EADS/BAE Boeing zeigt sich unbeeindruckt von Fusionsplänen

EADS und BAE wollen den größten Rüstungskonzern der Welt schmieden. US-Konkurrent Boeing würde weit abgeschlagen hinter dem neuen Branchenriesen zurückfallen. Noch zeigen sich die US-Amerikaner aber unbeeindruckt.
Eurocopter: Die EADS-Sparte ist Weltmarktführer beim Bau ziviler Hubschrauber

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Foto: EADS

Amsterdam/London/Washington - Er habe einen "tiefen Glauben" an die Stärke des Unternehmens, sagte der Boeing-Vorstandsvorsitzende Jim McNerney in der Denkfabrik Council on Foreign Relations in Washington. "Ich sehe das nicht als etwas an, das uns fundamental schaden könnte." Vielmehr verdeutliche der Schritt eine "globale Konsolidierung", die gerade stattfinde.

Die beiden Branchenriesen EADS  und BAE Systems  hatten zuvor mitgeteilt, sich in Fusionsgesprächen zu befinden. Der neue Konzern wäre mit einem geschätzten Wert von 48 Milliarden Dollar das größte Rüstungsunternehmen der Welt und würde außerdem Boeing  als Marktführer nach Umsatz übertreffen.

Klappt die Fusion, dann würde der europäische Luftfahrt-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS 60 Prozent der Anteile erhalten, das britische Unternehmen BAE Systems 40 Prozent. Geplant sei, dass die französische, deutsche und britische Regierung Sonderaktien erhalten, um ihre Interessen zu wahren. Es ziele gegen feindliche Übernamen in dem sensiblen Rüstungsbereich, wie aus Kreisen verlautete.

Bislang hatte eine Aktionärspakt zwischen Deutschland und Frankreich die Interessen beider Länder bei EADS gewahrt. Auf deutscher Seite hat Daimler  die Stimmrechte vertreten, auf französischer ist direkt der Staat beteiligt. Die ständigen Diskussionen darüber hatten immer wieder für Unruhe gesorgt, dieser Pakt könnte nun abgelöst werden. Es sei in Vorbereitung eines Zusammenschlusses auch mit mehreren Regierungen gesprochen worden, hieß es von den Unternehmen.

Zustimmung der Bundesregierung fehlt noch

Zugestimmt hat die Bundesregierung dem Deal derzeit aber wohl noch nicht. Noch dauerten die Prüfungen des Vorhabens an und es gebe noch eine ganze Reihe schwieriger ungeklärter Fragen, die mit einer solchen Fusion verbunden seien, hieß es aus informierten Kreisen in der Industrie und Politik. Allerdings wurde von Industrieseite auch erklärt, man sehe zumindest ermutigende Signale aus der Politik in den beteiligten Ländern für das Fusionsvorhaben.

Auch der französische EADS-Großaktionärs Arnaud Lagardère hat den Deal noch nicht abgesegnet. Bevor die Lagardère-Gruppe grünes Licht für ein solches Projekt gebe, müssten alle möglichen Konsequenzen geprüft worden sein, teilte der Unternehmer und EADS-Chefkontrolleur mit. Das Projekt sei dem EADS-Verwaltungsrat noch nicht vorgelegt worden

Die US-Behörden werden sich der Fusion Kreisen zufolge wohl nicht in den Weg stellen. Es sei eher unwahrscheinlich, dass das US-Verteidigungsministerium sowie die Kartellwächter den Zusammenschluss zum weltweit umsatzstärksten Luftfahrt- und Rüstungskonzern blockieren, sagten mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Dies hänge unter anderem damit zusammen, dass die Airbus-Mutter EADS nur wenige staatliche US-Rüstungsaufträge erhalten habe. Ferner gebe es wenig Überlappungen in den Geschäften von EADS und dem Kampfhubschrauber- und U-Bootehersteller BAE in den USA. Bisher ist das Pentagon nach eigener Auskunft allerdings noch nicht offiziell über die geplante Fusion informiert worden.

EADS-Papiere abgestraft

An der Börse rechnen Händler erwartungsgemäß mit Rückschlägen bei den EADS-Papieren und Gewinnen bei BAE. Gestern Abend schlossen die Aktien von BAE Systems an der Londoner Börse knapp 11 Prozent höher auf 353 Pence, während die auch in Frankfurt notierten Papiere von EADS um 4,9 Prozent einbrachen.

EADS bemüht sich seit längerem, das von der Flugzeugbautochter Airbus dominierte Geschäft auf eine breitere Basis zu stellen. BAE Systems und EADS erwarten, dass der mögliche Zusammenschluss die Aussicht bietet, signifikante Verbesserungen für Kunden und Aktionäre beider Unternehmen zu erreichen. Dies betreffe soviel Einsparpotenziale als auch Möglichkeiten, neue Kundenkreise zu erschließen.

Mit seiner Tochter Cassidian zählt EADS auch im Rüstungsbereich zu den weltgrößten Unternehmen. Beide Unternehmen sind in vielen Ländern der Welt als Rüstungslieferanten tätig, wobei BAE Systems ein viel größeres US-Geschäft hat als EADS. Andererseits ist EADS im China- und generell im Asiengeschäft stärker. Die Unternehmen sollen von ein- und demselben Vorstands- und Aufsichtsgremium geführt werden. Allerdings werde angestrebt, dass sie an den Börsen getrennt notiert bleiben.

EADS: "Deal könnte noch platzen"

Dass der geplante Deal noch platzen kann, hebt EADS ausdrücklich hervor: "Es kann keine Gewissheit bestehen, dass die Gespräche letztendlich zu einer Transaktion führen werden." Auch müsse der EADS-Verwaltungsrat noch zustimmen.

EADS und BAE arbeiten bereits seit längerer Zeit auf mehreren Tätigkeitsfeldern eng zusammen. Zurzeit bauen beide Unternehmen gemeinsam an dem Kampfjet Eurofighter (Typhoon) mit. Auch an dem europäischen Raketenbauer MBDA sind beide Firmen als Aktionäre beteiligt. Fusionspläne hatte es schon öfter gegeben, unmittelbar vor der Gründung der EADS im Jahr 2000, damals waren sie aber geplatzt. Auch damals wurden weitere Gespräche nicht ausgeschlossen.

BAE Systems hat im Jahr 2011 mit mehr als 90.000 Beschäftigten bei einem Umsatz von 19,2 Milliarden Pfund (24,3 Milliarden Euro) einen operativen Gewinn von 1,6 Milliarden Pfund erwirtschaftet.

Fast 50.000 EADS-Mitarbeiter allein in Deutschland

Der europäische Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS beschäftigt in Deutschland rund 49.000 Mitarbeiter - das sind rund 10.000 mehr als beim Zusammenschluss der der deutschen DASA, der französischen Aérospatiale-Matra und der spanischen CASA im Juli 2000.

Der Airbus-Hersteller ist neben Boeing der größte Hersteller von Verkehrsflugzeugen. In Hamburg baut EADS die wirtschaftlich höchst erfolgreichen Maschinen der A320-Familie. In Hamburg, Bremen, Stade und Buxtehude sind 17.000 Mitarbeiter bei Airbus beschäftigt.

Weitere 12.000 Mitarbeiter sind in der EADS-Rüstungssparte Cassidian in Deutschland tätig - in Manching bei Ingolstadt, wo der Eurofighter gebaut und mit anderen Militärflugzeugen gewartet wird, in Ulm und in Friedrichshafen. Die Cassidian-Zentrale ist im Münchener Vorort Unterschleißheim.

Eurocopter ist Weltmarktführer beim Bau ziviler Hubschrauber und beschäftigt im bayerischen Donauwörth, in Ottobrunn bei München und in Kassel 5200 Mitarbeiter. Die Raumfahrtsparte Astrium schließlich stellt mit 4500 Beschäftigten in Bremen, Friedrichshafen, Lampoldshausen, Ottobrunn und Trauen Satelliten und Trägerraketen her. In Ottobrunn ist auch ein großes Forschungszentrum und ein Teil der EADS-Konzernzentrale.

Als EADS-Vorstandschef hat der Deutsche Tom Enders soeben den Franzosen Louis Gallois abgelöst. Er verlegt die eigentliche Konzernzentrale von Paris und München zu Airbus ins südfranzösische Toulouse.

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mg/afp/rtr/dpa
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