Spanien, Italien, Portugal Rezession hält Süd-Konzerne im Würgegriff

Die Schuldenkrise in Südeuropa trifft die dortigen Konzerne mit voller Wucht. Vielen wachsen die Schulden über den Kopf, das Geschäft läuft schlecht, und neues Geld ist teuer. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu großen Pleiten, Fusionen und Übernahmen kommt.
Kraftwerk des italienischen Energieriesen Enel in der Slowakei: Für die Versorger Südeuropas geht es bergab

Kraftwerk des italienischen Energieriesen Enel in der Slowakei: Für die Versorger Südeuropas geht es bergab

Foto: AFP

Hamburg - Große Energiekonzerne gelten in Krisenzeiten seit jeher als sicherer Hafen für Investoren. Versprechen sie doch stete Einnahmen - Fernsehen, Licht und Kühlschränke brauchen die Leute immer, so die Annahme.

Bei den Versorgern Südeuropas will derzeit indes fast niemand mehr vor Anker gehen. Kontinuierlich geht es bergab mit den Kursen, egal, ob bei Enel , Endesa , Iberdrola  oder Energias de Portugal (EdP). Das Geschäft auf den überwiegend wichtigen Heimatmärkten läuft schlecht, die Finanzierungskosten steigen, die Schulden werden einfach nicht weniger. Ein Teufelskreis droht in Bewegung zu kommen.

"Die Versorger können mit ihren Kraftwerken nicht einfach weglaufen", sagt Energiebranchenexperte Thomas Deser, Portfolio-Manager bei Union Investment. Die meisten südeuropäischen Energiekonzerne würden aufgrund des höheren Länderrisikos mit einem Abschlag von 25 bis 30 Prozent gegenüber nord- und mitteleuropäischen Versorgern gehandelt.

Gleichgewichte verändern sich

Mit voller Wucht schlägt die Schuldenkrise inzwischen auf die Konzerne Südeuropas durch, betroffen ist längst nicht allein die Energiewirtschaft. Das belegt schon der Blick auf die Aktienindizes. Der spanische Ibex hat seit einem Jahr gut 40 Prozent verloren, ähnlich erging es dem Mailänder MIB. Zum Vergleich: der Dax hat lediglich 20 Prozent seines Werts abgegeben.

Die Zahlen zeigen, wie sich gerade die Gleichgewichte in der europäischen Unternehmenslandschaft verändern. Der Süden verliert, der Norden gewinnt - auf diese Formel lässt sich die Lage auch mit Blick auf viele Firmen bringen.

Beispiel Telefonica : Der spanische Kommunikations-Platzhirsch muss seine Nettoschulden in Höhe von knapp 60 Milliarden Euro dringend reduzieren, sie machen inzwischen mehr als das Doppelte vom Eigenkapital und das Dreifache des operativen Gewinn aus. Die Werte bei der (nord-) europäischen Konkurrenz liegen deutlich darunter.

Deshalb will der Konzern laut der Nachrichtenagentur Bloomberg etwa 20 Prozent seiner deutschen Mobilfunktochter O2 an die Börse bringen, die etwa acht bis zehn Milliarden Euro wert ist. Auf diese Weise sollen weitere Herabstufungen durch Ratingagenturen vermieden werden.

Die Notmaßnahme ist auch erforderlich, weil vom laufenden Geschäft wenig zu erwarten ist. Gerade erst hat das Unternehmen wieder vier Millionen Kunden in Spanien verloren. Viele davon setzen auf kostenlose Internettelefonie, weil ihr Einkommen sinkt oder sie bereits den Job verloren haben. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit gibt es für verstorbene Altkunden oft keinen Ersatz.

Scheintote spanische Baukonzerne

Speziell spanische Firmen sind stark verschuldet. "Nach dem Bauboom befinden sich viele spanische Unternehmen in einem langwierigen Anpassungsprozess", sagt Fondsmanager Thomas Meier von der Dekabank, der auf europäische Aktien spezialisiert ist. "Unternehmen, die nicht schnell den Standort wechseln können, stark verschuldet sind und sich in hohem Maße refinanzieren müssen, leiden besonders."

So weisen 20 der 35 im Madrider Aktienindex Ibex notierten Firmen eine Nettoverschuldung auf, die das Eigenkapital übersteigt. In einem gesunden wirtschaftlichen Umfeld muss das nicht bedrohlich sein. "In Deutschland gilt eine höhere Verschuldung oft als Ausweis guter Bonität", heißt es bei einer Ratingagentur sogar.

Im kriselnden Spanien verunsichert die Quote Investoren und Kreditgeber, die selbst angeschlagen sind. Neues Geld gibt es unter diesen Voraussetzungen für Süd-Konzerne seltener - und es ist teurer. Ähnlich wie bei Staatsanleihen findet das Geld nur schwer den Weg in den Süden, wo es am dringesten benötigt würde.

Wie die Staaten, so die Unternehmen

Nicht nur die Staaten müssen also sparen, viele Unternehmen mit Fokus auf den Heimatmarkt stehen ebenfalls unter Druck. Schwer lasten die Schulden von Spanien beispielsweise auf der Supermarktkette Distribuidora Internacional de Alimentacion, vor allem aber auf den zahlreichen im Ibex notierten und abgestürzten Baukonzernen. Zu den Scheintoten zählen Firmen wie Sacyr-Vallehermoso , Abertis , Obrascon Huarte Lain und ACS . Letzteres Unternehmen ist bekanntlich bereits die Flucht nach vorn angetreten und versucht sich mit der feindlichen Übernahme des Essener Konzerns Hochtief  zu retten.

Firmen aus der Energiewirtschaft haben derartige Möglichkeiten kaum - bezahlbare und ausreichend Profitable Übernaheziele im Norden dürften für Enel und Co. kaum ausfindig zu machen sein. Gleichzeitig leiden sie daheim darunter, dass mit dem Bauboom zugleich die Nachfrage nach stromfressenden Klimaanlagen eingebrochen ist. Zudem bürdet ihnen der Staat wie in Spanien Sonderabgaben auf oder verlangt die Einführung eines Sozialtarifs.

"Politiker halten gern die Hand auf", sagt Union-Investment-Mann Deser. "Doch viele Regierungen verkennen, dass Investitionen eine gewisse Eigenkapitalrendite zulassen müssen."

Besonders hart setzt die gegenwärtige Lage dem größten italienischen Versorger zu. "Enel trifft die Krise doppelt", sagt Deser. Das Unternehmen hat auf dem Heimatmarkt bereits genug Probleme, und schlägt sich zudem mit seiner spanischen Beteiligung Endesa herum. Etwas besser sieht es bei Iberdrola aus, die auch in Nordeuropa und den USA aktiv sind.

Wer greift zu: Nordeuropäer oder Chinesen?

Wie weitreichend die Folgen sein werden, lässt sich bisher nur erahnen. Spätestens bei einem Euro-Austritt von Staaten wie Griechenland, Portugal oder Spanien könnte sich die Machtstruktur zugunsten von Firmen in den Starkwährungsländern Europas verschieben. "Ein Euro-Austritt einzelner Staaten wäre für viele Versorger ein besonderes Problem, weil die Branche sehr kapitalintensiv ist", sagt Deser. Viele Kraftwerke sind langfristig finanziert - und zwar in Euro.

Wie stark der Vertrauensverlust selbst solide Unternehmen nach unten reißen kann, zeigt das Beispiel der griechischen Telefongesellschaft OTE, die zu 40 Prozent der Deutschen Telekom  gehört. Händler wetteten zuletzt zuhauf auf einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, indem sie massenhaft Kreditausfallversicherungen kauften und auf diese Weise deren Kurse nach oben trieben.

Dahinter steht der Gedanke, dass selbst eine Telefongesellschaft ohne Euro in den Abgrund gerissen würde. "Investoren preisen ein großes systemisches Risiko ein - mit Fundamentaldaten hat das aber wenig zu tun" sagte Andrew Sheets, Chef der europäischen Kreditstrategie bei Morgan Stanley.

Portugiesischer Präzedenzfall

Treten einzelnen Länder aus dem Euro aus, dürfte dies Pleiten, aber auch Fusionen und Übernahmen nach sich ziehen. "Chinesische Unternehmen könnten in einer solchen Situation zuschlagen", sagt Deser mit Blick auf den Energiesektor. Den Präzedenzfall gibt es bereits: Im Dezember 2011 kaufte die China Three Gorges Corporation dem portugiesischen Staat einen 21-Prozent-Anteil Versorger EdP ab.

Auch staatlich protegierte Versorger aus Frankreich hätten für derartige Akquisitionen möglicherweise das nötige Kleingeld, während andere wie die deutsche RWE  noch damit beschäftigt sind, ihre Desinvestitionsprogramme abzuschießen. Eon  ist dabei schon weiter, doch haben die Aktionäre vermutlich wenig Appetit auf südeuropäische Firmen, zumal Synergieeffekte erfahrungsgemäß nicht zu erwarten sind.

Doch spätestens, wenn die Krise ihren Höhepunkt überschritten hat, dürfte das Wettrennen um die besten Firmen in Südeuropa beginnen, ist Deka-Mann Meier überzeugt. "Sobald eine Lösung da ist, wird es interessant, Unternehmen zu kaufen und Standorte zu eröffnen."

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