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Redaktionsschluss: Prominente Opfer des Zeitungssterbens

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Zeitungen in Not Was druckst du?

Die Pleite der "Frankfurter Rundschau" zeigt: Das Internet und das Medienverhalten vor allem junger Leute bringen einen ganzen Wirtschaftszweig in Not. Doch Zeitungen und Zeitschriften sind keineswegs chancenlos.

Hamburg - www.zeitungssterben.de, das wäre wohl die passende Adresse. Doch darauf ist hierzulande offenbar noch niemand gekommen. Die Amerikaner sind da schon weiter. Unter newspaperdeathwatch.com wird das Aussterben der amerikanischen Druckmedien minutiös protokolliert - ebenso wie die Wiedergeburt des Journalismus, wie die Macher des Blogs spitz im Titelkopf vermerken.

Der Vorsprung kommt nicht von ungefähr. US-Zeitungen befinden sich beim Niedergang des Gewerbes weltweit in der unrühmlichen Pole-Position. Schon 2017, so prophezeit der australische Zukunftsforscher Ross Dawson, gehen im letzten US-Zeitungsverlag die Lichter aus.

Eine mutige Prognose. Doch immer mehr Anzeichen deuten in diese Richtung. Landauf landab laufen Zeitungen und Zeitschriften in den USA die Leser davon. Selbst bei angesehenen Blättern wie der mehrfach Pulitzer-Preis-gekrönten "Los Angeles Times" schmilzt die Auflage.

Mit New Orleans gibt es zudem bereits die erste Millionenmetropole, in der überhaupt keine tägliche Zeitung mehr gedruckt wird. Das örtliche Blatt "Times-Picayune", das es mit ihrer schonungslosen Berichterstattung über die Folgen von Hurrikan "Katrina" 2005 zu Weltruhm brachte, erscheint künftig nur noch dreimal in der Woche in Papierform. Zuletzt überraschte das Traditionsmagazin "Newsweek" mit der Ankündigung, in Zukunft nur noch online erscheinen zu wollen.

Warnsignale auch in Deutschland

Die Pleite der "Frankfurter Rundschau", die am gestrigen Dienstag bekannt wurde, zeigt: Auch hierzulande befinden sich die so genannten Holzmedien in Not. 16 Millionen Euro Verlust machte die Zeitung zuletzt pro Jahr. Die Auflage war seit Jahren rückläufig.

Zwar erscheint die Situation in Deutschland längst nicht so dramatisch wie etwa in den USA. Futurist Dawson etwa räumt den deutschen Zeitungen noch eine Galgenfrist bis 2030 ein. Mehr also als jenen in Großbritannien, wo seiner Ansicht nach 2019 die letzten Titel als Papierprodukt vom Markt verschwinden werden, sowie in Kanada und Norwegen (2020, in Australien (2022) und in Frankreich (2029).

Jüngste Nachrichten und Gerüchte deuten allerdings darauf hin, dass die Entwicklung auch hierzulande an Fahrt aufnimmt. Immer häufiger wird von Einschnitten und Kürzungen bei Zeitschriften und Zeitungen berichtet, oder über bevorstehende Schließungen spekuliert.

Medienberichten zufolge bereitet etwa der Verlag Gruner + Jahr eine Schrumpfkur beim Frauenmagazin "Brigitte" vor, der 10 Prozent der Beschäftigten zum Opfer fallen könnten. Auch über das Schicksal von Wirtschaftstiteln aus dem Verlag gibt es Spekulationen. Der Hamburger Jahreszeiten-Verlag gab zudem in dieser Woche das Ende des Stadtmagazins "Prinz" in seiner gedruckten Variante bekannt. Und die Pleite der Nachrichtenagentur dapd passt ebenfalls ins Bild.

Nicht nur das Internet ist schuld

Als Grund für den Niedergang der Printmedien gilt vor allem der Vormarsch des Internets, der den Zeitungen und Zeitschriften Auflagenverluste und Einbußen bei den Anzeigenerlösen beschert. Insbesondere junge Leute informieren sich heute zum weitaus größten Teil per PC, Notebook, Smartphone oder Tablet, wie verschiedene Untersuchungen belegen. Statt mit Quadratmeter-großen Papierbögen zu hantieren, geht der Klick auf SPIEGEL ONLINE, "Bild.de" oder - natürlich - manager magazin online.

Einer Studie des Münchener IZI-Instituts zufolge etwa verbringen Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren heute täglich im Schnitt 125 Minuten vor dem Internet. Eine Zeitung dagegen nehmen sie lediglich sieben Minuten lang zur Hand, und eine Zeitschrift zwei Minuten. Auf die Frage, welches Medium sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden, entschieden sich 70 Prozent der jungen Leute für das Internet. Nur ein Prozent wählte die Zeitung.

In die gleiche Richtung deuten die Resultate der "JIM-Studie 2011" des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest in Stuttgart. Demnach nutzen etwa 90 Prozent der Jugendlichen regelmäßig ein Handy, das Internet oder das Fernsehen. Nur rund 40 Prozent greifen mehrmals die Woche zur Zeitung.

Was dies für die Auflagen bedeutet, liegt auf der Hand. Die Statistik der Kontrollinstanz IVW macht es deutlich: Verkauften Tageszeitungen hierzulande 2002 im dritten Quartal im Schnitt noch mehr als 27 Millionen Exemplare pro Erscheinungstag, so waren es von Juli bis September 2012 nur noch gut 21 Millionen. Ein Rückgang um etwa 23 Prozent also. Bei den Publikumszeitschriften betrug das Minus im gleichen Zeitraum etwa 10 Prozent, bei Fachzeitschriften waren es sogar etwa 28 Prozent.

Internet ist nicht allein schuld

Zwar bieten die Zeitungsverlage ihre Informationen in der Regel auch online an. Noch ist es aber nur wenigen Titeln gelungen, die Leser dort auch in nennenswertem Umfang zur Kasse zu bitten. Das amerikanische Wirtschaftsblatt "Wall Street Journal" ist eine von wenigen Ausnahmen.

Die meisten anderen Verlage verdienen im Internet vor allem mit Werbung Geld - und die Anzeigen, die dort geschaltet werden, fehlen dann mitunter in den Printtiteln. Ohnehin versiegt seit dem Aufkommen von Onlinemarktplätzen wie Immobilienscout24 oder Mobile.de zusehends die neben dem Verkauf an Abonnenten und Einzelleser zweite Erlösquelle insbesondere von Tageszeitungen, nämlich das Anzeigengeschäft.

Dem Internet die ganze Schuld an der Branchenkrise zuzuschieben, wäre allerdings wohl verfehlt. Erschwerend hinzu kommt beispielsweise die aktuelle Konjunkturschwäche. Mit unschöner Regelmäßigkeit müssen Verlage und andere Medienhäuser erkennen: Gilt es für Firmen in schwierigen Zeiten zu sparen, so gehört der Werbeetat zu jenen Positionen im Budget, an denen der Rotstift am ehesten angesetzt wird.

Hinzu kommt: Es gibt durchaus Zeitungen, die den Übergang ins Zeitalter der elektronischen Medien bislang weitgehend unbeschadet überstanden haben. Und das kommt nicht von ungefähr. Der britische "Guardian" berichtete schon vor zwei Jahren ausführlich über eine Studie, derzufolge es eine klare Korrelation zwischen steigendem Internettraffic und fallenden Auflagen gar nicht gibt.

"Ein unsichtbares Band ist gerissen"

Vielmehr gebe es durchaus Zeitungen, die in beiden Kategorien erfolgreich seien. Ebenso wie manche Blätter auf keinem der beiden Verbreitungswege reüssierten.

Entscheidend seien vor allem das Engagement der Verlage, etwa in Bezug auf Innovationsfreude und Investitionsbereitschaft, so das Ergebnis der Studie. Das gelte allerdings vor allem für britische Zeitungen, wie den "Guardian", die "Times" oder den "Daily Telegraph". Bei deutschen Titeln kamen die Forscher zu durchaus anderen Ergebnissen.

Hinzu kommt ein grundlegendes Problem in der Medienlandschaft: An die Stelle publizistisch interessierter Verleger sind in vielen Häusern eher betriebswirtschaftlich orientierte Manager gerückt. Auch dies dürfte zum allmählichen Niedergang des Zeitungsjournalismus beigetragen haben.

"Ein unsichtbares Band ist gerissen", schrieb die "Zeit" schon 2009 in einem umfangreichen Beitrag zu dem Thema. "Die deutschen Verleger hatten es über Jahrzehnte verstanden, Unternehmer zu sein und gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen." Über Jahrzehnte habe man seinem Produkt vertraut, auch in Durststrecken. Als die "Zeit" etwa Ende der Neunziger vier Jahre lang Verluste machte, sei mit Geduld reagiert worden, nicht mit Sparmaßnahmen. Der Axel Springer Verlag habe zudem 60 Jahre lang darauf gewartet, dass die "Welt" rentabel wurde. "Heute zählen in vielen Verlagen nur die nächsten Quartalszahlen", schrieb die "Zeit".

Das angesehene Blatt aus Hamburg weiß, wovon es spricht. Laut IVW gelang es den Wochenzeitungen in den vergangenen zehn Jahren, ihre Auflage im Branchenvergleich mit minus 6,5 Prozent noch relativ stabil zu halten. Die "Zeit" selbst sticht zudem positiv heraus. Ihre verbreitete Auflage betrug laut IVW im dritten Quartal 2012 gut 522.000 Exemplare. Zehn Jahre zuvor schaffte es die Zeitung gerade so über die 450.000. Zumindest dieses Blatt ist also vorerst kein Fall für ein Blog namens Zeitungssterben.de.

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