Griechenland Politchaos raubt Firmen letzte Hoffnung

Sie sollen das Blatt in Griechenland wenden - doch anstatt zu investieren, gehen Unternehmen in Deckung. Das allseits beschworene wirtschaftliche Comeback rückt angesichts von Neuwahlen in Athen in weite Ferne. Manche Firmen stellen sich bereits auf Hellas' totalen Absturz ein.
Raues Klima: Firmen macht das Geschäft in Griechenland kaum Freude

Raues Klima: Firmen macht das Geschäft in Griechenland kaum Freude

Foto: dapd

Hamburg - Griechenland? Für uns kein Thema. So oder so ähnlich reagieren die meisten deutschen Großunternehmen auch dieser Tage auf die Krise in dem Mittelmeerstaat. "Das Geschäft in Griechenland spielt in Bezug auf unser Gesamtgeschäft nur eine untergeordnete Rolle", heißt es etwa beim Konsumgüterkonzern Henkel.

Auch andere von manager magazin online befragte Konzerne verweisen auf ihr vergleichsweise geringes Engagement in dem Krisenstaat - und wirken dabei angesichts des nicht eben unglücklich. An Wachstum und Investitionen denkt fast niemand. Die spannenden Märkte sind anderswo.

In- und ausländische Firmen gehen in Deckung - doch die Hellas-Tragödie gewinnt dadurch nur zusätzlich an Dramatik. Denn erst wenn Firmen sich endlich zu Investitionen durchringen, öffnen sich dem Land wirtschaftliche Perspektiven. Eine Re-Industrialisierung, einen Marschallplan und Wachstum, Wachstum, Wachstum fordern Politiker sowie Fachleute - doch ohne unternehmerisches Engagement wird daraus nichts werden.

"Im Moment ist den Firmen jede Perspektive verbaut, weil niemand weiß, ob Griechenland im Euro bleibt", sagt Ökonom Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Euro-Frage von zentraler Bedeutung für die Firmen

Die Frage ist für Unternehmen von zentraler Bedeutung: Ein Konsumgüterhersteller wie Henkel  (Umsatz in Hellas: konstant etwa 100 Millionen Euro) müsste mit drastischen Erlöseinbußen rechnen, wenn Griechenland die Drachme einführt und diese abwertet. Für das produzierende und exportorientierte Gewerbe hingegen könnten sich neue Chancen ergeben, wenn die griechischen Löhne im europäischen Vergleich stark fallen.

Zwar betonen die meisten griechischen Parteien, das Land solle im Euro-Verbund bleiben. Doch für die mit der Troika aus Europäischer Union, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank vereinbarten Sparprogramme gibt es im neuen Parlament keine Mehrheit mehr.

Aus der für Juni erwarteten Neuwahl dürften laut aktuellen Umfragen die Linksradikalen als Sieger hervorgehen, die sich besonders stark gegen die griechischen Sparzusagen wehren.

Spurt Hellas aber nicht, würde die Staatengemeinschaft ihre Zahlungen wohl einstellen. Die Staatspleite und ein Austritt aus dem Euro wären denkbar - auch wenn der Vertrag von Maastricht so etwas gar nicht vorsieht.

Firmen jagen ihre Schuldner

Angesichts der politischen Hängepartie begnügen sich Firmen damit, den Mangel zu verwalten. "Unser Hauptaugenmerk gilt der nachhaltigen Zahlungsfähigkeit der Institutionen im Gesundheitssektor", beschreibt ein Sprecher des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer  die Lage.

In anderen Worten: Bayer ist gut damit ausgelastet, seine Forderungen einzutreiben - keine gute Voraussetzung für ein weiteres Engagement in Griechenland.

Auch eine neue Währung könnte die Rheinländer nicht dazu bewegen, in Hellas zu investieren. "Grundsätzlich besteht bei uns kein Bedarf an neuen Standorten", heißt es in Leverkusen vorsorglich.

Die abwartende Haltung der Firmen ist allzu verständlich. "Wir erachten die Risiken für Unternehmen weiter als sehr hoch", sagt der Vorstandsvorsitzende des Kreditversicherers Coface Deutschland, Franz J. Michel, gegenüber manager magazin online.

Korruption und eine ineffiziente Verwaltung

Korruption, eine ineffiziente Verwaltung und starke Gewerkschaften gelten nur als markanteste Hauptursachen für das schlechte Wirtschaftsklima. Zuletzt gab es sogar Berichte von tätlichen Übergriffen gegen Ausländer. "In Griechenland sind es leider keine singulären Faktoren, an denen man arbeiten könnte", sagt Michel. "Es ist, man muss es so sagen, ein systemisches Problem." Ohne das Vertrauen in Ernsthaftigkeit und Zielstrebigkeit werde es "keine Investitionen geben".

Dabei hatte es zuletzt sogar einen winzigen Hoffnungsschimmer gegeben. Im vergangenen Jahr hat Griechenland seine Ausfuhren deutlich gesteigert und die Einfuhren gleichzeitig weiter reduziert. Eine leicht verbesserte Wettbewerbsfähigkeit hatten Ökonomen dem Problemstaat attestiert.

Doch zu weniger Arbeitslosigkeit oder gar Wirtschaftswachstum führt diese Tendenz nicht - Griechenland schrumpft ungebremst. Das Bruttoinlandsprodukt ist auch zu Jahresbeginn 2012 stark gesunken. Im Jahresvergleich ging die Wirtschaftsleistung um 6,2 Prozent zurück, wie aus offiziellen Zahlen vom Dienstag hervorgeht. Es ist bereits das siebte Quartal in Folge mit stark negativen Wachstumsraten.

Vor diesem Hintergrund schockt das Wahldesaster für Konservative und Sozialisten sowie der Einzug von Holocaustleugnern ins Parlament die Unternehmen kaum noch. "Die Unternehmen kümmern sich um die wirtschaftliche Lage, und die ist schon schlimm genug", sagt der Geschäftsführer der Deutsch-Griechischen Handelskammer in Athen, Martin Knapp. "Sie müssen sich der Lage anpassen, das heißt, im schlimmsten Fall ihre Betriebe verkleinern."

Von manchen ausländischen Firmen wie dem Reiskonzern Tui  wird berichtet, dass die Manager sich bereits auf die Wiedereinführung der Drachme einstellen.

"Was nie industrialisiert war, lässt sich nicht re-industrialisieren"

Mit der Lupe suchen Ökonomen schon seit Jahren nach möglichen Wachstumsfeldern der griechischen Wirtschaft. Immer wieder wird der Tourismus angeführt, die Aluminiumbranche hat sich zuletzt gut entwickelt. Auch Pharma- und Informationstechnologie gelten als Hoffnungsträger. An klassischer Industrie jedoch mangelt es. "Was noch nie industrialisiert war, lässt sich schwierig re-industrialisieren", ätzt DIW-Wirtschaftsforscher Brenke.

Vor allem nach dem Fall des eisernen Vorhangs wanderte die Industrie nach Osteuropa ab. "Das produzierende Gewerbe ist kaum noch vertreten, die meisten handeln mit Konsumgütern", sagt Knapp.

Auch die meisten griechischen Firmen seien darauf angewiesen, dass die Leute Geld in der Hand haben - und zwar am besten harte Euros. Kein Wunder, dass der Großteil der griechischen Firmen lieber im Währungsverband bleiben würde.

Drachme böte auch Nicht-Exporteuren Chancen

Zudem leidet Hellas darunter, kaum große Firmen im Land zu haben. Die Unternehmenslandschaft ist geprägt von Betrieben mit Mitarbeitern, die sich an einer Hand abzählen lassen. "Es ist wichtig, auch kleine Firmen zum Export zu ermuntern", sagt der Konjunkturexperte des Münchener ifo-Instituts, Kai Carstensen, gegenüber manager magazin online.

Die Rückkehr zur Drachme würde derartige Aktivitäten vermutlich erleichtern -griechische Firmen könnten ihre Waren auf dem wichtigen europäischen Markt günstiger anbieten. Doch auch, wer auf den Heimatmarkt fixiert ist, könnte laut Carstensen profitieren: "Sie müssen die Konkurrenz durch Importeure weniger fürchten." Je nachdem, wie die Bedingungen eines Euro-Austritts lauten, könne die griechische Wirtschaft davon durchaus profitieren.

Die Hoffnung, dass Unternehmen bald neues Wachstum bringen, hegt inzwischen jedoch fast niemand mehr. "Die Chancen für eine schnelle Revitalisierung der griechischen Wirtschaft stehen eher schlecht", sagt Carstensen. Es werde ein langwieriger Prozess, erwartet auch DIW-Mann Brenke. "Die Behauptung, dass Griechenland noch in diesem Jahrzehnt die Wende gelingt, ist eine optimistische Sichtweise."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.