Samstag, 7. Dezember 2019

Crowdsourcing Volkes Intelligenz nutzen

Die Weisheit der Massen bündeln: Crowdsourcing kann erfolgreich sein, wenn engagierte Personen die Innovationsmarktplätze koordinieren

2. Teil: Crowdsourcing braucht Engagement und Koordination

mm: Welche Vorsichtsmaßnahmen schlagen Sie vor?

Brunswicker: Gute Crowdsourcing-Plattformen und Initiativen, die Unternehmen selbst aufsetzen, bieten beiden Seiten Transparenz und garantieren Geheimhaltung. Grundsätzlich empfiehlt sich ein mehrstufiger Prozess, so dass die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen laufen kann.

mm: Wie genau funktioniert das?

Brunswicker: Ganz zu Beginn sollten grundsätzlich nur nicht-vertrauliche Informationen gegeben und eingefordert werden. In den ersten Phasen bleiben dann die IP-Rechte vollständig beim ursprünglichen Ideengeber. Denn wenn Unternehmen sofort Patente von einem potenziellen Partner einfordern, mindern sie den Anreiz für eine Kooperation und verringern so das Innovationspotenzial. Deshalb sollte nicht alles direkt fest geregelt sein.

mm: Und wenn es dann zu einer Zusammenarbeit kommt?

Brunswicker: Dann werden ganz offiziell Kooperationsverträge ausgehandelt. Denn nur in etablierten und rechtlich abgesicherten Partnerschaften kann eine echte Wertschöpfung entstehen - besonders wenn es sich um komplexe Probleme oder hohe Risiken handelt.

mm: Okay, es muss also kein kluger Kopf um seine Ideen bangen. Aber warum sollte überhaupt jemand, der die Lösung für ein schwieriges Problem gefunden hat, gratis sein Wissen auf einer Web-Plattform zur Verfügung stellen?

Brunswicker: Geld zu verdienen ist in den meisten Fällen nicht die entscheidende Motivation für die Teilnehmer, auch wenn viele Crowdsourcing-Aktionen als Wettbewerbe mit einer Dotierung von einigen tausend Euro organisiert werden. Sie wollen vor allem Spaß haben, sich in einer spannenden Community über ihre Themen austauschen, ihre Ideen anerkannt sehen. Deshalb hängt der Erfolg einer Plattform ganz entscheidend von den Instrumenten ab, die für einen solch lebhaften Diskurs bereit stehen. Und das ausschreibende Unternehmen muss sich engagiert an dieser Diskussion beteiligen, schnell Feedback geben oder bei Problemen unterstützen.

mm: Sprich, es müssen sich Mitarbeiter im Unternehmen für das Crowdsourcing engagieren. Wehren die sich nicht eher gegen die Ideen von außen, weil sie fürchten von billigen Freiwilligen ersetzt zu werden?

Brunswicker: Der Erfolg von Crowdsourcing hängt in der Tat entscheidend von engagierten Personen ab, die sich um die hauseigene Plattform kümmern oder das Engagement eines Unternehmens auf Innovationsmarktplätzen koordinieren. Sie beziehen die Externen in eine Art virtuelles Team mit ein, pflegen die persönliche Kommunikation mit ihnen, helfen ihnen weiter. Diese Promotoren brauchen einen starken Rückhalt in der Firmenführung. Denn sie müssen auch die internen Kollegen mit ins Boot holen, ihnen klar machen, dass heute kein Unternehmen mehr die komplexen Probleme der Welt alleine lösen kann. Sonst entsteht schnell das "Not-invented-here"-Syndrom, und die Ideen aus dem Web werden boykottiert.

mm: Wie lässt sich eine solche Wagenburg-Mentalität vermeiden?

Brunswicker: Die internen Mitarbeiter sollten vollständig in den offenen Innovationsprozess involviert werden. Sie sind Teil des Teams, das gemeinsam ein Ziel erreichen will. Als sehr hilfreich hat es sich zum Beispiel erwiesen, sie mit in die Expertenjury zu holen, die aussichtsreiche Vorschläge aus der Menge auswählt. Grundsätzlich muss aber in einem Unternehmen, das die Intelligenz der Masse nutzen will, eine Kultur der Offenheit herrschen. Wer Misstrauen gegenüber Leuten hegt, die er nicht kennt, kann das Crowdsourcing gleich vergessen.

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