Interview mit Stefan Nägele "Nicht mit fristloser Kündigung"

Der Stuttgarter Anwalt Stefan Nägele kritisiert zu harte Strafen bei vielen Compliance-Fällen.
Von Michael Freitag und Thomas Katzensteiner
Rechtsanwalt Stefan Nägele

Rechtsanwalt Stefan Nägele

mm: Deutschlands Konzerne übertreffen sich gegenseitig im Aufbau der größten und besten Compliance-Systeme. Übertreiben sie ihr Streben nach sauberer Unternehmensführung?

Nägele: Tatsächlich arbeiten wir da sehr deutsch: also gründlich. Die Unternehmen haben Abteilungen eingerichtet, die nichts anderes tun, als nach Fehlverhalten von Arbeitnehmern zu suchen.

mm: Häufig finden sie auch etwas.

Nägele: Natürlich, wer so intensiv sucht, findet auch etwas. Schon, weil er seine Existenz rechtfertigen muss. Aber sehr häufig werden den Mitarbeitern nur Kleinigkeiten angelastet.

mm: Schmiergeld galt früher als lässliche Sünde, wurde - wenn es um Zahlungen im Ausland ging - sogar noch steuerlich begünstigt. inzwischen haben Bestechungsskandale Siemens (Kurswerte anzeigen) und Daimler (Kurswerte anzeigen) drei- bis vierstellige Millionenbeträge gekostet. Da muss man doch genauer hinschauen.

Nägele: Die Zeit der legeren Geschäftspolitik ist schlicht vorbei, und Korruption darf natürlich nicht toleriert werden. Aber unter dem Schlagwort Compliance beschäftigt uns ja heute vor allem die Sektflasche aus der Hotelbar - und eben nicht Bestechung.

mm: Und diese nicht bezahlte Sektflasche, die mit einem Geschäftspartner geleert wur - de, soll keine Folgen haben?

Nägele: Jedenfalls nicht - wie es häufig geschieht - die fristlose Kündigung.

mm: Wer immer nachsichtig ist, ändert nichts.

Nägele: Es wäre besser, einen vernünftigen Mittelweg zu wählen. Denn wer überhart bestraft, bringt die komplette Belegschaft gegen sich auf. Davon hat niemand etwas. Und machen wir uns nichts vor: Haben die Unternehmen erst einmal gekündigt, geht es vor Gericht; und am Ende zahlen sie meistens hohe Abfindungen.

mm: Wann sollten Unternehmen kündigen?

Nägele: Sobald das Strafrecht tangiert wird. Das betrifft etwa Untreue, Betrug und Korruption - aber doch nicht Ausgaben für repräsentative Pflichten.

mm: Gerade im Ausland beschäftigte Manager werden häufig sehr gut bezahlt - und nehmen sich doch immer wieder mehr, als sie dürfen.

Nägele: Da haben sich einige in der Tat kleine Königreiche geschaffen. Aber die Konzerne haben sie auch gewähren lassen. Bedenken Sie stets: Diese Verhaltensmuster entstammen einer Ära, als die amerikanische Börsenaufsicht SEC noch nicht nach Europa schaute. Da durfte man in Rom auf der Spanischen Treppe noch Orgien feiern, ohne dass etwas passierte.

Zum Haupttext: Compliance - Terror der Tugend

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