Chemiefirmen Investitionen nach Deutschland verlagert

Die Bundesrepublik bleibt ein Fels in der Brandung: Laut einer Umfrage sinkt die Bereitschaft deutscher Chemieunternehmen deutlich, in anderen westeuropäischen Ländern zu investieren. In Deutschland aber wollen sie weiter expandieren - und neue Stellen schaffen.
Von Kristian Klooß
Raffinerie der Süd-Chemie: 93 Prozent der Führungskräfte in der Branche sind zufrieden mit dem Standort Deutschland

Raffinerie der Süd-Chemie: 93 Prozent der Führungskräfte in der Branche sind zufrieden mit dem Standort Deutschland

Hamburg/Mannheim - Trotz der Sorgen um Griechenland, Spanien und die Zukunft der Euro-Zone bezeichnen 93 Prozent der Führungskräfte der chemischen Industrie die Standortbedingungen in Deutschland als "gut" oder "sehr gut". Dies ist das Ergebnis des aktuellen CHEMonitors, der auf einer Umfrage des Beratungsunternehmens Camelot Management Consultants basiert und manager magazin online exklusiv vorliegt.

Demnach glaubt die überwiegende Mehrheit der befragten Manager, dass das Umfeld auch in den kommenden Monaten positiv bleibt, Umsatz und Gewinn steigen, zusätzliche Stellen geschaffen und neue Investitionen getätigt werden. Allerdings, so eine der Kernaussagen der Umfrage, führt die Euro-Krise zu einer deutlichen Verlagerung von Investitionen innerhalb Europas zu Gunsten Deutschlands.

"Die Zufriedenheit mit dem Standort Deutschland befindet sich auf dem zweithöchsten Wert seit dem Allzeithoch der letzten CHEMonitor-Umfrage zu Beginn des Jahres", sagt Josef Packowski, Managing Partner der Camelot Gruppe. Ähnlich wie bei der Konjunkturentwicklung setze sich Deutschland aber weiter vom Rest der Euro-Zone ab.

So legte der Standort Deutschland innerhalb Europas bei den geplanten Investitionen zuletzt deutlich zu: "Drei Viertel aller Chemiemanager wollen in Deutschland investieren. Das sind fast genauso viele wie vor der Krise", sagt Packowski. Die Bereitschaft, in den anderen westeuropäischen Länder zu investieren, nimmt dagegen deutlich ab: Wollten vor fünf Jahren noch mehr als 20 Prozent der deutschen Chemieunternehmen in den westeuropäischen Ländern außerhalb Deutschlands investieren, sind es jetzt nur noch 4 Prozent.

Nord- und Südamerika sind die klaren Gewinner

Befragt nach ihren Investitionsplänen, hält eine Mehrheit der Manager von kleinen und mittleren Unternehmen (87 Prozent) an ihren Investitionsplänen für Europa - inklusive Deutschland - trotz der Eurokrise fest oder plant zusätzliche Investitionen. Bei den großen Chemieunternehmen sinkt dieser Anteil auf 58 Prozent.

Ein Grund für diese Unterschiede: Je größer die Unternehmen sind, desto globaler sind sie ausgerichtet und desto weniger wichtig ist daher tendenziell der europäische Markt.

Eine generelle Verlagerung von Investitionen aus Europa heraus sei aber nicht zu erwarten, so Packowski. Abgesehen vom eigenen Land hätten lediglich Nord- und Südamerika in der Gunst der deutschen Chemiemanager zugelegt. "Bei den geplanten Investitionen außerhalb Europas sind Nord- und Südamerika die klaren Gewinner." Die Investitionen in Wachstumsmärkten wie China blieben hingegen auf hohem Niveau konstant oder seien wie im Fall Indien sogar rückläufig. Im Vergleich zu den Jahren vor der Krise, als Asien eine wesentlich größere Rolle spielte als Amerika, habe folglich eine erneute Verschiebung stattgefunden, so Packowski.

Rohstoffknappheit bedeutsamer als Euro-Krise und Iran-Konflikt

Ein weiteres Ergebnis des aktuellen CHE-Monitors: Die Anteile jener Unternehmen, die auf organisches Wachstum setzen, ist so hoch wie nie seit dem Beginn der Umfrage im Jahr 2007. "Der Anteil der Unternehmen, die ausschließlich Unternehmenszusammenschlüsse und Übernahmen planen, ist praktisch auf null gesunken", sagt Chemie-Experte Packowski. Die deutschen Unternehmen sähen sich offensichtlich in der Lage, das angestrebte Wachstum aus eigener Kraft zu stemmen. Diese äußerst positive Erwartungshaltung sei noch nicht durch die Euro-Krise oder die allgemeine Konjunkturabschwächung getrübt.

"Diese Einschätzung wird durch die geplanten Investitionen unterstrichen", sagt Packowski. So wolle knapp die Hälfte der Chemiemanager unverändert investieren, weitere vierzig Prozent ihre Investitionsausgaben sogar steigern.

Bei der Einschätzung der drohenden Wachstumsrisiken sehen die befragten Entscheider steigende Rohstoffpreise mit Abstand als die größte Herausforderung (72 Prozent). "Aktuelle politische Bedrohungen wie ein mögliches Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone oder eine militärische Eskalation des Irankonflikts spielen dagegen kaum eine Rolle", sagt Packowski.

VCI geht von einer Aufholjagd aus

Insgesamt decken sich die Ergebnisse des CHE-Monitors mit den jüngsten Umfragen von Chemieverbänden. So meldete etwa der Verband der Chemischen Industrie (VCI) Mitte Mai, dass die Branche die aktuelle Geschäftslage positiver einschätze als noch in den Monaten zuvor. Die deutsche Chemieindustrie ziehe nach einer monatelangen Schwächeperiode wieder an, so der Verband. Im ersten Quartal dieses Jahres wuchs die Produktion gegenüber dem Vorquartal laut VCI um 1,5 Prozent. Grund, so der VCI, war die stärkere Nachfrage aus dem Inland, aber auch aus den asiatischen Schwellenländern und den USA. Der Wert lag aber noch 4 Prozent unter dem sehr starken ersten Quartal 2011. Seit Mai vergangenen Jahres war die Produktion stetig zurückgegangen.

Der VCI geht von einer Aufholjagd aus und hofft, die Trendwende geschafft zu haben. Unverändert lautet die Prognose für 2012 auf eine im Vergleich zum Vorjahr konstante Produktion. Bei einer Preissteigerung von einem Prozent soll der Umsatz im Jahr 2012 um ein Prozent auf den neuen Rekordwert von 186 Milliarden Euro wachsen.

VAA vergibt bessere Noten an Chemiekonzerne

Die guten Aussichten schlugen sich zuletzt auch in der aktuellen Befindlichkeitsumfrage des Verbandes angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie (VAA) nieder, über die das manager magazin Ende Mai exklusiv berichtet hatte. Im Zuge der Untersuchung bewerteten mehr als 2100 Verbandsmitglieder ihre Arbeitgeber in sechs Kategorien. Dabei gaben sie den 25 beteiligten Konzernen im Schnitt bessere Noten als 2011. Lediglich beim Kriterium Arbeitsbedingungen stagnierten die Werte.

Spitzenreiter der Zufriedenheitsskala bei den Unternehmen war in diesem Jahr erstmals die BASF . Die inländischen Mitarbeiter des Chemiekonzerns vergaben im Schnitt die Note 2,6. Danach folgten Boehringer Ingelheim (Note 2,61) und Lanxess  (2,68).

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