Niederlassungen in sichere Häfen wie die Schweiz und Luxemburg, um auf bessere Zeiten zu warten.

Kein Wunder also, dass sich die Euro-Zone laut einer Prognose der Europäischen Kommission langsamer erholen wird als erwartet. Die EU-Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaft in Italien und Spanien 2013 um ein Prozent und mehr schrumpfen wird.

Auch Portugal und Griechenland bleiben demnach in der Rezession stecken. Frankreich kommt nicht über eine schwarze Null hinaus, während das Rettungsschirm-Land Irland immerhin ein ganzes Prozent Wachstum schaffen könnte.

Expansionschancen für den deutschen Mittelstand

Der Blick auf die Situation der Mittelständler in den europäischen Nachbarländern zeigt auch: Deutsche Mittelständler liegen richtig mit ihrer aktuellen Strategie, möglichst viel Cash anzusammeln, ihr Eigenkapital zu erhöhen und das angesammelte Kapital vor allem in eine weitere Internationalisierung ihres Geschäfts zu investieren.

Selbst kleinere exportierende Unternehmen seien mittlerweile durchschnittlich auf sieben internationalen Märkten aktiv, heißt es beim Deutschen Industrie -und Handelskammertag (DIHK). Während Mittelständler in Südeuropa händeringend nach Geldquellen suchen, sank die Kreditnachfrage der deutschen Mittelständler laut einer aktuellen KfW-Studie zuletzt um ganze 6 Prozent. Und fast die Hälfte der Mittelständler gaben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest an, dass sie unabhängiger von ihren Banken werden wollen.

Für Unternehmer in den südeuropäischen Ländern ist diese Situation fast unvorstellbar: Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen es für Mittelständler noch Geld gibt bei der Bank - doch die Unternehmen brauchen es zurzeit gar nicht.

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