Compliance in Deutschland "Wir haben Nachholbedarf"

Spätestens seit den Geldwäschevorwürfen gegen HSBC wird der Ruf nach guter "Compliance" wieder laut. Zu Recht, findet Ernst & Young-Partner Stefan Heißner. Denn in Deutschland steht damit längst nicht alles zum Besten.
Von Arne Gottschalck
Banken in London: Zuletzt kam HSBC in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Banken in London: Zuletzt kam HSBC in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Foto: FACUNDO ARRIZABALAGA/ AFP

mm: Compliance - wird das Thema heute in Unternehmen eher über- oder unterschätzt?

Heißner: Wir beobachten, dass sich zunehmend eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Compliance in Deutschland etabliert. Das ist auch gut so, denn wir haben hier Nachholbedarf. Aktuelle Studien belegen, dass in Deutschland immer noch eine gewisse Sorglosigkeit herrscht - zumindest im internationalen Vergleich. Werden dann prominente Fälle öffentlich, überlegt natürlich jeder Topmanager, ob das im eigenen Hause auch hätte passieren können.

mm: Eigentlich erfreulich.

Heißner: Was ich etwas schade finde ist, dass dabei Compliance oder Good Governance meist nur in Richtung Kontrolle diskutiert werden. Wir sprechen viel über Zäune, Maschendraht und Sicherheitssysteme. Das greift aus meiner Sicht zu kurz. Wir müssen das Thema mehr zum Teil einer sinnvollen Unternehmensführung machen und die positiven Wertbeiträge sehen.

mm: Welche Kosten bringt das mit sich - und welche Kosten können entstehen, wenn die Errichtung einer funktionierenden Compliance unterlassen wird?

Heißner: Die Kosten richten sich nach der Komplexität der Aufgabe. Im Verhältnis zu den möglichen Schäden sind die Aufwendungen recht überschaubar. Stellen Sie sich vor, bei ihnen im Unternehmen verschwindet Geld und sie müssen ihre gesamte Buchhaltung auf den Kopf stellen, oder internationale Netzwerke von Scheinfirmen aufdecken und dann auch noch kostspielige Gerichtsprozesse bestreiten. Am Ende können teure Bußgelder, Reputationsverlust und oft das Ende von Karrieren stehen. Die Ansprüche an eine gute Unternehmensführung steigen weltweit - da reichen Bauernopfer häufig nicht mehr aus.

Was kann Compliance, was nicht?

mm: Welche Gefahren lassen sich so abwehren - und welche nicht?

Heißner: Gegen das Fehlverhalten Einzelner wird man sich nie voll und ganz schützen können. Auf jede Möglichkeit, Korruption aufzuspüren, kommen regelmäßig auch neue Techniken der Verschleierung. Da bin ich Realist.

mm: Aber?

Heißner: Eine gesunde Compliance-Kultur in meinem Unternehmen kann mir allerdings sehr früh Hinweise auf abweichendes Verhalten liefern oder sogar verhindern, dass Menschen überhaupt in die Situation geraten, sich non-compliant oder straffällig zu verhalten. Das ist für mich zentral: Compliance-Systeme und Unternehmenskulturen funktionieren nur zusammen wirklich gut. Das muss sich beispielsweise auch im Gehaltsystem und den Karrierewegen ausdrücken. Wir sollten nicht nur Zäune errichten, sondern eben auch positiv die richtigen Anreize setzen!

mm: Man sagt, der Fisch stinkt vom Kopf her. Muss die Unternehmensleitung daher intern Verständnis für Belange der Compliance sorgen?

Heißner: Das ist für mich das zweite ganz wichtige Thema. Alle Führungskräfte vom Executive Board bis zum Teamleiter müssen nicht nur intern verständlich machen, was Compliance für ihr Unternehmen bedeutet. Sie müssen es auch vorleben und mit gutem Beispiel vorangehen. Ein professionelles System einzurichten und zu betreiben ist sicher richtig und eine wichtige Voraussetzung. Gelebt wird dies allerdings nur dann wirkungsvoll, wenn insbesondere die oberste Führung dazu steht und diese Denke zum Teil des Unternehmensalltags macht.

mm: Welche Rolle spielt Compliance eigentlich im Staatswesen, den Amtsstuben?

Heißner: Eine sehr große! Die Diskussion hat sich genau hier im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Damals ging es unter dem Stichwort "Good Governance" darum, Entwicklungsgelder nicht an Staaten zu verteilen, die diese dubios versickern lassen, missbrauchen, Bürgerkriege anzetteln oder ihr Volk ausbeuten. Damals entstanden die Forderungen nach Transparenz und nachvollziehbaren Geldflüssen.

mm: Und heute?

Heißner: Das ist heute noch hochaktuell. Das Grundprinzip ist bei Unternehmen nicht anders - letztlich geht es um Berechenbarkeit und ein gemeinsames Verständnis, wie wir wirtschaften wollen. Wir arbeiten gerade in diesem Zusammenhang unter dem Stichwort "Good Corporate Governance" an einer sehr spannenden Publikation, in der wir genau diesen Brückenschlag von Politik zu Wirtschaft und auch seine positiven Folgen für die Unternehmensführung zeigen möchten.

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