Samstag, 25. Mai 2019

Börse "Oftmals Gift für gesunde Unternehmensentwicklung"

Kurstafel an der Börse: Schon oft kritisierten Unternehmen den Druck, den die Börse - genauer, die Investoren - auf sie ausüben

Zielvereinbarungen sind überflüssig und sollten durch das Prinzip Verantwortung ersetzt werden, sagt Unternehmensberater Wolfgang Saaman. Wenn nur die Börse nicht wäre.

mm: Arbeitet eigentlich noch irgendein Unternehmen ohne Zielvereinbarungen?

Saaman: Ja, in kleineren Unternehmen sind sie längst nicht selbstverständlich und in Konzernen mangelt es oft an Verbindlichkeit im Umgang mit Zielvereinbarungen. Es fehlen bei Zielverfehlung spürbare Konsequenzen.

mm: Wo kommt der Druck in diese Richtung her?

Saaman: Die Saaman Studie 2011 zur Wirksamkeit von Zielvereinbarungen hat folgende Ergebnisse zustande gebracht: Nur 27 Prozent der Mitarbeiter und nur 51 Prozent der Führungskräfte kennen ihre Ziele. Die anderen haben sie nach Zielgesprächen am Jahresanfang im Laufe des Jahres wieder vergessen bzw. einfach nicht präsent. 80 Prozent der Mitarbeiter und 65 Prozent der Führungskräfte machen äußere Umstände für das Nichterreichen persönlicher Ziele verantwortlich: Euro, Bankenkrise, Naturkatastrophen, Politik, Branchenschwäche. Ziele sind zur Unverbindlichkeit verkommen.

mm: Warum funktionieren sie nicht, wie Sie sagen?

Saaman: "Es trifft zu, dass ich mich für meine Ziele engagiere, weil ich dadurch mehr verdienen kann", so die Fragestellung in der Saaman Studie 2011. Das beantworteten nur 46 Prozent aller Führungskräfte und 41 Prozent aller Mitarbeiter mit ja. "Für welchen Zeitraum werden in Ihrem Unternehmen Zielvereinbarungen getroffen?", lautete eine weitere Frage. Darauf antworteten: 87 Prozent für ein Jahr und länger. Das ist für die heutige Zeit erheblich zu lang. 6 Prozent für ein Halbjahr. Auch das ist als Zeitraum zu lang. 7 Prozent sagten, für ein Quartal. In unserer schnelllebigen Zeit müssen Zielaktualisierungen sehr viel häufiger vorgenommen werden - genau genommen monatlich. Das produziert allerdings einen hohen administrativen Aufwand. Wir dürfen nicht vergessen, dass Zielvereinbarungen als Führungsinstrument bereits 1955 von Peter Drucker eingeführt und bisher so gut wie nicht verändert wurden. Wer arbeitet heute noch mit dem technischen Stand in Büro und Produktion von 1955? Das Modell "Zielvereinbarungen" stammt aus einer Zeit, als 10 Jahre als langfristig, 5 Jahre als mittelfristig und 1 Jahr als kurzfristig galten. Heute kann man dieselben Zeiträume nehmen, wenn man statt "Jahre" "Monate" sagt. "Wie oft werden bei Ihnen Ziele aktualisiert?", hieß eine Frage der Studie. Darauf antworteten: 25 Prozent halbjährlich, 10 Prozent quartalsweise. Auf die Frage "Folgen in Ihrem Unternehmen bei Nichterfüllung der Ziele Konsequenzen?" antworteten 11 Prozent mit ja und 28 Prozent mit eher ja. In 61 Prozent der Fälle folgen keine Konsequenzen. Zielvereinbarungen sind heute in die Nähe von Beschäftigungstherapie gerückt. Man macht es, weil alle es machen, nicht, weil es messbare Wirkung zeigt.

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