Profiteur der Schuldenkrise Schöne Aussicht am Bau

Angeschoben vom Immobilienboom und der Dämm-Wut der Deutschen hat sich die Bauwirtschaft zu einer wichtigen Konjunkturstütze entwickelt. Die Aussichten bewertet die Branche so rosig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Mancherorts werden die Handwerker knapp.
Von Martin Hintze
Hausbau: Die Zahl der Neubauten steigt kräftig

Hausbau: Die Zahl der Neubauten steigt kräftig

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Hamburg - Wenn der Frühling kommt und das Quecksilber die Null-Grad-Marke hinter sich lässt, gibt es unter freiem Himmel so einige Phänomene zu beobachten. Klar, da sind die Frühjahrsblüher, die grau-braune Matschwiesen zu bunter Pracht verhelfen. Bäume ergrünen, Vögel trällern um die Wette. So weit, so schön.

Da ist aber noch etwas: Viel schneller als Krokusse sprießen Baugerüste an Häuserwänden empor. Es wird wieder fleißig gemauert, ausgebessert, verputzt und gedämmt. Ganze Straßenzüge werden in Styroporplatten eingepackt. Am Himmel drehen sich Baukräne. In vielen Metropolen weichen die letzten freien Flächen schicken Appartementblocks.

Deutschland ist im Immobilienfieber. Es ist das alte Lied: Extrem niedrige Zinsen, mit denen die Europäische Zentralbank die Wirtschaft in Südeuropa ankurbeln will, kommen in Deutschland in Form von historisch günstigen Darlehen an. Zugleich werfen Sparkonten kaum noch etwas ab. Anderen, vermeintlich risikoreicheren Geldanlagen wird spätestens seit der Finanzkrise ohnehin nicht mehr über den Weg getraut. Also rein in die Immobilie. Geld ist vorhanden: Die Wirtschaft schlägt sich wacker, der Arbeitsmarkt ist robust. Die Gründe sind nicht neu, gelten aber nach wie vor.

Die Folgen: Die Kauf- und Mietpreise besonders in Metropolregionen ziehen an. Das Thema Wohnen hat es längst auf die Wahlkampfagenda geschafft. Die SPD will die Mieten begrenzen, Bauminister Peter Ramsauer (CSU) hat Ende Februar ein Konzept präsentiert. Er will den Wohnungsbau nach der Bundestagswahl mit Maßnahmen wie einer abgespeckte Variante der Eigenheimzulage und Steuervorteilen ankurbeln. Bereits vorher sollen die Fördermittel der KfW noch einmal aufgestockt werden.

Trendwende beim Hausbau

Die Zahl der Neubauten steigt schon jetzt. Es ist eine Trendwende. Jahrelang wurde nur sehr wenig in neue Häuser und Wohnungen investiert. Im Jahr 2009 entstanden pro 1000 Einwohner bundesweit gerade einmal 1,7 Wohnungen. In diesem Jahr steigt die Quote immerhin auf 2,5 und nähert sich dem Durchschnitt der 27 EU-Länder an, der laut dem Forschungsnetzwerk Euroconstruct bei 2,9 liegt. Zwischen 2011 und 2015 wird die Zahl der fertiggestellten Wohnungen laut Euroconstruct-Prognose um ganze 46 Prozent auf 235.000 Einheiten nach oben schnellen.

Der Immobilienboom versetzt die deutsche Bauwirtschaft in Jubelstimmung. Sie gilt als eine der wenigen Krisengewinner. Auch das ist eine Trendwende: Jahrzehntelang kamen aus der Branche nur schlechte Nachrichten, dem Boom der Wendezeit folgte die Ernüchterung. Doch 2011 meldeten die Verbände ein Rekordwachstum. Im vergangenen Jahr stiegen die Auftragseingänge bei stabilen Umsätzen noch einmal um 4,6 Prozent. Nun weisen alle Vorzeichen daraufhin, dass der Sektor in diesem Jahr neue Rekorde aufstellt.

Das Dämm-Fieber ist ausgebrochen

Erst kürzlich meldete das Ifo-Institut das beste Geschäftsklima am Bau seit der Wiedervereinigung. Selbst die notorisch pessimistische Lobby schlägt geradezu euphorische Töne an. "Wir sind mit guten Vorzeichen in das Jahr 2013 gestartet, die Stimmung und die Geschäftserwartungen sind sehr positiv", sagt Michael Knipper, Geschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB).

Für dieses Jahr rechnet der Verband mit einem nominalen Umsatzplus von 2 Prozent. Andere Prognosen sind da deutlich optimistischer. So rechnet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung mit einem Wachstum von 5 Prozent. Damit ist die Bauwirtschaft eine wichtige Konjunkturstütze für Deutschlands. "Sie wird eine treibende Kraft sein", sagt DIW-Forscher Hendrik Hagedorn.

"Deutschland saniert so viel wie nie zuvor"

Zu verdanken hat die Branche den Erfolg nicht nur dem kräftigen Neubau von Wohngebäuden. Das Gros der Aufträge - etwa zwei Drittel - bekommen die Handwerker von den Besitzern älterer Gebäude. "In den vergangenen drei Jahren hat Deutschland so viel saniert wie noch nie zuvor", sagt DIW-Experte Hagedorn.

Allein die Zahl der verbauten Dämmstoffe ist eindrucksvoll. Im Jahr 2011 schraubten die Deutschen 42,5 Millionen Quadratmeter Dämmung an ihre Häuserwände, ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. Insgesamt wurden laut Fachverband Wärmedämm-Verbundsysteme 840 Millionen Quadratmeter der Platten im Zeichen der energetischen Sanierung eingesetzt - eine Fläche, so groß wie das Bundesland Berlin.

Handwerker werden knapp

Ein Ende der Dämm-Wut ist nicht in Sicht. Die Bundesregierung peilt eine Sanierungsquote von 2 Prozent der Bestandsgebäude pro Jahr an, derzeit sind es 1 Prozent. Ganz freiwillig passiert das nicht. In den vergangenen Jahren hob die Regierung die Vorschriften für den Energieverbrauch von Häusern schrittweise an. Erst im Februar verabschiedete das Kabinett einen neuen Entwurf der sogenannten Energieeinsparverordnung, ab 2014 sollen die Vorgaben nochmals verschärft werden.

Auch das Zuckerbrot soll helfen: Wer zinsgünstige KfW-Darlehen haben will, muss rigorose Vorschriften erfüllen. Die Branche freut's: "Die Auftragsbücher der Firmen sind prall gefüllt. In einigen Regionen haben wir Mühe Handwerker zu finden", sagt HDB-Chef Knipper.

Unternehmen investieren wieder

Auf neue Aufträge kann die Bauwirtschaft auch von Seiten der Unternehmen rechnen, beispielsweise für neue Lagerhallen oder Büros. "Im Dezember gab es einen Lichtblick beim gewerblichen Bau, die Auftragseingänge sind gestiegen", sagt DIW-Experte Hagedorn. Bislang hatten sich die Konzerne angesichts der Schuldenkrise mit Investitionen zurückgehalten. Sollte die Krise nicht noch einmal aufflammen, könnte der Knoten bereits in diesem Jahr platzen. "Im Gewerbebau haben wir schon jetzt Auftragseingänge für das erste halbe Jahr", sagt Knipper.

Der dritte potenzielle Auftraggeber ist die öffentliche Hand, also Bund, Länder und Kommunen. Nach dem Auslaufen verschiedener Konjunkturprogramme gab es 2011 einen massiven Einbruch der Umsätze. Dank stabiler Steuereinnahmen erwartet die Baubranche wieder steigende Aufträge vom Bund. Kritischer sieht es auf kommunaler Ebene aus. Hier fürchten die Verbände, dass die Kommunen den drastischen Sparkurs des Vorjahres fortsetzen. "Die öffentlichen Aufträge bleiben unser Sorgenkind", sagt HDB-Geschäftsführer Knipper.

Allerdings ist das Umsatzvolumen im Wohnungsbau fünf Mal so hoch. Eine erneute Schwächephase bei den öffentlichen Aufträgen dürfte die Branche also locker wegstecken.

Der Frühling kann kommen.