Konzernbilanzen Die Steuersparer im Dax

Knapp 24 Prozent Ertragsteuern zahlen deutsche Unternehmen effektiv. manager magazin online hat die Bilanzen der Dax-Konzerne verglichen. Während neun von ihnen Milliarden an den Fiskus überwiesen, freuten sich andere über Gutschriften - darunter auch manche profitablen Firmen.
"Walking Man" vor der Zentrale der Munich Re: Die Münchener Rück ist derzeit der größte Steuersparer im Dax - der Nettogewinn fiel mehr als viermal so hoch aus wie der vor Steuern.

"Walking Man" vor der Zentrale der Munich Re: Die Münchener Rück ist derzeit der größte Steuersparer im Dax - der Nettogewinn fiel mehr als viermal so hoch aus wie der vor Steuern.

Foto: Uwe Lein/ AP

Hamburg - Infineon sitzt auf einem großen Schatz. Zwar verfügt der Halbleiterhersteller über die geringsten Barreserven aller Dax-Konzerne. Doch in langen Jahren der roten Zahlen haben die Münchener einen Wert angehäuft, den sie jetzt nutzen können: steuerliche Verlustvorträge von mehr als sieben Milliarden Euro. Das in Vorjahren verlorene Geld wird mit aktuellen Gewinnen verrechnet und mindert so die Steuerlast.

Als "zahlungswirksamen Steuersatz" in Deutschland nennt das Unternehmen etwa 12 Prozent statt der nominell als Körperschaftsteuer, Solidaritätszuschlag und Gewerbesteuer anfallenden 29 Prozent, weil "nur 40 Prozent der inländischen Einkünfte der Besteuerung unterliegen". Dies werde auch "so lange auf diesem Niveau bleiben, bis die steuerlichen Verlustvorträge aufgebraucht sind".

Und das kann dauern, denn so viel zu verrechnender Gewinn ist lange nicht in Sicht. Die deutschen Verlustvorträge kennen, anders als etwa in China oder den USA, kein Verfallsdatum. Als aktive latente Steuern, also wahrscheinlich nutzbare Verlustvorträge, bilanziert Infineon  nur 262 Millionen Euro, immerhin fast ein Siebtel der langfristigen Vermögenswerte. Unterm Strich verbuchte Infineon für das vergangene Geschäftsjahr sogar einen "tatsächlichen Ertrag aus Steuern vom Einkommen und vom Ertrag" von 30 Millionen Euro, dank einiger Subventionen und Wertberichtigungen auf latente Steuern.

Die effektiven Unternehmensteuern sind die große Unbekannte

Infineon ist kein Einzelfall. Auch hochprofitable Konzerne wie Volkswagen (Kurswerte anzeigen) weisen enorme latente Steuern aus (in diesem Fall auf der Aktivseite der Bilanz brutto fast 17 Milliarden Euro). Diese obskure Kategorie, die laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers regelmäßig den Bilanzprüfern am meisten Kopfzerbrechen bereitet und laut Betriebswirten der Universität Münster in manchen Firmen sogar das bilanzielle Eigenkapital übersteigt, ist ein zentraler Hebel der Ergebnissteuerung.

Während die politische Diskussion, beispielsweise um eine deutsch-französische oder später europäische Harmonisierung, um die nominellen Steuersätze kreist, sind die effektiven Unternehmensteuern die große Unbekannte.

manager magazin online hat die nun vorliegenden Bilanzen der Dax-Konzerne untersucht. Demnach haben die 30 Aktiengesellschaften zusammengenommen im vergangenen Geschäftsjahr (das in drei Fällen bereits im September endete) den Finanzämtern weltweit 22,3 Milliarden Euro gutgeschrieben, knapp 24 Prozent ihrer Vorsteuergewinne.

Deutsche Steuern sind nicht immer höher als im Ausland

So viel zahlen Industriefirmen mit Sitz in Deutschland auch laut einer Studie der US-Ökonomen Kevin Markle vom Dartmouth College und Douglas Shackelford von der Universität North Carolina - im internationalen Vergleich ein hoher Wert, übertroffen nur von Japan, Frankreich und den USA. In anderen Branchen sieht das anders aus. Die deutsche Finanzwirtschaft beispielsweise kommt auf einen Wert von 18 Prozent, nur noch unterboten von den Sätzen in Steueroasen.

In Deutschland addiert sich zu den 15 Prozent Körperschaftsteuer und 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag noch die von den Gemeinden erhobene Gewerbesteuer, die je nach lokalem Hebesatz stark variieren kann. Während die Metro  ihren inländischen Ertragsteuersatz mit 35,2 Prozent angibt, sind es für Infineon nur 29 Prozent. Noch stärker klaffen die Sätze international auseinander. Die Commerzbank  nennt eine Spanne von Null in Dubai bis 46 Prozent im Staat New York.

Die nominellen Steuersätze finden sich in den Ergebnissen jedoch kaum wieder. Die Analyse der Geschäftsberichte zeigt auch, dass der Grad der Globalisierung kaum Einfluss auf den Zugriff des Fiskus hat. Chemieriese BASF  weist die Herkunft der Steuerlast detailliert aus: Während der Ludwigshafener Konzern global 30,2 Prozent seiner Gewinne abführt, sind es in Deutschland nur 10,2 Prozent.

Einzelhandel bringt kaum Verlustvorträge

Die Steuerquoten besonders internationaler Dax-Konzerne wie Adidas , Bayer  oder Linde  liegen leicht über dem Durchschnitt. Konzerne, deren Geschäft zu einem hohen Anteil in Deutschland stattfindet, wie RWE  oder die Deutsche Telekom , liegen nur leicht darüber.

Dass sich in diesem Lager mit der Metro (Steuerquote 49,7 Prozent) ein Ausreißer nach oben findet, kann mit der generell höheren Steuerlast im Einzelhandel erklärt werden. Die relativ konjunkturstabile Branche erwirtschaftet selten Verluste und dementsprechend wenig steuerliche Verlustvorträge. Daher weist auch die Metro-Bilanz kaum latente Steuern auf. Die in diesem Jahr besonders hohe Steuerlast begründet der Konzern mit dem "Abschluss von steuerlichen Betriebsprüfungen im Ausland".

Die Berichte verraten nicht, inwiefern die Konzerne Steuersparmodelle wie etwa Holdings in Steueroasen genutzt haben, um ihre Zahlungspflicht zu vermindern. Immerhin verrät die Deutsche Bank  etwa, dass eine "vorteilhafte geografische Verteilung des Konzernergebnisses" geholfen habe, ihre Steuerquote unter 20 Prozent zu drücken. Die Deutsche Börse  hat ihr erklärtes Ziel von 26 Prozent erreicht, nachdem sie zentrale Operationen von Frankfurt am Main in die benachbarte Niedrigsteuergemeinde Eschborn und nach Prag verlegte.

US-Firmen werden als Steuervermeider gebrandmarkt

Eine große Debatte um Steuern als Beitrag zum Gemeinwesen, wie sie die Staatsschuldenkrise im Fall der persönlichen Einkommensteuer und möglicher Vermögensteuern ausgelöst hat, blieb den deutschen Konzern bislang erspart. Anders in angelsächsischen Ländern.

Die US-Gruppe Citizens for Tax Justice hat ermittelt, dass die 280 größten Konzerne dort in den vergangenen drei Jahren effektiv nur 18,5 Prozent Gewinnsteuern zahlten statt der offiziellen 35 Prozent, die Steuererträge der Firmen summierten sich auf 223 Milliarden Dollar. "Das ist verschwendetes Geld, das unseren Gesundheitsdienst schützen, Jobs schaffen und das Defizit hätte vermindern können", schimpft Robert McIntyre, der Direktor der Gruppe. "Unser Steuersystem verhätschelt zu viele Firmen." Die Citizens for Tax Justice haben beispielsweise FedEx , Amazon  oder Google  als notorische Steuervermeider gebrandmarkt.

Das internationale Tax Justice Network, dessen Leiter John Christensen früher die Regierung der britischen Steueroase Jersey beriet, macht ein globales ökonomisches Problem aus, indem sinkende Unternehmensteuern die Firmen ermuntern Geld zu horten und gleichzeitig staatliche Investitionen verhindern. Allein in der Euro-Zone lägen zwei Billionen Euro ungenutzt auf den Firmenkonten.

Die Kassen der Konzerne sind voll

Dieser Ansicht schließt sich sogar Deloitte-Chefvolkswirt Ian Stewart an. "Während Großkonzerne profitabel und reich an Barem sind, fehlt den Regierungen und Verbrauchern in westlichen Volkswirtschaften Geld." Das gefährde das Wachstum, findet der Ökonom, dessen Firma für ihre Beratungsdienste wirbt, sie könnten die "gewünschte globale effektive Steuerquote" beeinflussen und "Planungsmöglichkeiten" ausfindig machen.

Auch hierzulande sind die Kassen der Konzerne voll. Die Beratungsfirma Ernst & Young zählt in ihrer Analyse der Dax-Bilanzen - ohne Banken und Versicherungen - 76 Milliarden Euro flüssige Mittel. Das ist deutlich weniger als die im Vorjahr erreichten 90 Milliarden, aber immer noch ein Cash-Polster von historischer Dicke.

Allein der Volkswagen-Konzern hortete zuletzt 14,5 Milliarden Euro, freute sich zugleich aber über eine dank Verlustvorträgen niedrige Steuerquote von 16,5 Prozent - was angesichts der schieren Größe des Gewinns immer noch 3,1 Milliarden Euro ausmacht, die höchste absolute Steuerlast unter den Dax-Konzernen.

Naturkatastrophen erleichtern die Munich Re um ihre Steuerpflicht

Niedrige Steuern gelten eher als positiver Ausweis der Stärke des Unternehmens. Was zählt, ist der Nachsteuergewinn. Selbst der Deutschen Telekom (Kurswerte anzeigen) mit ihrem Großaktionär Bund sind hohe Steuern offenbar eher unangenehm. Mit 77,8 Prozent weist sie die mit Abstand höchste Belastung der Dax-Konzerne auf, in ihrem Bericht an die Aktionäre nennt sie aber lieber eine um Sondereffekte bereinigte Quote von 34,2 Prozent.

Sondersteuern zur Staatssanierung in Griechenland und Ungarn nennt sie als wesentliche Faktoren, die neben dem scharfen Wettbewerb im Kerngeschäft den Konzernerfolg schmälern. Der Sondereffekt jedoch, der den Ertragsteueraufwand verdoppelte, bestand in dem geplatzten Verkauf der Tochter T-Mobile USA. "Ursache ist vor allem die von AT&T erhaltene Ausfallentschädigung, die das Vorsteuerergebnis erhöhte und einen Steueraufwand von 0,9 Milliarden Euro zur Folge hatte", schreibt die Telekom.

Der Bund als Eigentümer hat auch der Commerzbank (Kurswerte anzeigen) kaum Steuereifer beigebracht. Runde 500 Millionen Euro Verlustvorträge, die bisher nicht berücksichtigt waren, buchte die Bank als latente Erträge, weitere 254 Millionen nutzte sie in diesem Jahr, hinzu kamen Ansprüche von 267 Millionen Euro aus Vorjahren. Das alles habe sich "positiv auf die Konzernsteuerquote (-47,3 Prozent) ausgewirkt", vermerkt der Geschäftsbericht. Positiv für den Gewinn (der vollständig im Haus blieb), aber nicht für den Fiskus.

Eon bekommt eine Milliarde Euro vom Fiskus

Die Commerzbank zeigt aber auch beispielhaft, dass die Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind. Ein Steuerertrag bedeutet nicht, dass Geld vom Finanzamt an das Unternehmen fließt. Und verbuchte Steuern sind nicht das gleiche wie gezahlte Steuern. Daher gibt es noch einen Bilanzposten "tatsächliche Steuern", der sich meist im Anhang zur Gewinn- und Verlustrechnung findet. Auch innerhalb der Zahlenwerke operieren die Konzerne mitunter mit unterschiedlichen Angaben.

Regelmäßig weisen die Handelsbilanzen der Unternehmen höhere Gewinne aus als die (nicht veröffentlichten) Steuerbilanzen, die sich an das Finanzamt richten. Wie groß bilanzielle Interpretationsspielräume sein können, zeigt die Commerzbank, die neben der Handelsbilanz nach internationalen Buchungsregeln (IFRS) auch noch eine weitere Bilanz nach deutschem Handelsgesetzbuch (HGB) erstellt. Während die an Investoren gerichtete IFRS-Bilanz den zweiten Jahresgewinn in Folge ausweist, steht in der HGB-Bilanz nach wie vor ein dickes Minus. So kommt die Commerzbank um die Zahlung von Zinsen auf die vom Staat gewährte Stille Einlage herum.

Der Meister der Steuersparer im Dax für 2011 aber ist weder die Commerzbank noch Infineon , auch nicht Eon  und ThyssenKrupp , die beide rote Zahlen schrieben und daher Gutschriften vom Finanzamt bekamen (in Eons Fall sogar mehr als eine Milliarde Euro), sondern die Munich Re .

Der Rückversicherer verweist auf "schwere Naturkatastrophenverluste", die "vor allem außerhalb der USA angefallen sind und dort eine steuerliche Entlastung bewirkt haben". Zugleich erwirtschaftete die US-Tochter Gewinne - steuerfrei, weil sie Verlustvorträge der Vorjahre nutzen konnte. Ergebnis: "Im Berichtsjahr ergibt sich eine Steuerentlastung von 345 Prozent", der Nettogewinn fiel mehr als viermal so hoch aus wie der vor Steuern.

Übersicht: Dax-Konzerne verdienen so viel wie nie

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