Klage Eine Klage zum Dessert

Auf den letzten Amtsmetern droht RWE-Chef Jürgen Großmann und dem Konzern ein teurer Streit vor Gericht. Oligarch Leonid Lebedew fordert 675 Millionen Euro Schadenersatz wegen eines geplatzten Deals. Großmann hatte zuvor auch seinen Duzfreund Gerhard Schröder um Hilfe gebeten.
Von Ulric Papendick und Dietmar Student
RWE-Chef Jürgen Grossmann: Ein geplatzter Deal in Russland könnte den Konzern Millionen kosten - auch der "liebe Gerd" (Schröder) konnte die Schadenersatzklage des Oligarchen Leonid Lebedew nicht verhindern

RWE-Chef Jürgen Grossmann: Ein geplatzter Deal in Russland könnte den Konzern Millionen kosten - auch der "liebe Gerd" (Schröder) konnte die Schadenersatzklage des Oligarchen Leonid Lebedew nicht verhindern

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Hamburg - Es ist alles angerichtet, die Einladungen gingen schon im Januar raus. Das Ende seiner Amtszeit beim Essener Energiekonzern RWE will Chef Jürgen Großmann gebührend feiern. Für das komplette Wochenende vom 29. Juni bis 1. Juli bittet er "Kollegen und Freunde von RWE" zu einer Party ins Arosa Kulm Hotel; die Nobel-Absteige in den Schweizer Bergen gehört ihm.

Womöglich wird die Feierlichkeit getrübt durch eine teure juristische Auseinandersetzung. Die fußt auf Begebenheiten aus jener Sturm- und Drang-Zeit des Konzerns, als man sich mit Verve auf den russischen Energiemarkt stürzte. Der versprach rasantes Wachstum und gute Gewinne.

Geblieben ist: eine Schadenersatzklage über 675 Millionen Euro vor dem Landgericht Essen, gegen RWE und Großmann, gesamtschuldnerisch. Es geht um die unglückliche Liaison des Essener Stromriesen mit der russischen "Sintez"-Gruppe, einem Mischkonzern aus St. Petersburg im Besitz des Oligarchen Leonid Lebedew.

Mit jenem Lebedew hatte sich Großmann im März 2008 zusammengetan, um sich den regionalen Versorger TGK-2 zu sichern, der im Nordwesten Moskaus rund 7 Millionen Menschen mit Strom beliefert. Die Zweckehe mit Sintez war Großmann wohl von Anatoly Chubais nahegelegt worden, dem Chef des für die Privatisierung zuständigen russischen Strommonopolisten RAO UES.

Trotzdem ging der Deal gründlich schief - was vor allem daran lag, dass nicht beide Firmen gemeinsam, sondern zunächst nur Sintez allein den Stromversorger übernahm. Erst anschließend, so der Plan, sollten die Russen ihre Anteile mehrheitlich an RWE  weiterreichen.

RWE brach Verhandlungen ab - Lebedew zog vor Gericht

Doch zu welchem Preis, darüber wurden sich die beiden Unternehmen nie einig. Im September, ein halbes Jahr nach dem Erwerb von TGK-2, brach RWE die Verhandlungen schließlich ab. Für Lebedew, der sich für den Deal mehrere hundert Millionen Euro bei der Moskauer Sberbank leihen musste, ein Super-Gau.

Sofort zog der Russe vor Gericht - und versuchte den abtrünnigen Partner in einem Londoner Schiedsverfahren zurück an den Verhandlungstisch zu zwingen. Doch die Richter lehnten ab - der Vorvertrag, den beide Seiten abgeschlossen hatten, sei zu unbestimmt gewesen.

Jetzt versucht Lebedew einen neuen Anlauf. Seine Anwälte wollen beweisen, dass RWE und Großmann ihren Partner in dem monatelangen Verhandlungsmarathon mehrfach hintergangen und schließlich im Stich gelassen hätten. Deshalb fordern sie Schadensersatz;ohne den Partner RWE im Rücken, so ihr Argument, hätte Sintez TGK-2 schließlich nie gekauft.

Lebedew, dessen Firmengruppe vergangenes Jahr knapp 800 Millionen Euro Jahresumsatz erzielte, fühlt sich auch persönlich von Großmann getäuscht. Umso mehr, als sich der Oligarch mit dem deutschen Milliardär auf einer Wellenlänge wähnte. Beide sind begeisterte Segler und Fans alter Autos. Großmann hatte Lebedew schon beim ersten Gespräch in der Essener RWE-Zentrale zu einer Oldtimerrallye eingeladen;später empfing er den Russen auch in seiner Villa an der Hamburger Elbchaussee.

Was Großmann wohl wirklich von seinem Partner hielt, geht aus internen RWE-Dokumenten hervor, die im Rahmen des Londoner Schiedsverfahrens auftauchten.

Großmanns Brief an den "lieben Gerd"

So bezeichnete der RWE-Chef die Russen nicht nur als "Steigbügelhalter" und "Handlanger". Großmann bat sogar seinen Duzfreund, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder um Unterstützung.

Der "liebe Gerd" möge doch helfen, "sanften Druck auf Herrn Lebedew" auszuüben. Letztlich sei das eine Aufforderung gewesen, Präsident Wladimir Putin einzuschalten, schreiben Lebedews Anwälte in ihrer Klageschrift - ein Ansinnen, das in Russland zu kaum überschaubaren Konsequenzen führen kann.

RWE möchte sich zu der Causa nicht äußern. Bis Ende September hat der Konzern Zeit für eine Klageerwiderung. Eine Anspruchsgrundlage sehen die Essener offenbar nicht; sie dürften sich darauf berufen, dass Lebedev mit seinem Ansinnen schon in London scheiterte.

Auf jeden Fall, da sind sich Beobachter einig, wird RWE gründlich und umfänglich antworten - um das Thema ein für alle mal abzuschließen. Den Konzern treibt offenbar die Sorge: Scheitert Lebedev in Essen, zieht er vor das nächste Gericht.

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