Freitag, 19. April 2019

Krankenhausmarkt Privatkliniken auf dem Operationstisch

Operateure in Aktion: Der Kampf um Patienten ist entbrannt

Der Krankenhausmarkt kommt in Schwung - auch ohne den vorerst geplatzten Deal zwischen Fresenius und Rhön-Klinikum. Drei Anbieter und die hinter ihnen stehenden Milliardäre ringen um die Dominanz. Das Privatisierungsfieber weicht einem harten Verteilungskampf.

Hamburg - Jetzt ist Bernard große Broermann wieder im Spiel. Der geschäftsführende Gesellschafter der Asklepios-Klinikgruppe hat erfolgreich die Übernahme des Wettbewerbers Rhön-Klinikum durch den Fresenius-Konzern, dem bereits der dritte wichtige Krankenhausbetreiber Helios gehört, verhindert. Nun wollen alle Beteiligten über Lösungen reden, erklärt zumindest Rhön-Gründer und -Großaktionär Eugen Münch. Asklepios hatte als Grund für seinen Kauf von Rhön-Aktien Börsen-Chart zeigen in der Schlussphase des Übernahmeangebots nur angegeben, man wolle "alle Gestaltungsmöglichkeiten offen halten".

"An meiner Analyse, dass die Konsolidierung jetzt kommen muss, hat sich nichts geändert", betont Münch. Früher oder später möge das so sein, stimmt Commerzbank-Analyst Volker Braun zu. Vorerst aber könne Broermanns Giftpille dazu führen, dass Rhön-Klinikum nun mit beiden Wettbewerbern als Aktionären leben müsse, die "jede strategische Initiative blockieren".

Münch hatte bereits auf der Hauptversammlung seines Unternehmens im Juni erklärt, dass zur Vorgeschichte Gespräche unter allen großen Playern gehörten. Die Beteiligten seien sich einig, dass jeder für sich auf Dauer zu klein sei - doch damit erschöpften sich die Gemeinsamkeiten: "Ansonsten wollte jeder den anderen kaufen."

Die von Münch betriebene Einigung unter dem Dach des finanzkräftigen Dax-Konzerns Fresenius Börsen-Chart zeigen war wohl eine einmalige Chance, seine Vision von einem "übergeordneten Netzwerksystem" zu verwirklichen, denn das sei nur als "preiswertes Massensystem" mit einem Marktanteil von 8 Prozent oder mehr möglich. Im deutschen Krankenhausmarkt mit rund 75 Milliarden Euro Jahresumsatz, dem größten Posten der Gesundheitsbranche, machen die privaten Klinikbetreiber einen zwar deutlich wachsenden, aber immer noch geringen Teil vom Kuchen unter sich aus - zu ungefähr gleichen Teilen unter den großen Drei.

Die großen Drei sind ungefähr gleich groß

Asklepios bezeichnet sich selbst als Marktführer - ein Titel, den auch die Wettbewerber beanspruchen könnten. Während Asklepios die meisten Häuser und die meisten Betten zählt, verarztet Helios die meisten Patienten und beschäftigt das Rhön-Klinikum die meisten Angestellten. In punkto Umsatz nehmen sich die drei mit jeweils rund 2,6 Milliarden Euro nicht viel, Helios hat aber leicht die Nase vorn und schlägt mit 270 Millionen Euro den größten Gewinn daraus.

Um Münchs Vision durchzusetzen, wäre wohl kein Konzern so gut geeignet wie Fresenius, dessen Geschäft rund um Krankenhäuser von deren Betrieb über die Lieferung von Blutwäsche- oder Infusionsgeräten organisiert ist. Fresenius' Krankenhauskette Helios glaubt zwar, auch eigenständig in wenigen Jahren auf vier Milliarden Euro Umsatz kommen zu können. Doch vorerst steckt der Konzern in der gleichen Klemme wie Rhön-Klinikum zuvor: Es fehlt an erreichbaren Übernahmezielen.

Eine Milliarde Euro haben die Hessen an neuem Kapital für den Deal eingesammelt, doppelt so viel wie Rhön-Klinikum vor drei Jahren in Erwartung einer Privatisierungswelle als Folge der Finanzkrise. Nur: "Der Privatisierungsboom blieb aus", räumt Münch ein. Und damit ist auch die Wachstums- und Profitquelle der privaten Ketten dahin, die in den vergangenen Jahren immer mehr kommunale Häuser mit Finanzproblemen übernahmen und "den Anfangsrationalisierungsgewinn zum System erhoben", wie Münch es beschreibt. Wenn keine neuen Kaufobjekte kommen, erlahmt das System. Also blieb nur die Konsolidierung der privaten Ketten.

Die großen Drei machen etwa drei Viertel des privaten Krankenhausmarkts unter sich aus, als einziger ernsthafter Verfolger gehören die Sana-Kliniken den privaten Krankenversicherungen, und die kleineren Wettbewerber sind großteils bereits verkauft. So übernahm Helios die norddeutsche Damp Holding und führt nun den branchenüblichen harten Kampf mit der Gewerkschaft Verdi. Zuvor kaufte Asklepios die Mehrheit von Mediclin.

Zu den wenigen verbliebenen unabhängigen Ketten zählt ein Veteran der Branche, die Osnabrücker Paracelsus-Kliniken, laut Eigenwerbung "bereits in der zweiten Generation inhabergeführt - und der Inhaber ist ein Arzt".

Das klingt wie ein Seitenhieb auf Broermann, der als Unternehmensberater in die Branche kam, sowie auf den von Müller auf Betriebswirt umgeschulten Münch. Vor allem klingt es wie eine Absage an jeden Kaufinteressenten. Auch Commerzbank-Analyst Braun argwöhnt, der Übernahmekampf um Rhön-Klinikum könne das operative Geschäft in Mitleidenschaft gezogen haben, weil "die täglichen Pflichten" in den Hintergrund gerieten.

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