Lufthansa-Pläne Germanwings und die fliegende Currywurst

In Berlin probt die Lufthansa ihren vielleicht letzten Versuch im Billigsegment. Unter neuem Label sollen die bisher defizitären Europa-Direktflüge und die Tochter Germanwings Kunden von Air Berlin, Ryanair und Easyjet abjagen. Die Probleme am neuen Airport könnten dabei sogar nützlich sein.
Alles oder nichts: In einer neuen Billigeinheit der Lufthansa bekommt die Konzerntochter Germanwings eine letzte Chance

Alles oder nichts: In einer neuen Billigeinheit der Lufthansa bekommt die Konzerntochter Germanwings eine letzte Chance

Foto: Oliver Berg/ dpa

Hamburg - Die Lufthansa und Berlin - eine echte Traumkombination ist daraus seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geworden. Erst untersagten die Alliierten der Gesellschaft Flüge in die westdeutsche Exklave. Nach der Wiedervereinigung bot die arme Hauptstadt kaum Potenzial - die Musik spielte für die Kranichairline weiter in Frankfurt, dem Rheinland und München. Lange beschwerten sich die Berliner darüber, dass die Lufthansa so wenig von ihrem alten Stammsitz wissen wollte.

Doch nun das: Seit einigen Monaten verteilen Mitarbeiter des Kultimbiss Curry 36 im Auftrag des Unternehmens Würste an die Berliner, zuweilen kostenlos. Die Botschaft ist klar - die Lufthansa  hat Berlin auf einmal ganz doll lieb.

Zu tun hat dies mit einem Strategieschwenk in der Frankfurter Konzernzentrale. Vorstandschef Christoph Franz und Passage-Chef Carsten Spohr haben Berlin zum Testgebiet für ein neues Kapitel in der Geschichte des Unternehmens auserkoren. Nach Jahren des Zögerns und Zauderns will die Lufthansa nun endlich im Billigsegment angreifen; mit voller Kraft und aus der Mitte des Konzerns. Und wo ginge das besser als in Berlin, das inzwischen nach eigenen Angaben zwar sexy, aber immer noch arm ist?

Eine Revolution für die Kranichairline

Seit diesem Sommer hat die Gesellschaft ihr Angebot in Berlin deutlich ausgeweitet. Nun sind 15 statt neun Flieger in Tegel stationiert, die Zahl der Starts und Landungen stieg um etwa 35 Prozent auf mehr als 1000 in der Woche. Dass diese eigentlich am neuen Großflughafen in Schönefeld stattfinden sollten und nun in Tegel abgewickelt werden müssen, ist für das Unternehmen ärgerlich - doch von seinen Plänen für die Hauptstadt lässt sich das Unternehmen offenbar nicht abbringen.

Das wichtigste Ziel lässt sich auch unter den derzeit widrigen Umständen in Tegel erreichen, sind die Lufthanseaten überzeugt: Kunden billige Punkt-zu-Punkt-Verbindungen auf dem europäischen Kontinent schmackhaft zu machen. Ab 49 Euro geht es one-way zu zahlreichen Zielen in Europa, für die Lufthansa ist das eine kleine Revolution.

Es ist die Blaupause für ein Unterfangen, das unter dem Codewort Direct 4 You bekannt geworden ist. Innereuropäische Direktflüge und das Geschäft der Lufthansa-Billigmarke Germanwings - beide Geschäftsfelder sind defizitär - sollen unter einem Dach Bewegung in den Markt der Low-Cost-Carrier bringen.

Möglich wird der Preisangriff, weil die Lufthansa mit manchem Tabu bricht. So setzt das Unternehmen Leiharbeiter als Kabinenpersonal ein, die nur auf eine abgespeckte Altersversorgung haben. So will der Konzern auf den betroffenen Strecken 20 Prozent Personalkosten einsparen. Auch die 38,5-Stunden-Woche im Konzern hat Chef Franz bereits in Frage gestellt. Zudem optimiert der Konzern die Umläufe seiner Flugzeuge.

Schönefeld-Fiasko belastet Air Berlin stärker als die Lufthansa

Die Zwischenbilanz des Unterfangen fällt positiv aus. "Wir liegen mit unserem neuen Angebot bisher genau im Plan", sagt ein Lufthansa-Sprecher gegenüber manager magazin online. Schwarze Zahlen dürfte das indes noch nicht bedeuten. Die Kranichairline müsse froh sein, wenn sie mit dem Konzept in diesem Segment in einigen Jahren die Gewinnschwelle erreicht, sagt Analyst Sebastian Hein vom Bankhaus Lampe.

"Für die Lufthansa ist das ein Testballon", sagt Hein. "Wenn das Konzept nicht aufgeht, muss man sich fragen, ob weitere Änderungen an der Struktur des Passagiergeschäfts notwendig werden." Das könnte beispielsweise den Abschied von jeglichen Billigambitionen bedeuten.

Einem Ziel kommt die Lufthansa aber schon ein wenig näher: Der ohnehin angeschlagene Hauptkonkurrent Air Berlin  spürt den frischen Wind am Heimatairport. Im Juli flogen 5,9 Prozent weniger Passagiere mit der zweitgrößten deutschen Gesellschaft, obwohl das Unternehmen das Sitzplatzangebot nur um 5,1 Prozent senkte.

Als Grund führte die Airline unter anderem die Luftverkehrsabgabe an, doch die gab es schon im vergangenen Jahr. Tatsächlich dürfte neben dem Desaster um den Hauptstadtflughafen der verschärfte Wettbewerb in Berlin eine wichtige Rolle spielen.

Wie die Lufthansa noch einen drauf setzen könnte

"Für Air Berlin sind die Probleme größer", sagt Analyst Hein mit Blick auf das Chaos um den neuen Flughafen. "Die Lufthansa kann die Probleme geduldig abwarten." Bisher reklamiert Air Berlin mit 33 Prozent Marktanteil den Posten des Platzhirschen in Berlin für sich. Die Lufthansa kommt Branchenkreisen zufolge auf 25 Prozent, Easyjet  auf 15.

Bei ihrem Aufholversuch in der Hauptstadt könnte die deutsche Nummer Eins noch einen drauf setzen. Berlin ist weiterhin als Hauptsitz der neuen Billigeinheit im Gespräch. Das könnte der Hauptstadt einige Hundert Arbeitsplätze bescheren. Das Nachsehen hätte Köln, wo Germanwings bisher residiert. Platzprobleme hätte die Lufthansa in Berlin jedenfalls nicht - die Airline hat im Umfeld des neuen Flughafens nach Informationen von manager magazin bereits große Flächen für Bürogebäude gesichert.

Bis Ende August, wie in Medien kolportiert, werde es zwar keine Entscheidung zu einem möglichen Umzug geben, sagte der Lufthansa-Sprecher. Dies habe jedoch nichts mit dem BER-Fiasko zu tun. Angebote und mögliche Fördergelder würden noch geprüft.

Zieht die neue Tochter tatsächlich an die Spree, wäre dies wohl so etwas wie die endgültige Versöhnung zwischen Lufthansa und Berlin. Die Rolle der Currywurst in diesem Prozess bleibt indes umstritten. Manche Branchenkenner finden die Catering-Idee nicht besonders originell - zumal Air Berlin die Imbissspezialität über den Wolken schon seit vielen Jahren serviert.

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