Trendwende in den USA Die sozialen Unternehmer kommen

Ausgerechnet im Hort des Kapitalismus, den USA, bricht eine Generation von Unternehmern auf, die nicht in erster Linie auf Profit schielt. Social Entrepreneurs wollen auch Erfolg für die Gesellschaft. Jetzt könnte die Bewegung zu einem starken Trend werden - dank der sozialen Medien.
Von Christine Mattauch
Kinder vor Golden Gate Bridge: Die neue vernetzte Generation will mehr als nur Geld verdienen

Kinder vor Golden Gate Bridge: Die neue vernetzte Generation will mehr als nur Geld verdienen

Foto: Eric Risberg/ AP

New York - Charlie Javice ist 19 Jahre alt und Unternehmerin. Ihre Ziele allerdings unterscheiden sich von denen anderer Gründer. "Ich will die Welt verändern", sagt die dunkelhaarige Teenagerin, die an der elitären Wharton Business School in Philadelphia studiert. Ihr Internetportal "Poverup" hilft jungen Leuten, die sich genauso definieren wie Javice selbst: als "Social Entrepreneurs".

Diese "sozialen Unternehmer" sorgen sich erklärtermaßen nicht nur ums eigene Wohlergehen, sondern auch um das der Gesellschaft. Das Genre hat Konjunktur - ausgerechnet in den USA, dem Hort des Kapitalismus. Kurse und Wettbewerbe für Nachwuchsgründer, die mehr wollen als Geld verdienen, gehören inzwischen zum Standardangebot amerikanischer Universitäten und Business Schools.

So populär ist das Unternehmertum Light geworden, dass mehrere Bundesstaaten eine eigene Rechtsform dafür eingeführt haben - die Benefit Corporation. Kritiker fragen sich allerdings, wo die Grenze verläuft zu normalen Unternehmen einerseits und gemeinnützigen Initiativen andererseits - und ob die neue Bewegung nicht nur ein geschicktes Marketinginstrument ist.

Der Global Entrepreneurship Monitor aus London beziffert den Anteil der sozialen Unternehmer in den USA auf 5 Prozent der arbeitenden Bevölkerung (Deutschland: 1,6 Prozent), wobei der Begriff außerordentlich breit interpretiert wurde. Trotzdem ist das eine unerwartete Entwicklung, zumal bei einer Generation, die mit mehr Technik aufgewachsen ist als irgendeine andere vor ihr und von der viele erwartet haben, dass sie sich mehr für abgefahrene Apps interessiert als für das Gemeinwohl.

Mindestens 500 Hochschulen bieten Spezialkurse an

Doch offenbar passiert das Gegenteil. "Durch die Vernetzung auf Facebook  und Twitter kriegen die jungen Leute auf einer sehr persönlichen Ebene mit, was in der Welt passiert", sagt Jill Kickul, Direktorin des Social Entrepreneurship Programms an der Stern School of Business der New York University. "Sie wissen über Armutsraten ebenso Bescheid wie über Müllprobleme. Und sie wollen etwas dagegen tun."

Charlie Javice zum Beispiel unterrichtete schon als Schülerin in Thailand ehrenamtlich Englisch. "Das war okay, aber um die Startchancen der Menschen wirklich zu verbessern, muss man mehr tun", erkannte sie. Sie begann sich über Microfinancing zu informieren, Kredite für die Ärmsten der Armen. An der Wharton School der University of Pennsylvania belegte sie ein Entrepreneur-Programm, das Kurse in der "Mehrung gesellschaftlichen Wohlstands" gibt und bei der Gründung sozialer Unternehmen hilft. So entstand mit Poverup eine Plattform, welche die eigene Szene mit Informationen über Jobs, Investitionsmöglichkeiten und Zuschüsse versorgt.

Mindestens 500 Hochschulen bieten Kurse im sozialen Unternehmertum, schätzt Kickul. Ihr Arbeitgeber, die Stern School of Business, veranstaltet zusätzlich regelmäßig eine Konferenz, an der im vergangenen Jahr mehr als 200 Social Entrepreneurs teilnahmen; außerdem schreibt sie eine "Social Venture Competition" mit 5000 Dollar Preisgeld aus. Die Elitehochschule Yale bietet das Wahlfach "Global Social Enterprise", dessen Teilnehmer in Afrika Unternehmen beraten. Selbst die konservative Hochburg Stanford hat einen Wettbewerb für gesellschaftlich wertvolle Businesspläne aufgelegt, der inzwischen ebenso viele Teilnehmer anzieht wie der für E-Companies.

Geld für sich selbst und die Angestellten

Amerika wäre nicht Amerika, wenn die jungen Wohltäter ihr Engagement nicht mit Geschäftssinn paarten. Prue Barrett, die über ihre Brooklyner Firma Agrodolce selbstgemachte biologische Chutneys vertreibt und sich als soziale Unternehmerin bezeichnet, sagt offen: "Ich bin keine Wohlfahrtorganisation. Ich mach das, um Geld zu verdienen." Sie wolle aber erreichen, dass es nicht nur ihr selbst gut gehe, sondern auch ihren Mitarbeitern - derzeit drei Teilzeitkräften - und den Kunden.

Das freilich wollen auch viele normale Selbstständige. "Jedes Unternehmen hat eine endlose Zahl von Möglichkeiten, sich sozial verantwortlich zu verhalten - durch familienfreundliche Arbeitszeiten, Energieeinsparung, nützliche Produkte", befindet Tina Seelig, Direktorin des Technology Ventures Program an der Ingenieurwissenschaftlichen Fakultät von Stanford. "Der Term 'Social Entrepreneur' impliziert, dass traditionelle Unternehmer der Gesellschaft keinen Nutzen bringen - was einfach nicht wahr ist."

Nach der traditionellen Lehre schafft jedes Unternehmen Mehrwert und der Wettbewerb sorgt dafür, dass die Segnungen letztlich der ganzen Gesellschaft zu Gute kommen.

Nur ein Marketing-Label?

Ist also das soziale Unternehmertum in erster Linie ein Marketing-Label? Schließlich gibt es für diejenigen, die ausdrücklich nicht profitorientiert arbeiten wollen, schon lange eine Alternative: die gemeinnützige Organisation. Protagonisten der Szene jedoch argumentieren, dass die Zeiten des "Entweder-Oder" vorbei seien. Doch die Antwort auf die Frage, wo genau die Grenze des sozialen Unternehmertums verläuft, fällt auch ihnen schwer. "Es ist leichter zu sagen, welche Unternehmen keine Social Entrepreneurs sind", findet Patrick Fitzgerald, der mehrere Social Ventures angestoßen hat, darunter eine "Recycle Bank" und ein Car-Sharing-Unternehmen. "Wenn eine T-Shirt-Firma einfach nur 10 Prozent ihrer Profite spendet, reicht das nicht aus."

Für mehr Klarheit soll die Rechtsform der "Benefit Corporation" sorgen, die bereits in sieben US-Bundesstaaten eingeführt wurde. Es ist eine noch wenig bekannte Nische, doch Nachfrage besteht: Als das Gesetz im Staat New York am 10. Februar 2012 in Kraft trat, beantragten noch am gleichen Tag 13 Unternehmen eine Umfirmierung. In acht weiteren Bundesstaaten sind Gesetzinitiativen auf dem Weg.

Fließende Grenzen

Fließende Grenze zwischen normalen und sozialen Unternehmen

Hauptunterschied zu einer traditionellen Firma: Die Geschäftsführung ist nicht ausschließlich dem Shareholder-Value verpflichtet, sondern muss auch Kriterien berücksichtigen wie das Wohl der Mitarbeiter, ökologische Verträglichkeit und Interessen von Anliegern. Damit ist es leichter, feindliche Übernahmen durch Großkonzerne abzuwehren.

Hätte es die Benefit Corporation vor 15 Jahren schon gegeben, dann wären die Alt-Hippies Ben Cohen und Jerry Greenfield vielleicht immer noch selbstständig. Ihre Eiskremfirma Ben & Jerry's wurde im Jahr 2000 per Gerichtsbeschluss gezwungen, ein Übernahmeangebot von Unilever  zu akzeptieren, weil das den Aktionären die höchsten Gewinne einbrachte - auch wenn es nicht zur Firmenphilosophie passte.

Die Greystone Bakery in New York, die Ben & Jerry's noch heute beliefert, hat sich auch wegen dieser Erfahrung für die Zulassung einer "Benefit Corporation" eingesetzt. "Wir sind stolz, als eines der ersten eingetragenen sozialen Unternehmen Geschichte zu machen", sagt Geschäftsführer Mike Brady.

Dabei zeigt gerade Greystone, dass die Grenze zwischen "normaler" und "sozialer" Unternehmung fließt: 1982 vom Zen-Buddhisten Bernie Glassman gegründet und mitten in der Bronx angesiedelt, um in dem Problem-Stadtteil Arbeitsplätze zu schaffen, wird die Großbäckerei heute von einem früheren Price-Waterhouse-Coopers-Consultant geführt und hat ihren Sitz nördlich von New York City, in Yonkers.

Wem das Formaljuristische nicht reicht, der kann sich zusätzlich als "B Corp" zertifizieren lassen. Den Titel verleiht eine private Organisation, zu deren Gründern die Anwaltskanzlei Linklaters und die Consultingfirma Deloitte gehören - nicht weiter überraschend, denn natürlich braucht auch die alternative Szene Spezialisten, die sich mit der Materie auskennen. Die Zertifizierungsstelle bescheinigt Firmen, dass sie hohe ethische und ökologische Standards einhalten. Zu den Kriterien zählen die Kontrolle von Zulieferern, die Nutzung erneuerbarer Energien und der Frauenanteil der Belegschaft.

"Die Prüfung ist ganz schön hart", weiß Charlotte Rademaekers aus eigener Erfahrung. Die New Yorkerin hat ihre Marketingagentur Call2Action vor eineinhalb Jahren als B Corp zertifizieren lassen; seit vier Monaten ist sie zusätzlich als Benefit Corporation eingetragen. "Ich will in jeder Hinsicht Vorbild sein", sagt die 37jährige, deren Agentur Online-Kampagnen organisiert. Die Glaubwürdigkeit nutzt auch der Auftragslage: "Unsere Kunden sind gemeinnützige Organisationen. Die sehen es gern, dass ihre Geschäftspartner ebenso von einer Mission getrieben sind wie sie selbst."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.