Mittelständler schlagen zu Deutsche Firmen profitieren vom Spanien-Ausverkauf

Spanische Unternehmen bekommen wegen der Bankenkrise kaum noch Kredite, die Kriegskassen deutscher Mittelständler hingegen sind gut gefüllt - und das nutzen die hiesigen Unternehmen jetzt aus: Sie ergreifen reihenweise die Chance zu Übernahmen in Spanien.
In der Finanzklemme: Banken geben Spaniens Unternehmen derzeit nur wenig Kredit

In der Finanzklemme: Banken geben Spaniens Unternehmen derzeit nur wenig Kredit

Foto: Pablo Blazquez Dominguez/ Getty Images

Hamburg - Das Angebot aus dem nordspanischen Orejo war ein echtes Schnäppchen, findet Jan Buck-Emden, Geschäftsführer der Duisburger Xella-Gruppe: Eine komplette Gipsfaserplattenfabrik für knapp 15 Millionen Euro. "Es wäre um ein Vielfaches teurer gewesen, ein vergleichbar großes Werk selbst irgendwo auf der grünen Wiese aufzubauen." Das Geschäft der Baustoffgruppe Xella brummt, die Duisburger verkaufen Gipsfaserplatten, Kalk und Kalkstein in die ganze Welt. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, ebenso wie die Unternehmenskasse. "Unser Hauptproblem sind zurzeit Kapazitätsengpässe", sagt Buck-Emden.

Ganz anders beim spanischen Konkurrenten GFB Cantabria: Das Unternehmen hatte sich mit dem Bau der Fabrik in Orejo übernommen. Es rutschte im Laufe der Wirtschafts- und Finanzkrise in die Insolvenz, die Fabrik kam bei einer öffentlichen Auktion unter den Hammer. Xella-Chef Buck-Emden sicherte sich den Zuschlag. "Wir wollen in Spanien für unsere europäischen Exportmärkte produzieren", sagt er.

Die Schnäppchenfabrik kann bis zu zwölf Millionen Quadratmeter Gipsfaser-Platten jährlich produzieren. Oder vielmehr: Sie könnte. "Tatsächlich müssen wir mindestens weitere acht Millionen Euro investieren, bis die Fabrik läuft", sagt Buck-Emden. Die Produktionstechnik ist noch nicht einsatzbereit. Fachkräfte fehlen in der dünn besiedelten Region ebenfalls - Buck-Emden lässt die spanischen Angestellten deshalb jetzt in seinen Werken in Deutschland und den Niederlanden ausbilden. Zeit genug hat er: Erst im Mai 2013 soll die Produktion starten. "Das Umfeld in Spanien ist natürlich gerade nicht einfach. Wir hoffen, dass unsere Zulieferer und Geschäftspartner im Land die Krise überstehen", sagt Buck-Emden. Denn während Xella die Millioneninvestition aus Eigenmitteln stemmen konnte, ist bei vielen spanischen Firmen das Geld knapp. "Die spanischen Banken sind zurzeit kaum bereit, Finanzierungen zu übernehmen", berichtet Buck-Emden.

Die spanischen Banken leiden noch unter den Folgen der Immobilienkrise. Vor allem die regionalen Sparkassen sitzen auf Bergen fauler Kredite und sind auf Staatshilfen angewiesen, um selbst zu überleben. Jetzt wälzen sie ihre Probleme weiter: Die merkliche Kapitalklemme im Bankensektor belastet vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, berichtet Georg Oster, Repräsentant der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI) in Spanien. Jesús Terciado, Verbandsvorsitzende der kleinen- und mittelgroßen spanischen Unternehmern (Cepyme), sagt es drastischer: "Uns geben die Banken keinen Kredit mehr. Günstige schon gar nicht, da können Sie sich auf den Kopf stellen."

"Viele spanische Unternehmen sind bereits unterkapitalisiert", bilanziert GTAI-Repräsentant Oster. Sie verfügten kaum noch über Kapitalreserven und hätten in den vergangenen Jahren drastische Umsatzeinbrüche hinnehmen müssen. Denn rund 95 Prozent der spanischen Unternehmen sind kleine und mittelgroße Betriebe. "Viele Unternehmen sind zu klein, um im Exportgeschäft mitzumischen." Deshalb seien sie jetzt von der Rezession auf dem Heimatmarkt besonders betroffen. "Aber auch die exportorientierten Unternehmen bekommen zunehmend Schwierigkeiten, weil sich die Weltwirtschaft abkühlt, und weil sie ebenfalls unter der Krise im Bankensektor leiden", sagt Oster.

Zahl der Insolvenzen seit 2007 um mehr als 400 Prozent gestiegen

Unternehmen müssten sogar Aufträge ablehnen, weil sie keinen Kredit für notwendige Investitionen und die Vorfinanzierung von Aufträgen bekommen. "Die großen Unternehmen versorgen sich auf den internationalen Kapitalmärkten mit Geld. Die kleinen Unternehmen hingegen arbeiten traditionell mit den regionalen Sparkassen zusammen, die derzeit kaum noch Kredite vergeben."

Die Kombination aus Rezession und Kreditklemme treibt nun immer mehr Unternehmen in die Insolvenz. "Seit 2007 ist die Zahl der Insolvenzen in Spanien um mehr als 400 Prozent gestiegen", berichtet Ludovic Subran, Chefsvolkswirt des internationalen Kreditversicherers Euler Hermes. Besserung sei nicht in Sicht: Allein dieses Jahr würden voraussichtlich rund 7000 weitere Unternehmen in die Insolvenz gehen.

"Insbesondere in der Bauwirtschaft, aber auch im Einzelhandel und im Dienstleistungssektor sind viele Unternehmen von der Pleite bedroht." Es werde Spanien viele Jahre kosten, bis sich die Unternehmenslandschaft von dem dramatischen Einbruch erholt habe. "Es ist ein Teufelskreis", sagt Subran. "Die Unternehmen verfügen über immer weniger Liquidität, gleichzeitig stellen die Banken immer schneller bestehende Kredite fällig." Eigentlich bräuchte Spanien dringend ein staatlich gefördertes Kreditprogramm für kleine und mittelständische Unternehmen, ähnlich wie es in Italien bereits eingeführt wurde. "Bisher ist ein solches Hilfsprogramm aber nicht in Sicht. Spanien konzentriert sich darauf, die Banken zu retten."

Spaniens Klemme arbeitet deutschen Mittelständlern zu

Für deutsche Unternehmen ist der Kapitalengpass der spanischen Mittelständler eine lukrative Chance. Im Aufschwung haben die hiesigen Unternehmen vielfach komfortable Kapitalpolster aufgebaut, die sie jetzt für Zukäufe nutzen können. "Bei der Finanzierung setzt die Mehrheit dann auch auf Eigenkapital, bevorzugt aus dem eigenen Cashflow", beschreibt da Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshauses Deloitte die aktuelle Expansionskraft des deutschen Mittelstands nüchtern. Das Ziel der Zukäufe: Wachstum. Kostenargumente spielten eine untergeordnete Rolle, berichten die Deloitte-Experten nach einer aktuellen Befragung hiesiger Mittelständler.

"Die deutschen Unternehmen nutzen die Krise, um sich strategisch neu zu positionieren und ihre weltweite Expansion voranzutreiben", bestätigt Christoph Himmelskamp, der für die Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Rödl & Partner in Barcelona Unternehmen bei Übernahmen und Fusionen berät. "Spanien ist für viele ein attraktives Ziel, weil es hier gut ausgebildete Fachkräfte gibt und weil viele Unternehmen über gute Verbindungen in die Wachstumsmärkte in Lateinamerika verfügen." Zudem lockt in Spanien jetzt manches Schnäppchen: "Das Geschäft mt Fusionen und Übernahmen hat in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen", sagt Himmelskamp. Vor allem deutsche Familienunternehmen hätten in den vergangenen Monaten in Spanien zugekauft.

Die strategischen Investoren sind durchaus willkommen: "Viele spanische Unternehmer sind jetzt aktiv auf der Suche nach Käufern und Investoren, weil sie ohne frisches Kapital keine Aufträge mehr annehmen können." In einer aktuellen Umfrage der Beratungsgesellschaft gaben mehr als 80 Prozent der befragten Banken und Finanzdienstleister im Land an, dass sie in den kommenden Monaten mit einer steigenden Zahl von Übernahmen und Fusionen rechnen. Und: Spanische Betriebe sind billig wie nie. "Die Kaufpreise liegen im Vergleich zum Unternehmenswert derzeit sehr niedrig", sagt Himmelskamp.

Firmenkäufer Traumann: "Vor der Krise wäre das teurer gewesen"

Auch Christian Traumann hat die Gelegenheit genutzt: Der Geschäftsführer des Verpackungsmaschinenherstellers mit Sitz im Allgäu hat den kleineren spanischen Konkurrenten Mobepack übernommen. "Vor der Krise wäre sowohl das Unternehmen selbst als auch die dazugehörige Immobilie deutlich teurer gewesen", sagt Traumann. Bisher unterhielt Multivac in Spanien nur eine Vertriebs-und Servicegesellschaft. Durch die Übernahme kann Traumann jetzt direkt in Spanien produzieren - so will er einem Hauptwettbewerber mit Sitz in Spanien schärfere Konkurrenz machen.

"Der spanische Lebensmittelmarkt ist ein wichtiger Abnehmer für Verpackungsprodukte", erklärt er. Weil der Markt durch die Krise drastisch eingebrochen sei, werde es zwar etwas länger dauern, bis sich die Investition rechne. "Wir erwarten aber, dass der Lebensmittelmarkt schon im kommenden Jahr wieder wachsen wird", sagt er. "Kleineren Kunden müssen wir zurzeit häufig noch Finanzierungshilfen anbieten, damit ein Auftrag zustande kommt. Aber die Großunternehmen haben bereits wieder begonnen, zu investieren."

Deutsche Unternehmer sind allerdings nicht die einzigen Schnäppchenjäger in Spanien. "Wir beobachten derzeit eine steigende Präsenz von Fonds und strategischen Investoren aus dem Mittleren Osten, aus China, Japan, Korea sowie Indien", berichtet Leif Zierz, Leiter der Abteilung Transaktionen und Restrukturierung bei der Beratungs- und Prüfungsgesellschaft KPMG. Chancen ergeben sich vor allem für Investoren mit viel Eigenkapital - wie eben den deutschen Mittelständlern: "In Spanien sind die Finanzierungsmöglichkeiten derzeit beschränkt. Folglich wurden viele Transaktionen in den vergangenen Monaten komplett mit Eigenkapital finanziert", sagt Zierz. Insbesondere die Gesundheitswirtschaft, die Energie- und Nahrungsmittelbranche seien sowohl für strategische Investoren als auch für Finanzdienstleister interessant.

Neue Kunden in Lateinamerika gleich mit eingekauft

Für deutsche Unternehmen auf Wachstumskurs sind oft vor allem bestehende Geschäftsbeziehungen der Übernahmekandidaten nach Lateinamerika ein Kaufgrund. "Von Spanien aus haben wir Zugang zum mittelamerikanischen Markt und sind trotzdem nah an unserem deutschen Heimatmarkt", sagt etwa Marc Pelzer, Geschäftsführer des Wuppertaler Automobilzulieferers Happich.

Im Juni übernahm er den alteingesessenen spanischen Zulieferer Auto Carrocerias Riu, der wie die Wuppertaler Teile und Komponenten für Karosserien von Industriefahrzeugen und Bussen spezialisiert ist. "Das Unternehmen war trotz der Krise kein echtes Schnäppchen", sagt Pelzer. Im Gegensatz zu Automobilzulieferern, die den Pkw-Markt beliefern, sei die Busbranche weniger unter Druck, die Umsatzeinbrüche bleiben im Rahmen. "Der Betrieb ist finanziell solide aufgestellt, der Cash-Flow trotz des Umsatzrückgangs positiv." Sogar ein neuer Kontokorrentkredit bei einer spanischen Bank sei nach der Übernahme möglich gewesen, wenn auch zu deutlich höheren Zinsen als in Deutschland. "Viele der kleinen und mittelgroßen Unternehmen in Spanien sind natürlich deutlich härter von der Krise betroffen", sagt Pelzer. "Ich bin aber sehr optimistisch, dass sich der spanische Mittelstand erholen wird. Die Produktionsbedingungen vor Ort sind gut, es gibt viele qualifizierte Fachkräfte."

GTAI-Experte Oster ist da vorsichtiger. Es lohne sich auf jeden Fall, den Markt zu beobachten und nach Schnäppchen Ausschau zu halten. "Allerdings sollten deutsche Unternehmen auch im Blick haben, dass sich die spanische Realwirtschaft erst dann wirklich erholen wird, wenn der Bankensektor wieder funktioniert."

Wer deshalb nicht direkt das Risiko einer Übernahme auf sich nehmen wolle, könne stattdessen auf Partnerschaften mit spanischen Unternehmen setzen. Finanzkräftige Geschäftspartner seien gern gesehen, sagt Oster. "Deutsche Unternehmen können zum Beispiel über Finanzhilfen für Zulieferer und Geschäftspartner nachdenken."