Donnerstag, 14. November 2019

Euro-Zone Im Mittelstand geht die Angst um

Drachme-Gedenktafel: Die griechische Währung könnte für die Hellenen wieder Wirklichkeit werden

Immer mehr Experten rechnen mit dem Euro-Austritt Griechenlands. Die Folgen für die deutsche Wirtschaft scheinen überschaubar. Doch die Angst, dass das griechische Virus den wichtigen Handelspartner Spanien erwischt, wächst. Wie sich Firmen wappnen.

Hamburg - Bleibt Griechenland oder wird es die Euro-Zone verlassen? Es scheint so, als sei die "Schicksalswahl" am 17. Juni keine Richtungsentscheidung mehr, sondern nur noch eine Etappe auf einem vorgezeichneten Weg. Immer mehr Experten sind überzeugt, dass die Helenen im Euro-System keine Zukunft mehr haben.

"Ich rechne fest mit dem Austritt. Innerhalb des Euro-Regimes sehe ich für Griechenland keine Wachstumschancen", sagt zum Beispiel DIW- Konjunkturexperte Karl Brenke. Genauso sehen es Ifo-Chef Werner Sinn oder auch Ex-Bundesbanker Thilo Sarazzin.

Die Rückkehr zur Drachme mit einer drastischen Abwertung scheint vorgezeichnet. Das wird weitere harte Reformen nicht ersetzen, aber nur so könne Griechenland einen Teil seiner Wettbewerbsfähigkeit zurückerlangen, sind die Experten überzeugt.

Klar scheint damit auch: Deutsche Firmen, die jetzt noch auf unbezahlten Rechnungen sitzen, werden dann ihre Forderungen gegenüber griechischen Geschäftspartnern "in spürbarem Umfang" abschreiben müssen, sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW). "Das Risiko von Zahlungsverzögerungen und Totalausfällen wird in den nächsten Monaten steigen", warnt ebenso Außenhandelspräsident BGA-Chef Anton Börner .

Zwar bleiben die Forderungen in Euro bestehen, doch gilt als wahrscheinlich, dass die Rechnungen nach einer Abwertung der Drachme zum Euro nur noch zu 50 oder 60 Prozent beglichen werden können. Diese Ausfälle werden deutsche Mittelstandler aber nicht vermehrt in Pleite führen, ist Ohoven zugleich überzeugt. Zu klein, zu unbedeutend sei Griechenland für die deutsche Wirtschaft, als dass sein Euro-Austritt die hiesigen Unternehmen reihenweise umwerfen könnte, glaubt auch Börner.

Die Ausfuhren nach Griechenland sinken seit Jahren: In 2011 auf rund fünf Milliarden Euro und damit 0,5 Prozent aller Ausfuhren. Für nicht einmal zwei Milliarden Euro importierte Deutschland Waren aus Hellas. Mit 1,8 Milliarden Euro nehmen sich die Forderungen deutscher Firmen gegenüber Griechenland laut März-Statistik der Bundesbank auch vergleichsweise unbedeutet aus.

Zugespitzte Schuldenkrise drückt Stimmung im Mittelstand dramatisch

Ganz anders Spanien, das vor allem unter der hohen Verschuldung der Banken und Privathaushalte in Folge der geplatzten Immobilienblase leidet und am Dienstag erstmals offen Refinanzierungsprobleme einräumte.

Deutsche Firmen lieferten 2011 Waren im Wert von 34,9 Milliarden Euro (plus 1,8 Prozent) auf die iberische Halbinsel und führten Güter für 22,5 Milliarden Euro (plus 2,6 Prozent) ein. Zwar rutschten in den beiden vergangenen Quartalen die Ausfuhren ab, bei weitem aber nicht so stark wie im Falle Griechenlands.

Mit 34,2 Milliarden Euro offener Forderungen spielt Spanien für deutsche Unternehmen ebenfalls eine viel gewichtigere Rolle.

Folglich verängstigt zeigen sich deutsche Unternehmen, dass das griechische "Virus" noch stärker auf südeuropäische Krisenländer übergreifen und die Schuldenkrise eskalieren könnte. Laut KfW hat sich die Stimmung im deutschen Mittelstand im Mai drastisch eingetrübt. Dabei schätzen die Mittelständler sowohl ihre aktuelle Geschäftslage als auch ihre Erwartungen deutlich schlechter ein. Gegenüber dem Vormonat sank das Geschäftsklima um 5,7 Zähler auf 12,9 Punkte. KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch hat der starke Rückgang überrascht. Er sieht darin Zeichen einer "Panikattacke".

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